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Neue Nationalzeitung · 1912-06-14 · Heft 12 (14.6.1912) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 12 (14.6.1912)
Date
1912-06-14
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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,Neue National-Zeitung" Nr. 12 Seite 8 Die Familie Sassoon führt ihren Stammbaum auf die Familie Ibn Suschan zurück, die in Toledo in Spanien ihren Sitz hatte und die ihren Ursprung bis auf die königliche Familie Davids herleitete. Die Sassoons traten daher mit der mehr oder weniger begründeten Behauptung auf, zu dem ältesten Adel der Welt zu gehören. In England verdanken sie ihre Hoffähigkeit und ihr gesellschaftliches Ansehen hauptsächlich dem verstorbenen König Eduard, der ihnen in Freundschaft zugetan war. Die Bekanntschaft mit dem Könige Eduard gehört zu der Reihe der ungewöhnlichen Ereignisse, die die Familie bisher begünstigten. Sir Edward war mit Alice Caroline, Tochter des Barons Gustave v. Rothschild, verheiratet. Die Gemahlin verlor er im Jahre 1909. Er hinterläßt zwei Kinder, einen 1888 geborenen Sohn, Philippe Albert Gustave, und eine 1894 geborne Tochter. Rechtsanwalt Dr. Farbstein In Zürich, Kantons- und Stadtrat, wurde als Ersatzmann in das Kassationsgericht gewählt. Diese Tatsache verdient verzeichnet zn werden, weil mit dieser Wahl im Kanton Zürich der erste Jude ein Richteramt und dazu im höchsten Gerichtshof des Kantons übernimmt. Obwohl bisher die Kantonräte vom Lande sich gegen die Wahl eines Juden als Richter sträubten, ist es der sozialdemokratischen Partei gelungen, ihr Mitglied in das Kassationsgericht zu bringen. Mit einer Mehrheit, die aus Sozialdemokraten, Demokraten und sogar aus einigen Liberalen bestand, ging bei der Wahl Herr Dr. Farbstein gegen Dr. Gubser als Sieger hervor. Der Gewählte ist Nachfolger des bekannten Rechtsanwaltes Dr. Eugen C u r t i - Forrer, der als Mitglied des Kassationsgerichtes gewählt wurde. Dr. Farbstein war ehemals ein sehr tätiges Mitglied der zionistischen Partei und hat beiden ersten Kongressen in Basel als Delegierter beigewohnt, Jüdische Arbeiter beim Panama-Kanal. Einem Briefe, welchen die New-Yorker Jewish Daily News aus Panama erhalten haben, entnehmen wir die Mitteilung, daß an den Arbeiten des Panamakanafs sehr viele Juden, darunter auch russische Arbeiter, teilgenommen haben. Juden — so schreibt der betreffende Korrespondent — gibt es hier aus allen Weltteilen. Es gibt hier Juden, aus Syrien, weiche arabisch sprechen, Juden, deren ständige Wohnung auf den westindischen Inseln ist, besonders aus Jamaika, welche hier Handel treiben. Ebenso Juden aus Marokko, Spanien, Frankreich und Deutschland. Aber es gibt hier auch solche Juden, mit denen wir uns gar nicht verständigen können, da sie weder spanisch, noch hebräisch, noch eine der hier üblichen Sprachen sprechen. Ihre Lebensbedingungen sind hier durchaus nicht schlecht, zumindest aber nicht schlechter als in New-York. Das englische Derby hat in diesem Jahre wieder ein jüdischer Rennstallbesitzer, Mr. Walter Raphael, gewonnen. Im Vorjahre gewann das blaue Band der jüdische Millionär Mr. Joel. Es beweist dies, welche hervorragende Stellung die Juden im englischen Sporfsleben einnehmen. In Oesterreich sind die Barone Rothschild und Springer Rennstallbesitzer. Der Czernowitzer Philantrop Dr. von Fischer ist Besitzer eines Trabrennstalles. ZEITSCHRIFTEN-RUNDSCHAU. Judische Mädchen — lernt hebräisch! Nahida Ruth Lazarus an „unsere jungen Jüdinnen." Die Juni-Nummer der „Mitteilungen des Verbandes, der jüdischen Jugendvereinc Deutschlands" veröffentlicht an leitender Stelle einen sehr beherzigenswerten Appel der Frau Nahida Ruth Lazarus, Witwe des berühmten Ethikers Professor Lazarus, an die jüdischen Mädchen, dem wir mit Freuden auch in unserem Blatte auszugsweise Raum geben: „. . . Da tritt der Vorstand