Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 10 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Räumlichkeiten im I. Stockwerke, größere, im II. Stockwerke befindliche Wohnungen, selbstverständlich gleichfalls mietweise, zu überlassen. Nach längerer Zeit, anfangs März, erhielten wir eine vom Vereins-Präsidium gefertigte Zuschrift, in welcher uns mitgeteilt wurde, daß nicht nur auf unser Ansuchen nicht eingegangen werden könne, sondern daß sich die Hausinhabung vielmehr genötigt sehen werde, die von uns innegehabten Räume mit 1. Mai dieses Jahres gerichtlich zu kündigen. Wir wandten uns nun mit der Bitte an den Herrn Präsidenten, seinen Einfluß dahin geltend zu machen, daß die Leitung des genannten Vereines von dieser Maßnahme abstehen möge. Der Herr Präsident erklärt sich sofort bereit, in den nächsten Tagen unsere Bibelschule zu inspizieren, und tatsächlich kam er am folgenden Tage in unsere Schule und wohnte dem Unterrichte in zwei Abteilungen bei. Er erklärte sich von den Unterrichtserfolgen sehr befriedigt, fand aber die Räumlichkeiten vollkommen ungeeignet und ermächtigte den Referenten als Obmann des Schulkomitees, ein geeignetes Objekt für die Unterbringung unserer Schule zu erwerben. Da ein im Bezirke zentral gelegener Bauplatz nicht um einen entsprechenden Preis zu haben war, richtete der Referent sein Augenmerk auf Erwerbung eines geeigneten Hauses und es bot sich ein solches unter günstigen Bedingungen dar, wovon der Herr Präsident unter Mitteilung entsprechender Daten am 1. April d. J. in Kenntnis gesetzt wurde. Aber erst am 18. desselben Monats erhielt der Referent eine Einladung zu einer Rücksprache mit dem Herrn Präsidenten. Bei derselben machte dieser die Zusage, von dem Kultusvorstande für den gedachten Zweck einen Beitrag von K 10.000'— bis K 15.000-— erwirken zu wollen. Vorher aber wünschte der Herr Präsident das in Aussicht genommene Haus zu besichtigen. Infolgedessen kam der Herr Präsident noch einmal in unseren Bezirk, besichtigte das in Rede stehende Gebäude und lud dann zwei Herren des Vorstandes für den folgenden Tag zu sich ins Bureau. Bei dieser Konferenz wurde zuerst die Angelegenheit der Erwerbung dieses Hauses nach allen Richtungen besprochen. Gleichzeitig wurde aber auch dem Herrn Präsidenten Mitteilung gemacht, daß nach uns zugekommenen Nachrichten der Verkäufer uns nicht mehr im Worte stehen könne. Am Schlüsse der Besprechung sprach der Herr Präsident den Wunsch aus, mit den beiden Herren über die Rabbiner-Angelegenheit zu konferieren, worauf einer der Herren an den Herrn Präsidenten das Ersuchen richtete, uns entsprechende Vorschläge zu erstatten. Der Herr Präsident führte nun aus, daß es für unseren Bezirk eine andere Möglichkeit der Besetzung des Rabbinerpostens, als die in Gemeinschaft mit dem III. Bezirke und zwar in der Art, daß der Herr Gemeinderabbiner und sein Herr Vertreter alternierend den Dienst in beiden Gotteshäusern versehen, nicht gebe, worauf einer der Delegierten in ruhiger Weise erwiderte, daß dies gänzlich ausgeschlossen sei. Diese Bemerkung erregte derart den Unwillen des Herrn Präsidenten, daß er sich raschest von seinem Sitze erhebt, in dem Zimmer auf- und abschreitend mit einer bezeichnenden Geste und den Worten: „Ich verbiete mir nunmehr für die Zukunft jeden Besuch dieser Herren" der Besprechung ein Ende machte. Diese zumindest ungnädige und durch nichts gerechtfertigte Verabschiedung erregte bei unserem Vorstande, nachdem ihm diese Vorkommnisse zur Kenntnis gebracht worden waren, im Zusammenhalte mit der Tatsache, daß der Herr Präsident seine dem Obmann unseres Vereines, Herrn Dr. Rosenthal, gegebenen Zusagen nicht mehr einlösen wollte, eine derartige Erbitterung, daß derselbe sich zu dem Beschlüsse veranlaßt fand, eine außerordentliche Generalversammlung zu dem Zwecke einzuberufen, um sich gegenüber diesem Vorgehen in die Öffentlichkeit zu flüchten, rnn weiters auch den Kultusvorstand zu veranlassen, sich endlich in einer seiner Plenarversammlungen mit dieser Angelegenheit zu befassen und um ferner von den Vereinsmitgliedern eine Direktive für das weitere Verhalten des Vorstandes zu erbitten, da es, wenn wir zu einem uns durchaus nicht erwünschten Konflikte mit dem Präsidium des Kultusvorstandes gezwungen weiden sollten, möglicherweise notwendig sein dürfte, daß wir an die Opferwilligkeit unserer Mitglieder appellieren. Nach diesen Ausführungen erbat sich der Delegierte des Kultusvorstandes, Herr Dr. Heinrich Schreiber, welcher das Vorgehen des Dr. Stern und seine Haltung in der