Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 11 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NEUIS MCiONAL-ZEiOJNG Drs.R.LNNDNU XIV. JAHRGANG. WIEN, 31. Mai 1912. Die organisierte Orthodoxie. (Von unserem Spezial-Berichterstatter.) Nr. 11. K a 11 o vv i t z, den 28. Mai. Gestern fanden im Laufe des Nachmittags die Vorbesprechungen behufs Gründung einer orthodoxen W e 11 - O r g a n i s a t i o n „ A g u d a t h I s r a e 1" statt, während heute die eigentliche Konferenz vor sich ging. Ich schätze die Zahl der Teilnehmer auf ca. 100 bis 120 Personen, die aus Österreich, speziell aus Galizien, sowie aus Rußland, Deutschland und England herbeigeeilt sind. Irn großen Saale des Restaurants „Reichshallen", in dem die Versammlung stattfand, waren allerdings weit mehr Personen, eine dichte Menge bis an 500 bis 600 Köpfen, vorhanden. Es wären dies jedoch zumeist Besucher aus dem nächstgelegenen Städtchen Galiziens und Rußlands, sowie aus dem Orte selbst, die nur Zuschauer und Zuhörer, aber keine Teilnehmer waren. Die Debatte wurde von den Veranstaltern selbst, die sich auf der zu einer Tribüne umgewandelten Theater- Bühne, abgesondert vom übrigen Publikum, versammelt hatten, bestritten. Unter den Anwesenden bemerken wir den berühmten ßrisker Gaon Chaitn S o I o w e j t s c h i k, einen schönen Greis von 91 Jahren von bescheidenem Auftreten und Milde des Antlitzes, er ist Gegenstand vielfacher Ovationen; dann seinen Antipoden, den Frankfurter Rabbiner Dr. Breuer, einen Fanatiker der Orthodoxie, dessen Adlernase sich aus der Mitte grauer Augen hervorhebt und dessen schneidender Blick eine unheimliche Kälte verbreitet. Aus Rußland sind erschienen: die Rabbiner G r a u b a r t (Bendzin), Lipschutz (Kalisz), Rabin owiez (Poltawa); aus Österreich Rabbiner Fürst (Wien), Rabbiner Doktor Frei mann (Holleschau); aus Galizien die Rabbiner Engel (Krakau), Schmelkes (Przemysl), Schnur (Tamow), Weidenfeld (Oswiecim), Bomb ach (Wadowice); aus Deutschland die Rabbiner Halevy (Hamburg), Dr. Cohn (Kattowitz), Dr. Bondi (Mainz), Dr. Meier Hildesheimer (Berlin), Doktor Biberfeld (Berlin), Dr. Carlebach (Leipzig), Rektor Dr. Hoff mann (Berlin), schließlich die Rabbiner Cohn (Basel), Löwen stein (Kopenhagen), Daiches (Leeds), Dr. Da ich es (Sunderland), H i 1m a n n (Glasgow) und andere. Der Wunder-Rabbi Friedmann aus Czortköw war durch seinen Sekretär Rappoport vertreten. Das Laienelement hat sich sehr spärlich eingestellt. Wir sehen den Führer der Warschauer Chasidim David P r i w e s, der jüngst durch seine Allianz mit den Assimilanten die Warschauer Kultusgemeinde vor dem Ansturm der Zionisten „gerettet" hat, und den Führer der Orthodoxen Lipschütz ans Kowno. Aus Krakau erschienen der orthodoxe Gemeinderat Moses S c hm e) k es und der bekannte chassidische, ehemals zionistische Schriftsteller Aron Markus, aus Wien Wolf Pappen heim, aus Budapest Dr. Sc Ii echt er und Direktor Gabel; überdies sind die zahlreichen Mitglieder des vorbereitenden Komitees aus Frankfurt eingetroffen. Leider war der Vorsitzende des prov. Komitees, Herr Kommerzienrat Feist, durch Erkrankung am Erscheinen verhindert. Man hätte gern allgemein diesen opferwilligen Mann, der nicht nur für die Vorbereitung der Konferenz Mk. 10.000-— gespendet hat, sondern auch durch eine weitere Spende von Mk. 25.000*— die Unterbringung jüdischer Bergarbeiter in den hiesigen Kohlenbergwerken ermöglicht hat, hier begrüßt. In seiner Vertretung führte den Vorsitz Herr Fabriksbesitzer Dr. Hirsch aus Halberstadt. Es würde zu weit führen und wäre ermüdend, wenn ich die einzelnen Ausführungen der Redner, von denen die meisten Rabbiner waren, hier ausführlich wiedergeben würde. Die Reden waren Predigten, durchflochten mit hebräischen Citaten über Strenggläubigkeit, Gottesfurcht und sonstige religiöse Ideale. Peinlich wirkte allgemein die Ansprache des Dr. Breuer mit seinen Angriffen wider die Allianz und den Zionismus; noch peinlicher die Er-