der jüdischen Jugendvereine Deutschlands mit der freundlichen Bitte an mich heran, »auch einmal zu unserer jüdischen Jugend zu sprechen". — Sein Vertrauen ehrt mich. Und man soll kein Vertrauen entäuschen. Es handelt sich um das Erlernen der hebräischen Sprache von Seiten unserer Jugend. Viel wichtiger noch, als daß die Knaben hebräisch lernen, scheint mir, daß die Mädchen es lernen. Sie sind die künftigen Mütter . . . und es liegt in ihrer Hand, dem Kinde einst der künftigen Generation das spätere Studium unendlich zu erleichtern. Noch ehe das Bübchen, das Mädelchen zum Religionslehrer und Sprachmeistcr kommt, hat es schon von seinem Mutting, die schöne, das Auge des Kindes ergötzende Quadratschrift gelernt und viele, viele Worte! Die Dinge, die es umgeben, die lieben Haustiere, die trauten Blumen, Vögel und sonstige lustige Sachen und besonders — Gott, den Schöpfer aller Dinge kennt und nennt es in der heiligen Sprache, die ihm keine fremde, schwere, mystische, bloß angelernt mehr ist, sondern die süße Mutter spräche — hat es sie doch von der Mutter zuerst empfangen! ist es doch von der Mutter an die heiigen Laute gewöhnt worden! — Vielleicht meinen unsere Mädchen, hebräisch wäre schwer zu erlernen? Das weiß ich wirklich nicht. Mir ist es nicht schwer geworden. Aber freilich — ich liebte das Hebräische, noch ehe ich es kannte, als die Ursprache der Bibel. Ein wenig Liebe muß wohl dabei sein .... Sonst geht's nicht, oder nur schlecht und dann — lieber garnichf! Es wäre wie Entweihung der heiligen Sprache, sie ohne Liebe lernen zu wollen. Darf ich — (da ich in Bezug auf hebräisches Wissen keine Gelehrte bin, sondern immer nur noch eine Lernende) erzählen, wie ich, die Christin, die diesen Dingen durch Geburt, Herkommen und Erziehung völlig fern stand, doch innerhalb weniger Jahre dahingelangte, meine geliebte Bibel in der Ursprache zu lesen? Freilich — Lazarus Degeisterte mich dazu, indem er mich ermutigte und mir eine hebräische Bibel gab: es war sein erstes Geschenk. — Das Erste war nun, daß ich die wundervollen, so energischen, wie in Stein gemeißelten und doch so anmutig geformten Buchstaben auf einen meterhohen Pappdeckel malte (ach! mit welchem Vergnügen! ich muß heute noch dazu lächeln, wenn ich daran zurückdenke) ..." „Dann nahm ich mir das ,Lehr- und Übungsbuch' von H. L e e s e r vor. — Nur dieses. — Da mir durchaus die Zeit fehlte zu vergleichenden Sprachstudien, ließ ich alle übrigen theoretisch-praktischen Lehrmittel völlig beiseite und konzentrierte mich einzig und allein auf dieses eine Buch, das mir ungemein klar, einfach und systematisch erschien." „Nach kaum zwei Jahren dichtete ich schon einen kleinen „Hymnus auf Jerusalem". Zur Ermutigung etwaiger zaghafter Leserinnen bringe ich hier das Briefchen eines ausgezeichneten Mannes, der damals Rabbiner an der kleinen Synagoge an der Potsdamerstraße war." (Folgt ein Brief von Dr. S. Cohn. Die Red). „Er knüpfte daran in der „Jüdischen Presse" einige bittere Betrachtungen über die Lauheit der Jüdinnen inbezug auf die Erlernung des Hebräischen. Die Klage ist eine alte . , . Sollte es wirklich nicht besser werden können? — Rekapitulieren wir: Liebe zur Sache muß dasein; das versteht sich von selbst. Leichtigkeit des Erlernens durch nur wenige Aufgaben. Täglich nur zwei Vokabeln, aber diese müßen fest sitzen. Konzentration. Gründlichkeit. Kein flüchtiges Obenhin kein Unverstandenes!" „Und nun meine zu Anfang dieser Zeilen angekündigte Frage: sollte unsere Jugend in solchen teils ernsten, teils launigen, immer aber eifrigen Untersuchungen und Wortgefechten, hitzigen Meinungsverschiedenheiten und friedlichen Forschungen über Bibeltexte und Kommentare nicht eine fesselndere und freudigere Unterhaltung finden, als etwa in leidigem Alltagsgeschwätz und Geplappere übere Toiletten und — neue Hüte? —

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