Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 11 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Mr. 11 „Neue National-Zeitung" Seite 7 Auswanderungs-Fachberichterstatter in Oesterreich. Da die legislativen Vorarbeiten für ein Auswanderungsgesetz noch ziemlich lange Zeit in Anspruch nehmen dürften, hat das Abgeordneten-Haus eine Resolution des volkswirtschaftlichen Ausschusses (Antragsteller Graf Baworowski) betreffend die Anstellung von Auswanderungs-Fachberichterstattern in 10 Standorten angenommen. Was den Standort und die Aufgaben dieses Berichterstatters betrifft, so enthält darüber der Ausschußbericht folgende Details: Es wären also dermalen etwa folgende Standorte zu nennen; 1. Berlin für Norddeutschland, Dänemark und Schweden; 2. Stuttgart für Süddeutschland und die Schweiz; 3. Nancy für Frankreich; 4. Winnipcg für Kanada; Montreal ist weniger entsprechend, weil es von dem am meisten aufgesuchten Einwanderungsgebiet entfernt ist; 5. New-York, Pittsburg und Chicago für Nordamerika; nämlich New-York als Haupthafen, Pittsburg mit Rücksicht auf die pennsylvanischen Gruben, Chicago aber wegen der in den drei umliegenden Unionstaaten konzentrierten Menge von österreichischen Emigranten; 6. Rio de Janeiro und Kuritiba für Brasilien, ersteres als Haupthafen, Kuritiba aber als Mittelpunkt der Provinz, in der sich die größte Anzahl österreichischer Emigranten versammelt: 7. Buenos Aires für Argentinien. Insgesamt 10 Standorte. Die praktische Durchführung der diesen Organen an Ort und Stelle obliegenden Aufgaben würde natürlich erheischen, daß denselben entsprechende Mittel zur Bereisung ihrer Sprengel und zur Aufrechterhaltung des Kontaktes mit den Emigranten gewährt werden, ferner einer sehr energischen Unterstützung seitens der kompetenten k. u. k. Konsulate und, was besonders wichtig ist, der Ernennung von Funktionären, die der Muttersprache der Emigranten mächtig sind; aus der letzteren Forderung würde sich eventuell die Notwendigkeit ergeben, sogar mehrere Funktionäre für gewisse Standorte zu ernennen. Auf die Sprachkenntnisse glaubt der Ausschuß mit Recht das größte Gewicht legen zu sollen, da ohne dieselben die Schaffung der erwähnten Organe keinen praktischen Wert hätte. Nur unter dieser Voraussetzung kann die bisherige Zentralisierung der die Auswanderung betreffenden Agenden beibehalten werden, obwohl die Erfahrungen schon heute die daraus resultierenden Unzukömmlichkeiten nachweisen. Die Besprechung dieser Frage, insbesondere auch die Regelung der Beziehungen zwischen dem Staate und den für den Auswanderungschutz bestehenden Institutionen muß bis zur Debatte über das Auswanderungsgesetz aufgeschoben werden. In der Ueberzeugung, daß die Lösung der durch den vorliegenden Antrag angeregten Frage dringend ist, daher die Erlassung eines Auswanderungsgesetzes nicht abgewartet werden kann, daß aber zum vollen Erfolge die Erlassung eines solchen Gesetzes notwendig ist, beantragt der Ausschuß: Das hohe Haus wolle beschließen: „1. Die k. k. Regierung wird aufgefordert, mit tunlichster Beschleunigung im Verordnungswege Fachberichterstatter für Auswanderungswesen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika sowie in den südamerikanischen Staaten wie auch in jenen europäischen Staaten, nach welchen eine namhafte ständige Saisonauswanderung österreichischer Arbeiter stattfindet, zu bestellen und dem Hause hierüber Bericht zu erstatten; 2. die Fachberichterstatter müssen der Muttersprache der betreffenden Auswanderer vollkommen mächtig sein; 3. die k. k. Regierung wird aufgefordert, dem Hause in der kürzesten Zeit einen die Regelung des Auswanderungswesens betreffenden Gesetzentwurf vorzulegen." Erfreulich an diesem Bericht