Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1912-05-17 · Heft 10 (17.5.1912) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 10 (17.5.1912)
Date
1912-05-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425857-2425868--2375-2428802
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mr. IG „Neue National-Zeitung" Seite 5 Heute Morgen habe ich mit Herrn Regnault, einem Architekten, Aerzten und Offizieren den Resten des Mellah einen Besuch abgestattet. Wir durchschritten das vor kurzem noch so belebte freundliche Viertel, das heute verlassen und im tiefsten Schweigen dalag. Die Fassaden der Häuser sind aufgerissen, ganze Straßen bedeckt mit den Trümmern eingefallener Häuser, zerschlagenen Türen und zerbrochenen Möbelstücken. Es sind die Spuren einer dreitägigen Plünderung, der sich einige Räuber in aller Ruhe hingegeben haben. Die Leichen, die die Straßen bedeckten, konnten fortgeschafft werden. Es sind mehr als 50 Männer Frauen und Kinder. Wie viele werden wir noch unter den Trümmern finden? Ich bin in die Schule eingedrungen, in meine Wohnung. Nichts ist übrig geblieben. Alles was nicht mitgenommen werden konnte, ist zerschlagen, zerrissen worden. Bei mir, in dem einzigen im Mellah bekannten französischen Haus, hat man mit wahrer Erbitterung gehaust und alles, was ich besaß, gestohlen oder vernichtet. Ich habe Herrn Regnault zur Besichtigung zahlreicher Häuser veranlaßt, um ihm einen Begriff von der Größe des Unglücks zu geben. Vom Besuch im Mellah zurückgekehrt, ging Herr Regnault in unserer Begleitung in die Höfe des Palastes, um die Israeliten zu besuchen. Der Gesandte sagte ihnen ermutigende Worte, die unsere unglücklichen Glaubensgenossen etwas trösteten. Nach so viel Unheil haben wir die unabweisbare Pflicht, nach besten Kräften die Schäden zu heilen, Unrecht wieder gutzumachen, da Leben zu schaffen, wo der Tod hindurchgegangen ist. Der Sultan hat auf Anregung des Herrn Regnault eine offizielle Kommission eingesetzt, die die Fürsorge für die Israeliten übernommen hat. Wir haben beschlossen, in erster Reihe an die Säuberung der Straßen zu gehen, von den Straßen Trümmer fortzuschaffen. Arbeiterabteilungen, jede unter Führung eines Mitgliedes der Kommission, werden unter Beihilfe französischer Soldaten, morgen mit dieser Arbeit beginnen. Wir hoffen, daß wir schon übermorgen die Israeliten in das Mellah zurückkehren lassen. Andererseits sammele ich so viel Lebensmittel als irgend möglicn in einem Depot, das ich im Mellah errichtet habe, von wo aus die Verteilungen erfolgen. Ich werde Sie von unseren Beschlüssen und unseren Arbeiten unterrichten, über die wir dem Sultan und französischen Konsul berichten müssen. Ich muß arabische Kleidung tragen, um außerhalb des europäischen Viertels mich bewegen zu können, meine Lebensmittel einzukaufen und nach dem Palaät zu gehen, denn die Stadt wird noch immer von aufständischen Soldaten und mordbereiten Fanatikern beunruhigt. E1 m a 1 e h." SCOR?>espoNDeNZ£N Oesterreich-Ungarn. David Ritter von Gutmann. Wien, den 14. Mai. An den Folgen eines vor mehreren Wochen erlittenen Schlaganfalles ist heute David Ritter v. G u t m a n n im 78. Lebensjahre verschieden. Er hinterläßt ein Millionen-Vermögen, welches er sich gemeinsam mit seinem früher verstorbenen Bruder Wilhelm Ritter v. Gutmann als Kohlen- und Eisen-Großindustrieller erworben hat. In der jüdischen Gesellschaft hat der Verstorbene eine der ersten Stellungen eingenommen, indem er durch lange Jahre als Präsident an der Spitze der „Baron Hirsch'schen Schulstiftung" und der „Israelitischen Allianz" stand. Man setzte ihn auf diese Ehrenstellen nicht wegen irgendwelcher Verdienste um das Judentum, oder wegen seiner besonderen Wohltätigkeit, oder wegen seiner hervorragenden geistigen Begabung, denn all dies ging ihm ab; man wählte ihn, weil er in der Klasse der jüdischen Millionäre einer der wenigen war, die für jüdische Angelegenheiten wenigstens platonisches Interesse hatten. Sein Verdienst in diesen Stellungen bestand darin, wie uns einmal einer seiner Beamten versicherte, daß er jährlich mehrere tausend Stücke unterschrieb — und das sei ja auch eine Arbeit... Erst in den letzten Wochen' vor seinem Tode hat der Verstorbene