Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 11 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 11 niedrigung, mit welcher er als Einleitung zu einem Hoch auf Kaiser Wilhelm II. die Loyalität und den Patriotismus der Juden in der Weise zu unterstreichen für gut fand, daß er ihren Fortbestand auch für den Fall garantierte, wenn die Regierung den Juden (in Deutschland!) einen gelben Fleck anheften oder sie auf dem Scheiterhaufen verbrennen sollte. Rektor Dr. Hoffmann trat ihm sehr wirksam entgegen, indem er jede Kampftendenz von der „Agudath Jisroel" ausgeschaltet wissen wollte. Die praktischen Ziele der Organisation wurden nur «venig betont. Auf der vorangegangenen Konferenz in Homburg wurden als solche erklärt: a) Die organisatorische Zusammenfassung und innere Annäherung der zersprengten Teile der gesetzestreuen Judenheit, insbesondere der östlichen und westlichen Juden. b) Die großzügige Förderung des Thorastudiums und der jüdischen Erziehung überhaupt in den dieser Förderung bedürftigen Ländern. c) Die Besserung der wirtschaftlichen Lebensbedingungen für die jüdischen Massen in den Ländern der Not und in Palästina. d) Die Organisierung und mitwirkende Förderung von Hilfsaktionen im Falle des Bedürfnisses (Emigration) etc. e) Die Förderung einer von echtem jüdischem Geiste erfüllten Presse und Literatur. f) Die Vertretung der thoratreuen jüdischen Gesamtheit nach außen unddieAbwehr der gegen dieThora und ihre Bekenner als solche gerichteten Angriffe. In der heutigen Konferenz wurde lediglich ein Beschluß gefaßt und der lautet: „Die heute in Kattowitz versammelten Vertreter der thoratreuen (orthodoxen) Judenheit aus allen Ländern der Diaspora erklären nach Anhörung des vorgetragenen Referates die „Agudath Jisroel" für begründet und verpflichten sich für den Aufbau der Organisation mit allen Kräften zu arbeiten. Die „Agudath Jisroel" dient der Förderung aller jüdischen Interessen auf religiöser Grundlage, unter Ausschluß jeder politischen Tendenz." Die Versammlung wäre fast ohne Emotionen zu Ende gegangen, wenn nicht von einem Redner ein Thema in die Versammlung geschleudert worden wäre, das wie ein Blitzstrahl wirkte und die Gemüter aufs höchste erhitzte: die K u 11 u r f r a g e. Sie wurde vom Tarnower Rabbiner Schnur angeschnitten, der unter den galizischen Rabbinern durch seine moderne Bildung und fortschrittliche Gesinnung seit jeher eine Ausnahmsstellung einnimmt. Herr Schnur verlangte recht bescheiden die Gründung von Jeschibahs, in denen auch profanes Wissen gepflegt werden würde. Also, Gott behüte, keine profane Schulen, sondern bloß profane Gegenstände in den Talmudstudien gewidmeten Anstalten. Aber das war den aus Galizien erschienenen chassidischen Teilnehmern, ein — Verbrechen. Sie lärmten, tobten und protestierten. Die deutschen Herren beeilten sich zu erklären, daß es ihnen nicht einfalle nach Galizien Kultur zu tragen. Im Gegenteil. Ihr Sprecher, Herr Rosenheim, machte eine tiefe Verbeugung vor den „Idealen" des Ostens und beteuerte, daß die „Agudath Jisroel" diese nach dem Westen tragen werde . . . Wenn diese Enunziation aufrichtig gemeint ist, dann steht der Allianz zwischen der Frankfurter Orthodoxie und dem osteuropäischen Chassidismus nichts mehr im Wege. Die erste Ortsgruppe wird bereits morgen in Krakau gegründet. Der Jahresbericht der „Israelitischen Allianz zu Wien44. Anläßlich der am 15. d. Mts. stattgehabten Generälversammlung ist nunmehr der 39. Jahresbericht der „Israelitischen Allianz zu Wien" erschienen. 71 Seiten Druck enthält der eigentliche Bericht, in dem über alles mögliche gesprochen, resp. geschrieben wird, und zwar über die Juden in Rußland, Rumänien, Argentinien und Palästina, alles Dinge, die aus der jüdischen Presse schon bekannt sind. Was die Allianz selbst geleistet hat, ist ungemein mager und, wenn wir von diesem Standpunkte die einlangenden Berichte der Allianz beurteilen, dann denken wir unwillkürlich an das Sprichwort: Weniger wäre mehr. Wir folgen hier der Einteilung des Berichtes und wollen zur Vereinfachung unserer Darstellung bei Besprechung der einzelnen Kapit.l gleichzeitig auch die Ziffern des Gebahrungsausweises pro 1911 heranziehen. I. Galizien. Die Allianz hat in Galizien vier Volksschulen mit je zwei Klassen, und zwar in Budzanow, Niemirow, Olesko und Potok Zloty erhalten, weiters einen Kindergarten in Chrzanow, die jüdische Volksschule in Brody und die jüdische Volksschule in Krakau subventioniert. Ueber diese Tätigkeit der Allianz wurde bereits in unserem Blatte vor )ängerer Zeit seitens eines berufenen Fachmannes eine sehr scharfe Kritik geübt; es wurde nachgewiesen, daß angesichts der Baron Hirsch'schen Millionen Stiftung für Galizien die Gründung von Volksschulen in Galizien seitens der Allianz ganz überflüssig und nichts anderes als eine Wichtigtuerei des Präsidenten sei, welcher in seiner Eigenschaft als Präsident der Baron Hirsch'schen Stiftung sukzessive Volksschulen auflöst, dagegen als Präsident der Allianz Volksschulen gründet. Zu jener Zeit, als die Baron Hirsch'sche Stiftung noch nicht ins Leben gerufen war, mag vielleicht die Gründung von Volksschulen für die ohne Bildung heranwachsende jüdische Jugend einen kulturellen Wert gehabt haben, heutzutage hätte die Allianz ganz andere Zwecke in Galizien zu verfolgen. Die K 20.240-67, die unter den Auslagen für „Schulen und Kindergärten in Galizien" im Gebahrungsausweise ausgewiesen erscheinen, könnten für edlere und höhere jüdische Zwecke verwendet werden. Ist es nicht eine Schande für die Allianz und ein Bekenntnis beschämender Unfähigkeit für die Leitung dieses Vereines, wenn im ganzen Bericht und insbesondere im Kapitel „Galizien" von irgendwelchen Maßregeln gegen die gewaltsamen Taufen jüdischer Kinder und gegen die Entführung jüdischer Kinder in Klöster auch kein Wort gesprochen wird! Wo bleiben denn diese Helden, die Sterns, Kurandas, Katzaus und ihre bezahlten Schleppträger, die nach Galizien Kultur tragen wollen, aber mit Blindheit geschlagen sind, wenn sie innerhalb ihres statutarischen Wirkungskreises (§ 2, Abs. 2) „den Juden dort, wo sie als solche zu leiden haben, eine wirksame Stütze bieten" sollen?! Seit Jahr und Tag wiederhallen Tagesblätter und die jüdischen Zeitungen von den Wehklagen jüdischer Eltern, deren ihre Töchter gewaltsam in Klöster ent-