Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 12 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 12 Oesterreich-Ungarn. Das Testament eines Sonderlings. Wien. Bereits zum vierten Male wird jetzt seitens des Kultusvorstandes die nachstehende Stiftung ausgeschrieben: Donat Taussig'sche Armen-Stiftung. Anzahl der Platze: 96 im Betrage von je K 127-—. Bewerbungsbcrechtigtsind: a) dem jüdischen Glauben angehörige, männliche, ledige, verarmte, gebrechliche, kränkliche, erwerbSlinfäJlige Personen, welche das 60. Lebensjahr zurückgelegt haben, in einem der im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder mit Ausnahme Galiziens geboren und dahin zuständig sind, mindestens seit einem Jahre in Wien wohnhaft sind, der Effektenbörse als Mitglied weder angehören, noch angehört haben, eine kriminelle Abstrafung nicht erlitten und auch nicht falliert haben. In Ermangelung derartiger jüdischer Bewerber sind zum Einschreiten berechtigt: männliche, ledige, gänzlich verarmte, gebrechliche, kränkliche, arbeitsunfähige Personen, christlicher Konfession, die das 60. Lebensjahr zurückgelegt haben, dem Handels- oder Gewerbestande angehören, in einem der im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder geboren und in Wien zuständig sind, der Effektenbörse als Mitglied weder angehören, noch angehört haben, keine kriminelle Abstrafung erlitten haben und seit mindestens einem Jahre in Wien wohnhaft sind. Bevorzugt sind: Unter sonst gleichen Verhältnissen Bewerber, welche mit dem am 18. Oktober 1907 vertsorbenen Stifter, Herrn Donat Tausslg, nicht über den 6. Grad der Settenlinie hinaus verwandt sind. Der Stifter ist der unseren Lesern bekannte Donat Taussig, an dessen Todestage Barmherzige Brüder und Sicherheits-Wachmänner als Leidtragende im Seitenstettentempel zum Kadisch erscheinen müssen .... Obige Stiftung mit ihrem gehässigen Ausschluß galizischer Juden und sonstigen kuriosen Bedingungen hat zur Folge, daß bisher kein Platz an einen Juden verliehen werden konnte. Die Zinsen werden also thesauriert und kein Armer hat etwas davon. Es wäre die höchste Zeit, daß der Kultusvorstand als Stiftungsverwalter an die Statthalterei wegen Aenderung des Stifungsbriefes herantritt. Es gibt wohl genug würdige und bedürftige jüdische Männer in Wien, die unter normalen Bedingungen auf diese 96 Plätze Anspruch erheben könnten. Brief aus Galizien. Die galizische Landmarschallkrise. Lemberg, Anfang Juni. Nach fünfjähriger Amtsausübung verläßt Graf Stanislaus Badeni seine Stelle als Landmarschall; zu seinem Nachfolger wurde Adam Graf Goluchowski bestimmt. Graf Badeni hat nichts getan, um sich bei der jüdischen Bevölkerung ein Andenken zu sichern; in die Zeit seiner Wirksamkeit fällt die ärgste jüdische Proletarisierung. Die vielverheißende Enquete des Landesausschusses behufs Einleitung einer Hilfsaktion für die Juden hat unter seinem Vorsitze stattgefunden und blieb ohne jeden praktischen Erfolg; Graf Badeni ließ, wiewohl seitdem 16 Monate verstrichen sind, noch nicht einmal das Protokoll veröffentlichen. Er spricht wohl ebensogut jiddisch, wie sein verstorbener Bruder Kasimir, aber als eingefleischter Schlachcice ist er der „Purez" und der Jud' der „Moschko." Graf Goluchowski ist politisch noch reaktionärer als sein Vorgänger, an Verständnis für die Bedeutung der galizischen Judenfrage fehlt es ihm ebenso. Die jüdische Bevölkerung hat daher nach wie vor auf irgendwelche Hilfe, insbesondere auf die Durchführung der vom Landtage beschlossenen Hilfsaktion von dieser Seite nicht zu rechnen. Die Massentaufen in galizischen Klöstern. Im Krakauer Felizianerinnenkloster gehen die Massentaufen der jüdischen Mädchen lebhaft von statten. Jede Woche werden einige Mädchen, die kaum der Unmündigkeit entwachsen sind, gegen den Willen ihrer Eltern getauft. Dagegen gibt es keine Instanz und keine Hilfe. Formell allerdings sind die k. k. Behörden mit ihren Interventionen zur Hand, aber — bis der betreffende Beschluß erlassen wird, sind die Mädchen längst schon in ein anderes Kloster transportiert worden. Man wartet vergeblich darauf, daß irgend ein „Israelit" im Polenklub oder gar der Abgeordnete des Krakauer Juden vierteis, Dr. Groß, einmal im Parlamente oder eventuell sogar zwischen den vier Wänden des Polenklubs — das wäre ja doch nicht gegen die Disziplin — ein Wort verliert, aber — die Herren haben wichtigere Sorgen. Ueberhaupt zeigt sich jetzt die ganze Lächerlichkeit der Begründung, mit welcher der allerjüngste Moschko, Dr. Adolf Groß, in den Polenklub eingetreten ist. Da hat es geheißen, er müsse deswegen in den Polenklub eintreten, um für die galizischen Juden etwas „Großes" leisten zu können. Ein solcher Mann, wie Dr. G r o ß, sei prädestiniert zu großen Taten für die galizische Judenschaft, nur dürfe er nicht vereinzeint dastehen. Der Polenklub mit seinem großen Rahmen werde ihm unter die Arme greifen, und die werden dann Gott weiß was Großes vollenden. Und siehe da, Dr. Groß befindet sich innerhalb des großen Rahmens schon ein ganzes Jahr und er erhebt die Hände gar nicht; es ist daher auch gar nicht notwendig, dieselben zu stützen. Dr. Groß reitet nach wie vor sein Steckenpferd: Billige Wohnungen für das gesamte Volk in Oesterreich von Buchs bis Itzkany. Die galizischen Juden sollen sich um ihre jüdischen Angelegenheiten selber kümmern . . . Ein jüdisches Mandat ohne Kandidaten. In der galizischen Stadt Stryj ist das Landtagsmandat frei geworden. Dasselbe war durch 30 Jahre in den Händen des vor einigen Jahren verstorbenen jüdischen Bürgermeisters Dr. Fruchtmann gewesen. Nach dessen Tod mußte der polnische Landesmannminister mit einem Landtagsmandate ausgestattet werden und da wandte sich das polnische Zentralwahlkomitee an die jüdische Bürgerschaft in Stryj mit dem Wunsch, diesmal ausnahmsweise das Mandat dem christlichen Kandidaten Minister Dulemba zu überlassen, wogegen bei den nächsten Wahlen dieses Mandat wieder einem Juden übertragen werden sollte. Dulemba, der auch tatsächlich gewählt wurde, hat vor kurzem sein Mandat niedergelegt und die Frage der Wiederbesetzung ist nun aktuell geworden. Es ereignet sich nun ein in Galizien unglaublicher Fall: Es findet sich kein jüdischer Kandidat für dieses Mandat. Der jüdische Bürgermeister von Stryj, Dr. Falk, der zuerst in Betracht käme, lehnt ab. Andere jüdische Kandidaten melden sich nicht. Natürlich ist das nur cum grano salis zu nehmen. Kandidaten wären schon vorhanden, wenn es sich um eine freie Wahl handeln würde. Allein die