ist, daß auf die Beherrschung der Muttersprache der Auswanderer seitens der Berichterstatter besonderes Gewicht gelegt wird. Von diesem Gesichtspunkte läßt sich erst beurteilen, wie notwendig es war, wenn die Experten Dr. S. R. Landau und Abgeordneter Dr. Straucher in der Auswanderungs-Enquete die Anstellung von jüdisch sprechenden Auswanderungs-Organen für die Auswanderer verlangten. Die Zentralregierung resp. das Handelsministerium ist jetzt genau informiert und wird diesen Wünschen im Sinne der Resolution hoffentlich Rechnung tragen. An diesem Falle läßt sich auch ein Beweis erbringen, wie nicht bloß politisch borniert, sondern geradezu unehrlich unsere Assimilanten-Presse ist. Das Lemberger Organ der Hausjuden hat es für gut befunden, sich über Dr. Landau und Dr. Straucher lustig zu machen, weil dieselben „keine anderen Sorgen" haben, als die Aufstellung der Forderung von jüdischen Auswanderungs-Organen und Berücksichtigung des Jargons bei Herausgabe von Flugschriften seitens der Auswanderungs-Aemter. So weit geht die Frechheit der Leute, deren Führer, sieben von jüdischen Majoritäten gewählte Abgeordnete, sich nicht einmal die Mühe genommen haben, in der Enquete zu erscheinen. Allein jetzt, nach der Annahme der obigen Resolution, findet das ehrenwerte Blatt plötzlich, daß für die jüdische Bevölkerung etwas geschehen müßte und wagt es schüchtern, „die Abgeordneten-Kreise" aufmerksam zu machen „auf die Möglichkeit einer Ausbesserung der Folgen der bisherigen Nachlässigkeit in Bezug auf die jüdisch eBevölkerung." Zuerst sollten aber die Herren Schreiber ihre eigene Nachläßligkeit in Bezug auf politischen Intellekt und politische Ehrlichkeit „ausbessern." Die Wohlfahrtsorganisation für jüdische Einwanderer in New-York. Der Bericht, den der jüdische National-Einwanderungs-Vorstand in New-York der Senatkommission unterbreitet hat, um eine Verschärfung der Einwanderungsbedingungen zu verhüten, gibt eine lehrreiche Uebersicht über die Tätigkeit der amerikanischen jüdischen Wohltätigkeit zugunsten der jüdischen Einwanderer. Der National-Einwanderungsvorstand wurde 1911 gebildet und vereinigt in sich 237 jüdische Gemeinden, die über den ganzen nordamerikanischen Kontingent zerstreut sind. Gleich beim Betreten des amerikanischen Bodens werden die Einwanderer von der schützenden Fürsorge ihrer amerikanischen Brüder umgeben. Erheben sich rechtliche Schwierigkeiten, die einer Aufnahme der Einwanderer in Amerika im Wege stehen und die Aussicht auf günstige Lösung bieten, so treten die zwe4i Anwälte des Vereins in Tätigkeit, um die Rechte der Einwanderer vor den Behörden zu vertreten. Auf E/h's-IsIand, wo die Einwanderer interniert werden, bis ihre Verhältnisse geprüft sind, ist für die rituelle Kos t, für Gottesdienst, für Seder am Pesach gesorgt, ja sogar ein Beerdigungsplatz befindet sich dort. Früher fielen leider viele Einwanderer der Bauernfängerei zum Opfer, die weiße Sklaverei suchte sich unter ihnen ihre Beute. Heute tritt sofort nach Bewilligung ihrer Landung ein größartiger Apparat gemeinnütziger Einrichtung in Bewegung. Da sind Bureaus zur Information, zur Verteilung der Einwanderer, Obdachlosenhäuser, freiwillige Fremdenführer, Damen und Herren, die die Sprache der Einwanderer sprechen und diese in ihre Obhut nehmen. Das Informationsbureau hat nicht weniger als 100.000 Auskünfte erteilt, davon ein Viertel an diejenigen, die noch in der alten Welt befindlich, die Auswanderungen erst vorbereiteten. Durch fast 400.000 Annoncen wurden Verwandte der Eingewandeiten ausfindig gemacht, verlorenes Gepäck wiedergefunden; durch die Kontrolle über die Obdachlosenasyle wurden viele Vagabundenexistenzen gerettet und ihren Gattinnen und Eltern wieder