durch eine wahrhaft großartige Stiftung für ein jüdisches Kinderspital (3 Millionen Kronen) der jüdischen Gemeinde Wien einen unvergeßlichen Dienst erwiesen. Leider blieb ihm bei Lebzeiten nicht erspart, den Abfall seiner eigenen Kinder vom Judentum mitanzusehen. Nebst einer Tochter, die sich vor vielen Jahren hat taufen lassen, um in Paris einen ungarischen Aristokraten zu heiraten, ist erst in der letzten Zeit die Tochter seines einzigen Sohnes aus dem Judentum ausgetreten, um einen Offizier zu heiraten. Dieser Vorfall soll auch viel zur Katastrophe beigetragen haben. Die Rabbinerfrage in der Brigittenau. Wien. Donnerstag, den 2. Mai 1912, fand eine außerordentliche Generalversammlung des Brigittenauer israelitischen Tempelvereines statt, auf deren Tagesordnung der „Bericht des Vorstandes über die Rabbiner-Angelegenheit und Beschlußfassung über das weitere Verhalten in dieser Angelegenheit" stand. Nach Begrüßung der Versammlung durch den Vorsitzenden, Obmann des Vereines Herrn Dr. Ernst Rosenthal, und Vorstellung des Delegierten der israelit. Kultusgemeinde Wien, Herrn Dr. Heinrich Schreiber, eröffnete der Obmann mit warmen Worten des Gedenkens für den aus dem Vorstande ausgeschiedenen bisherigen Obmann, Herrn Hermann Eltbogen, dessen 15jähriges Wirken für den Verein stets dankbarer Anerkennung gewiß sein dürfe, die Versammlung. In warmen Worten gedachte der Obmann der seit der letzten Generalversammlung verschiedenen Vereinsmitglieder, der Herren Leopold Beckmann, Siegmund Müller und Josef Wünsch, welche Trauerkundgebung von der Versammlung zur Ehrung der Toten stehend angehört wurde. Sohin wurde beschlossen, beide Kundgebungen in das Protokoll aufzunehmen. Zur Tagesordnung übergehend, erteilte er dem Referenten, Herrn Josef Kohn, das Wort. Derselbe führte aus, daß der neue Obmann, Herr Dr. Rosenthal, in der Rabbiner-Angelegenheit zunächst den Weg des Friedens beschreiten wollte und in Konsequenz dieser Absicht mit dem Präsidenten der Kultusgemeinde, Herrn Dr. Alfred Stern, mehrfache Konferenzen pflog. Schon bei der ersten Zusammentretung, welche in der Wohnung des Herrn Kultusprasidenten stattfand, erhielt er von demselben, welcher dringend wünschte, daß Herr Dr. Rosenthal die Obmannstelle des Vereines, dessen Obmann-Stellvertreter er bisher gewesen war, annehme, die Zusage, daß für unseren Bezirk ein ständiger Substitut des Herrn Gemeinderabbinevs werde bestellt ^werden. Derselbe werde in unserem Bezirke oder in dessen unmittelbarer Nähe seine Wohnung zu nehmen, sich mit der Leitung der Vereins-ßibelschule zu befassen und alle Agenden eines Vereins- Rabbiners zu versehen haben. Es wurden hiebei von dem Herrn Präsidenten vier Kandidaten namhaft gemacht, welche in unserem Tempel Probe-Predigten abhalten sollten und aus welchen unserem Vorstande die Wahl freigestellt sein sollte. Einer der Kandidaten trat von der Bewerbung zurück, weil ihm von dem Herrn Präsidenten ein Honorar von nur K 1800"- angeboten worden war, welches er mit dem ihm aus der Annahme dieser Stellung erwachsenden Entgange an Honorar als Mittclschullehrer als nicht im Einklänge stehend finden mußte. Ein zweiter Kandidat kam nicht in Betracht, weil or die Bewerbung ablehnte; ein dritter hielt wohl eine Probe-Predigt, während ein vierter trotz mehrfacher Urgenzen von dem Herrn Präsidenten aus Gründen, deren Erörterung hier unpassend erscheinen müßte, nicht zugelassen wurde. Trotz vielfacher Bemühungeu des Vorstandes gelang es nicht, von dem Herrn Präsidenten eine schriftliche Erledigung zu erhalten, ja in der letzten, im Monate März stattgehabten Konferenz erklärte der Herr Präsident, die oberwähnten Zusagen nicht erteilt zu haben. In dieser Konferenz kam auch folgender Gegenstand zur Sprache: Die vom Verein erhaltene Bibelschule, welche im laufenden Schuljahre einen Schülerstand von 339 Kindern aufwies, befindet sich in dem Hildesheimer'schen Stiftungshause des israelitischen Volksküchenvereines. Für dieselbe sind zwei Zimmer nebst einem Wohnungsraum gemietet. Wir hatten nun an die Leitung dieses unter dem Präsidium des Herrn Oberrabbiner Dr. M. Güdem a n n stehenden Vereines die Bitte gestellt, uns statt dieser

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.