Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 11 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Mr. tt „Neue National-Zeitung" Seite 3führt werden: die Allianz rührt sich nicht. Die mutigen Herren haben offenbar vor dem seinerzeitigen Ausspruche des Ministers Pientak, daß an den Pforten der Klöster die Staatsgewalt aufhöre, eine Heidenangst und klammern sich fest an das Hasenbanner. Hat denn die Allianz nie etwas von der Tauffabrik in Bobrek bei Chrzanow gehört, davon, daß alljährlich eine größere Anzahl jüdischer Kinder von der Wiener Findelanstalt dorthin abgeliefert wird, damit sie in der katholischen Religion erzogen und nach dem erreichten 14. Lebensjahr getauft werden. Davon wurde in diesem Blatte zum erstenmal ausführlich berichtet und die anderen jüdischen Blätter haben es nachgedruckt. Aber die Gutmanns, Sterns, Kurandas und Katzaus die doch jüdische Blätter lesen, kümmern sich darum nicht. Hier könnte die Allianz eingreifen, der galizische Landesausschuß ist, wie Dr. S. R. Landau anläßlich der Schilderung dieser Verhältnisse auf Grund seiner Unterreduung mit dem Amtschef des Sanitätsdepartements des galizischen Landesausschusses in diesem Blatte berichtet hat, jederzeit bereit, diese Kinder auszufolgen, wenn irgend eine Korporation die Verpflichtung zu ihrer Erziehung übernimmt. Die Allianz will aber nichts tun, sie renommiert lieber damit, daß sie mit K 20.000'— jährlich 4 Schulen erhält und mehrere Schulen subventioniert, statt eine von menschlichen, sozialen und jüdischen Standpunkte hochherzige Tat zu vollbringen und arme jüdische Kinder zu anständigen jüdischen Bürgern zu erziehen. Die Allianz läßt sie lieber in dem bäuerlichen Milieu verkümmern und zu verbitterten Feinden ihres eigenen Volksstammcs heranwachsen. Wenn wir den Fall Bobrek allein unserer Kritik der Tätigkeit der Allianz zugrunde legen wollten, dann genügt das schon, um zu beweisen, wie borniert vom Standpunkt des jüdischen Bewußtseins und der sozialen Hilfe jene Kreise sind, aus denen sich die Führer der Allianz rekrutieren und die sich dem Auslande gegenüber auf die Führer der Österreichischen Judenschaft herausspielen möchten. II. Die Juden in Rußland. In diesem Kapitel werden die Gewaltmaßregeln, die Kiewer Blutbeschuldigung und die Paßbeschränkungen auf Grund der Blätter-Nachrichten rekapituliert. Bezüglich der Paßbeschränkungen, von denen ja gerade die österreichischen Juden am härtesten betroffen werden, hat die Allianz nichts veranlaßt oder auch nur versucht. Die Vorsteher der „Allianz" sind dazu zu einfältig oder zu bequem. Wir wollen lieber das Erstere einnehmen. Sie wissen offenbar nicht, daß sie hierzu nach ihren Statuten verpflichtet sind, sie wissen auch nicht, wie man das macht. Der „Verband der deutschen Juden" in Berlin und der „board of deputies" (Kultusvorstand) in London haben bei ihrer Regierung zum Schutze der Juden ihres Landes wiederholt interveniert; die Wiener Allianz hat offenbar davon nie gehört und sie glaubt, ihre Pflicht erfüllt zu haben, wenn ihr Sekretär in einem Tagblatt einen Artikel veröffentlicht. Die Allianz hat uns über dieses ganze Thema folgendes zu sagen: „Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß wir es als im höchsten Grade erwünscht erachten würden, wenn, sowohl in der österreichischen, wie in der ungarischen Oeffentlichkeit beim. Zusammentritt der Delegationen diese nicht nur die Rechte von zwei Millionen/' Angehörigen beider; Staaten, sondern zugleich die kommerziellen und industriellen Interessen der Monarchie berührende Mißstände zur Besprechung gelangen würden, und wenn die Handels¬ und Gewerbekammern sich angelegen sein ließen, auf eine Beseitigung derselben hinzuwirken." Wäre es aber nicht Pflicht der Allianz, statt einen platonischen „Wunsch" aaszusprechen, selbst an die Delegationen und an die Handelskammern mit dem Verlangen einer Intervention heranzutreten. Das ist aber nicht geschehen. Und doch wäre es sehr leicht. Sitzt ja im Vorstand der Allianz der Abgeordnete der Kais, Hofrat Kuranda, der bei der Wiener Handelskammer einen sehr großen Einfluß hat und gewiß auch die Mitglieder der Delegation durch seinen parlamentarischen Einfluß für die Sache des österreichischen Handelsstandes leicht interessieren könnte. Warum versteht es beispielsweise Herr Kuranda so gut, den Präsidenten der Wiener Handelskammer zu beeinflussen, wenn er sich eine Wahlrcklame machen lassen will? . . . Der „Hauptmacher" in der Wiener Handelskammer ist der Vize-Präsident Dr. H a m m e r s c h 1 a g, der Schwiegersohn des Kultusvorstehers und Allianzvorstehers Dr. Breuer. Dr. Hammerschlag braucht nur zu wollen und die Handelskammer wird in der Frage der Paßbeschränkungen einschreiten, was sie bisher nicht getan hat. Und dieser Dr. Hammerschlag, der Sohn eines Wiener Religionslehrers, der mit seiner Carriere als Direktor der Rotschildbank in den Wiener Kahalkreisen wurzelt, ist doch gewiß für die Allianz und für seinen Schwiegervater zugänglich . . . So präsentiert sich im Lichte der Tatsachen der heilige Wunsch der Allianz nur als Heuchelei und Irreführung der öffentlichen Meinung. Sehr „lehrreich" sind die Bilanzdaten. Die Allianz führt unter dem Titel „Russische Aktion" als Ausgaben im Jahre 1911 an: Emigranten-Beförderung u. Unterstützungen K 69.572 13 Erziehung russischer Pogrom-Waisenkinder „ 3.315*45 Zusammen K 72.887*58 Was gibt aber die Allianz dazu selbst her? Das ersieht man, wenn man diesen „Ausgaben" die Einnahmen gegenüberstellt. Sie erhielt von den Emigranten selbst K 23.351*58 „ der Ica als Rückvergütung „ 42.269 85 „ als Rückvergütung von Zuschüssen für russische und rumänische Zwecke aus dem Jahre 1910........■ „ 6.338-Q5 Zusammen . K 71.959-48 Die ganze „Russische Aktion" kostet also die Allianz K 92870. Welch lächerlich kleiner Betrag, den der kleinste Wohltätigkeitsverein eines Wiener Vorortes weit übersteigt! Also K 928 geben jährlich die jüdischen Millionäre von Wien aus für ihre verfolgten russischen Brüder. Das soll historisch festgehalten werden. Ueber die Auffassung des jüdischen Emigrationsproblems seitens der Allianz, welchem Thema unter der Aufschrift „Emigrantenführsorge" 8 Seiten des Jahresberichtes gewidmet sind, hätten wir nichts neues anzugeben. Wir haben darüber wiederholt und ausführlich geschrieben.