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Neue Nationalzeitung · 1912-05-31 · Heft 11 (31.5.1912) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 11 (31.5.1912)
Date
1912-05-31
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 ,Neue National-Zeitung' Nr. 11 FEUILLETON. August Strindberg und die jüdische Geschichte. Von Prof. Dr. M. Grünfeld. (Nachdruck verboten.) »Anders, — als sonst in Menschenköpfen, Malt sich in diesem Kopfe die Welt". — Der große schwedische Dichter hat nun ausgerungen. Wochenlang verfolgte die ganze gebildete Welt diesen Kampf des Titanen mit dem Allbezwinger, der nun seinen Sieg über den Gewaltigen davongetragen hat. Man wird sehr viel über Strindberg, diesen eigenartigen Geist der nordischen Literatur, die sich durch ihn, ebenso wie auch durch Ibsen, Björnson und Tolstoi die ganze Geisteswelt unterworfen, schreiben. Es wird über ihn als Dramatiker, Romancier, Novellisten, über den Lyriker und Philosophen, den Psychologen und Mann der Wissenschaft viel gesprochen werden. Eines ist sicher: er war ein Umwerter veralteter Werte, ein Übermensch, der das Menschliche, Allzumenschliche aus dem ihm eigentümlichen Gesichtswinkel betrachtete, beur- und verurteilte, die plattgetretenen Pfade einer scheinheiligen Moral verließ und als Einsamer seine Wege wandelte, Sein Lebenswerk ist in seinen Büchern niedergelegt, und fast erschrecken wir über die Bändezahl, die er geschrieben, und die in einer vortrefflichen deutschen Gesamtausgabe vorliegt'). Nicht sobald einer ist imstande, dem Dichter auf allen verschlungenen Pfaden zu folgen, die er wandelte. Geschlechter werden vergehen und bewundernd zu der Höhe dieses Mannes emporschaucn. Aus seinem Gedankenschatze werden die Kleineren, die nach ihm kommen, schöpfen. Aber der Quell, der aus seinem Werke sprudelt, wird weiter strömen, breit und tief. Doch, fern sei es von uns, den dazu nicht Berufenen über diesen großen Geist Worte zu machen. Überlassen wir dies den Aesthetikern, den Männern der Kritik, aber den ihm Ebenbürtigen. Einen Band nur der III. Abteilung seiner Werke, den 7., wollen wir hervorholen. Wir wissen nicht, ob dieser gerade bei den Beurteilern Strindbergs große Beachtung finden, auch wissen wir nicht, ob er die richtige Einschätzung erhalten wird. Uns hat er mächtig gefesselt. Denn, enthält er auch nur scheinbar anspruchslose historische Novellen, so werden wir doch durch die Art, wie hier die Geschichte vom hohen psychologischen Standpunkte behandelt wird, mächtig ergriffen. Es sind die „Historischen Miniaturen", von denen wir sprechen. Es ist uns in der Literatur kein ähnliches Werk bekannt, das die hervorragendsten Kulturepochen der Menschheit, von der grauen Zeit des alten Aegyptertums bis auf die der französischen Revolution und Bonaparte, in gleicher Weise in einer blendenden Kette der originellsten, oft grotesken Novellen behandelte, wie dieses. „Historische Miniaturen" benennt sie Strindberg. Aber, was er in diesen Miniaturen liefert, zeichnet sich durch solche psychologische Tiefe, Schärfe der Charakteristik, Originalität der Schilderung ') Strindbergs Werke, Deutsche Gesamtausgabe. Unte Mitwirkung von Emil Schering als Uebersetzer vom Dichte selbst veranstaltet. 6 Abteilungen (33 Bände), Georg Müllers Ver" lag, München und Leipzig. aus, er führt uns solche Menschen und Dinge vor, daß wir, bewundernd mit Zittern und Beben, immer weiter und weiter lesen, bis wir, hochaufatmend, den 402 Seiten starken Band aus der Hand legen und ihn wieder zur Hand nehmen, um dem Geschichtsschreiber und Dichter, dem Denker und Psychologen, auf seinem weiten Wege getreue Gefolgschaft zu leisten. Die historischen Miniaturen Strindbergs haben aber auch für uns Juden einen besonderen Wert. Beschäftigen sie sich doch mit hervorragenden Personen und Epochen unserer Geschichte. Daher sollte sie jeder Jude aufmerksam lesen, sei es nur, um zu sehen, wie sich in dem Kopfe dieses Denkers und Dichters die Welt der vieltausendjährigen Geschichte unseres Volkes malt. Das Buch enthält 20 Novellen. Acht von diesen führen uns ins Altertum, in das Aegyptens und Athens in das Rom der Kaiserzeit, in die Tage des entstehenden Christentums und in die des Julian, genannt Apostata, und klingen mit der Völkerwanderung, mit Attila, dem Etzel des Nibelungenliedes, aus. Fünf lassen das Mittelalter, die Zeit der Entstehung des Papsttums des Einbruchs der Mauren, „des Ismael", in Spanien, Karls des Großen, des Chiliasmus, ums Jahr 999, der blutigen Völkerwanderung, genannt Kreuzzüge, an uns vorüberziehen. Die letzten 7 beginnen mit dem Rom der Renaissance, führen uns dann an den Hof Ludwigs XI., in das Jahr 1483, da Luther geboren ward, nach dem „old merry England" Heinrichs VIII., des Blaubarts der englischen Geschichte, ferner in das Jahr 1648, in dem der blutigste Krieg der Weltgeschichte endete, dann in das Rußland Peters, genannt „der Große", weiter nach Sanssouci, wo Voltaire und Friedrich der Große philosophieren und der Mächtigen Europas spotten, und tönen in der großen Zeit der französischen Revolution, mit mächtig packenden Disharmonien, aus. So ward Weltgeschichte nie geschrieben, wie in diesen Miniaturen, so ward Weltgericht nie abgehalten, wie in diesen psychologischen Grotesken. Wir wüßten diesen Novellen nur die Grotesken Edgar Allan Poes, die Renaissauceschilderungen Gobineaus und die feinen psychologischen Erzählungen Stendhals an die Seite zu stellen. Aber Strin dberg bietet mehr als die genannten Heroen der Weltliteratur. Umfaßt er doch mit scharfem Blicke die ganze Weltgeschichte von den ältesten bis auf die neuesten Zeiten. Das Größte, was Menschengeister je erregte, wird hier in lebhaftesten Schilderungen, oft mit wenigen Pinselstrichen gemalt. Das Epochale in der Geschichte erblicken wir, da es uns ein wahrer Dichter, scharf umrissen, vors Auge führt. Da ist gleich die erste Miniature: „Die ägyptische Knechtschaft" genannt. Amram, der Vater Mosis, wird als „alter Ebenholztischler und Schatullenmacher" uns vorgeführt. Ihm wird Rüben entgegengestellt. Der hat seinen Namen geändert. Er wird jetzt P hat er genannt. Welche Feinfühligkeit des Dichters! . . . Ruben-Phater ist „Sekretär der Hochschule" geworden. Er ist ein ägyp-

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