Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 11 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 tischer Mann, seine Wege trennen sich von denen Amrams, Kehats Sohne, „der war Levis Sohn, der war Jakobs Sohn, der war Isaaks Sohn, der war Abrahams Sohn". Phater weiß von Josef, „der Korn schaffte für Pharao", nichts als daß er die Aegypter zu Leibeigenen Pharaos machte. Er sieht die Geschichte seines Volkes unter einem anderen Gesichtswinkel als Amram. Der glaubt an die Verheißung: „Durch Deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden." Jochebeth, sein Weib-), zweifelt daran. Denn Pharao schlägt alle Erstgeburt. Aber siehe, Temma, die ägyptische Prinzessin findet Jochebeths Kind am Nil und spricht zu Mirjam: „Ich habe es vom Nil bekommen und darum ist es ein Götterkiud." Und Mirjam spricht zur Mutter: „Pharaos Tochter wird Amrams und Jochebeths Sohn erziehen. Harns Kinder werden denen Sems dienen. Gelobt sei der Herr, Sems Gott!" Jetzt glaubt die Mutter an die Verheißung. Es ist ein fein ausgeführtes, wenn auch kurzes, die Seelen wohl zergliederndes Drama, das uns diese Miniature darbietet, eine Einleitung in die Geschichte unseres Volkes. Vom alten Aegypten zu dem Athen der Perikles, Sokrates, Phidias, Euripides, Plato und Alkibiades, zu dem Athen des „Hemicyklion", des Halbkreises, des „Marmorsofas V an dem jene Männer sich versammeln, um zu philosophieren, d. h. dialektische Redekämpfe aufzuführen, ist ein weiter Weg. Chronologisch nicht ganz genau ist es, wenn der Israelit aus dem Stamme Levi, der sich nun Kartaphilos nennt, und von Kleon dem Gerber aufgefordert wird, Zeugenschaft dafür abzugeben, daß die sich Unterredenden die Götter des Staates schmähten, sagt: „Vor 200 Jahren wurde unsere Stadt Hierosolyma von dem babylonischen Nebukadnezar zerstört". — Es waren etwas weniger Jahre seitdem verflossen. Doch wie gerne lassen wir dem Dichter seine chronologische Ungenauigkeit hingehen für den wahrhaft frappierenden Gedanken, in diese Philosophenwelt Athens, den Hebräer einzuführen, der dem Kleon nichts anderes zu sagen weiß, als: „Ich bin ein Syrer und kenne nur den einzigen wahren Gott. Eure Götter sind nicht meine". Sokrates ist tot, aber der Gott des Hebräers lebt fort. Und wieder führt uns der Dichter nach Athen. Eine andere Zeit ist gekommen. Das römische Imperium ist aufgerichtet und Rom schickt seine Söhne nach dem Athen Piatos, damit sie dort dessen Philosophie studieren. Flaccus und Maro belauschen wie in ihren Gesprächen. Wir wissen schon: es sind „Horaz und Vergil, der, als das Christentum kam, zu den Propheten gerechnet" wurde. Dante hat ihn zum Heiligen erhoben. So befinden wir uns in der Zeit der Entstehung der neuen Lehre. Und wieder führt uns der Dichter nach Aegypten, der Wiege aller Weisheit. Östlich vom alten Heliopolis, dem biblischen On, hat sich eine Karawane gelagert. „Da war viel Volk, alles jedoch Hebräer. Und die waren auf Kameelen und Eseln von Palästina durch die Wüste gezogen; dieselbe Wüste, welche die Kinder Israel vor tausend Jahren durchstreift hatten ..." Von einer Unterredung hören wir zwischen einem Römer und Hebräer. Der Römer rühmt Augustus, den Friedens- -) Ich schreibe die hebräischen Namen ganz nach Strindb e rg. kaiser, den Erlöser. Er kennt keine andere Erlösung, als die durch Rom. Anders der Hebräer. Der heißt Josef und sein Weib Maria. Und ihr Kind schläft . . . Die Miniature, „Das Lamm", führt uns in das Palästina des Tetrarchen. Heroües Antipas. Dort ist der Prophet erstanden, der Galiläer, der Sohn des Zimmermannes. Und im Gegensatze zu diesem Bilde sehen wir in Rom, vor dem Tempel des Jupiter Latiaris, zwei Männer sich unterreden über diesen Tempel des „wilden T i ers", „des Kaisers, des Caligula, des Verrückten, des Mörders, des Blutschänders". Einer dieser Männer ist ein Römer. Der Römer ist jetzt überall zuhause. „Den Hebräer trifft man auch überall, aber er ist nirgends zuhause". Welch' feine, treffende Bemerkung! „Das wilde Tier hatte drei Köpfe, der eine ist der des Caligula, der andere der des Claudius und der dritte der Neros." Und weiter führt uns der Dichter in die Zeit des Neuplatonikers, des von der Kirche Apostata genannten Kaisers Julianus. Sein jüdischer Schreiber Eleazar hofft auf die Wiedererrichtung des Tempels. Julianus verspricht ihm, seine Hoffnung zu erfüllen, „Geschehe Dir, wie Du glaubst! Der Tempel soll aufgebaut werden, wenn auch nicht in 3 Tagen, wie der Galiläer meinte". „Sicher ist, und von christlichen, jüdischen und heidnischen Schriftstellern bestätigt, daß der Tempel von Jerusalem nie wieder aufgebaut wurde, denn als der Grund gelegt werden sollte, brach Feuer aus dem Boden, und zwar im Zusammenhange mit einem Erdbeben ..." Mälig sind wir ins M i 11 e la 11 e r gekommen, in die furchtbaren Zeiten, wo A11 i 1 a mit seinen Hunnenscharen die Gebilde der alten Welt zertrümmerte, und weiter in die Zeit, da der „servus servorum Dei", der Papst, der große Gregor, ein Gebäude errichtete, welches das Imperium Romanum wiederherstellte, freilich in anderer Art, als es einst die Welt beherrschenden Kaiser planten. Eine neue Religion hatte inzwischen kühn das Haupt erhoben, die „Ismaels", die Religion des Schwertes, die Religion Mohameds, der seine ersten Eindrücke von seinem Vetter Wuraka erhielt, der von jüdischer Herkunft war. „Es gibt auch eine Überlieferung, der Prophet sei Jude gewesen: und das kann man sagen, da er Araber oder Ismaelit war, was dasselbe ist". Diese Worte sind aus einer Unterredung entnommen, die zwischen dem Juden Eleazar in dessen Waffenladen zu Sevilla geführt wird mit dem Grafen Julius, dessen Tochter Florinda in Toledo erzogen wurde und König Roderich, dem letzten Beherrscher der Westgoten, in die Hände fiel, „dem Räuber und Wüstling . . ." Eleazar und Graf Julius sind es, welche die Herbeirufung der Mauren von Afrika planen. Mussa kommt herbei, das Westgotenreich stürzt zusammen, Roderich ist in den Wogen des Guadalete umgekommen. Graf Julius und der Bischof Oppas hatten ihn verräterisch verlassen. Die Juden aber, die den Mauren kräftig beigestanden gegen ihre westgotischen Peiniger, wurden sofort befreit, „und in jede einzelne Stadt Spaniens wurde ein Jude als Statthalter gesetzt". Ueberflüssig zu bemerken, daß sich hier der Dichter nicht an die Geschichte hält, die wir ja genau aus dem Werke Dahns, „die Könige der Germanen", kennen. Aber nicht darum handelt es sich, son-