Rabbinerfrage zu entschuldigen suchte, das Wort. Der Vorsitzende berichtigte hierauf die Mitteilungen des Kultusgemeinde-Delegierten dahin, daß der Präsident ihm seinerzeit in der Rabbiner-Angelegenheit ganz andere Zusagen gemacht habe, als die, die heute als angeblich aufrechterhalten bezeichnet wurden, und belegte diese seine Behauptung durch Verlesuug eines ihm von Seiten eines zurückgetretenen Kandidaten zugekommenen Schreibens. Im weiteren Verlaufe meldete sich Herr Plaschkes zum Worte, der in längerem, wie gewohnt temperamentvollen Ausführungen die Anwesenden zur Austragung dieser Sache mit dem Stimmzettel anlaßlich der kommenden Wahlen in den Kultusvorstand einlud. Schließlich wurde die vom Referenten vorgeschlagene Resolution angenommen, in welcher dem Vorstande des Vereines das vollste Vertrauen auch für die Zukunft und für den Fall, als es zu einem Konflikte mit dem Kultusvorstande kommen sollte, ausgesprochen wurde. Die Kultusgemeinde in Budapest. Budapest. Die hiesige israelitische Kultusgemeinde hielt Sonntag, den 5. d. Mts., ihre ordentliche Jahresgeneralversammlung ab, in der der Vorsitzende, Präsident-Stellvertreter Ludwig Adler, in pietätvollen Worten des verstorbenen Präsidenten Hofrates Dr. Philipp Wein mann, seiner segensreichen, kulturellen und philanthrophischen Tätigkeit gedachte. Hierauf wurde der Jahresbericht vorgelegt, der gleichfalls die Verdienste des verewigten Präsidenten würdigte. Der Bericht verewigt außerdem das Andenken der verstorbenen Mitglieder des Repiäsentantenkörpers der Kultusgemeinde. Sodann hebt der Jahresbericht hervor, daß Oberrabbiner Dr. Samuel K o h n heuer sein 70. Lebensjahr vollendet. Die Generalversammlung errichtete eine neuerliche Stiftung von 10.000 Kronen auf dessen Namen, die zur Stärkung des Witwen- und Waisenfonds des Landes-Rabbinervereins verwendet wird. Spitalsvorsteher Julius Adler verzichtet auf diese Stelle infolge seiner Wahl zum Vizepräsidenten der Chevra Kadischa. Weiterhin erwähnt der Bericht, daß die Gemeinde für den Neubau des durch das Erdbeben ruinierten Kecskemeter israelitischen Tempels 10.000 Kronen spendete, und daß der Bau von Tempeln in Budapest die ständige Sorge der Gemeindevorstehung bildete. Auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes weist der Bericht auf die harten Kämpfe hin, die als Gegengewicht gegen die Proselytenmacherei der schottisch-reformierten Schule ausgefochten werden mußten. Diese Missionsanstalt wirkt seit mehr als einem Menschenalter mit dem eingestandenen Ziele, der jüdischen Konfession Gläubige zu entreißen. Auf dem Gebiete der Wohltätigkeit entwickelte die israelische Religionsgemeinde eine umfassende Tätigkeit. Monatliche Unterstützungen erhielten 380 Familien im Betrage von zusammen K 58.525-—, 52 Familien erhielten K 5250- - als Beiträge für Wohnungsmiete. Als gelegentliche Untersttitzungen würden an 8954 Personen K 110.262'-- verteilt. Dem von Artur Szechy vorgelegten Berichte der Spitalskommission gemäß wurden im israelitischen Spital 3429 bettliegende Kranke, darunter 1146 Christen, verpflegt. Das Siegmund- und Adele-Brödy-Kinderspital nahm 19.824 Kinder in seine Obhut. Der Voranschlag für das laufende Jahr beträgt: an Bedarf K 2,542.669 —, an Deckung K 2,543.521 —. Die Zahl der Steuerzahler beträgt 30.735, ist also um ca. 7000 größer als in Wien. Deutsches Reich. Die neue Weltorganisation „Agudath Jisroel". Frankfurt a. M., Ende April. Der in der jüdischen Presse seit längerer Zeit wiederholt besprochene Gedanke einer gemeinsamenOrganisationderthoratreuen, jüdischenKreise in allen Ländern der Erde geht nunmehr der Verwirklichung entgegen. Ein provisorisches Komitee unter dem Vorsitze des Herrn Kommerzienrat Louis Feist in Frankfurt a. M., aus bekannten Persönlichkeiten der westeuropäischen Orthodoxie bestehend, lädt auf Montag, den 27. Mai zu einer größeren vertraulichen Konferenz nach Kattowitz (Oberschlesien) ein, zu der die hervorragendsten Führer der gesetzestreuen Bevölkerung Rußlands, Ungarns und Galiziens erwartet werden. Der Zweck der zu bildenden Organisation ist wie folgt wiederzugeben: Die „Agudath Jisroel" erstrebt: a) Die organisatorische Zusammenfassung und innere Annäherung der zersprengten Teile der gesetzestreuen Judenheit, insbesondere der östlichen und westlichen Juden. b) Die großzügige Förderung des Thorastudiums und der jüdischen Erziehung überhaupt in den dieser Förderung bedürftigen Ländern. c) Die Besserung der wirtschaftlichen Lebensbedingungen für die jüdischen Massen in den Ländern der Not und in Palästina.