Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 10 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425857-2425868--2374-2428801- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 10 Ich bemerkte jetzt den zweiten Buben. „Das ist der Arrestant," erklärte man mir. „Er ist zusammen mit seinem Vater verhaftet worden. Er heißt David." „Erinnerst du dich", fragte ich ihn, „an Juszczynski? Hast du mit ihm gespielt?" „Weiß ich," antwortete er. „Kommen doch so viele Kinder am Hof zusammen." „Was lernst du jetzt?" „Wer kümmert sich jetzt um das Lernen," erwiderte die Mutter. „Man ist froh, wenn man den Tag überlebt." Ich blickte die Mütter und ihre Kinder lange an und eine tiefe Wehmut beschlich mein Gemüt. „Gehen wir," sagte ich zu meinem Begleiter. Ich verabschiedete mich von allen diesen Opfern und ging fort. „Hatten Sie viel zu sehen?" fragte mich der Verwalter. „Ja, es war genug, genug . . .!" Die Judenmetzeleien in Fez. Das schreckliche Schicksal, welches die Juden im Mellah (Judenviertel) von Fez heimsuchte, nachdem die französischen Truppen ganz nach dem Muster der russischen Lokalbehörden der Plünderung und Abschlachtung der Juden ruhig zusahen, wird in einem Berichte des Direktors der Allianzschule in Fez in grauenerregender Weise geschildert. Der Bericht lautet: Fez, am 22. April 1912. Herr Präsident! Wir haben Schreckliches überstanden. Die Plünderung des Mellah durch die scherifischen Truppen begann am Mittwoch, den 17. April, mittags. Ich hatte eben die Schule verlassen und wollte gerade frühstücken, als man mich benachrichtigte, daß an den Toren des Mellah Schüsse gewechselt würden. Ich glaubte zunächst an einen belanglosen Auflauf. Mit jeder Minute aber wurden die Meldungen beunruhigender. 5000 Soldaten überfallen das Mellah! Man berichtete mir von einem Aufstand von mehr als 5000 gut bewaffneten Soldaten, die im Begriffe seien, auf das Mellah und das europäische Viertel zu marschieren. Die Tore des Mellah wurden geschlossen; aber leider mußten sie unbeschützt bleiben, weil die Israeliten weder Gewehre noch Munition hatten. Der Angriff wur so plötzlich erfoigt, daß es unmöglich war, die Verteidigung zu organisieren. Jeder suchte sich allein mit den Seinen in seinem Hause zu verteidigen. Unsere Schulen füllten sich mit Massen von Frauen und Kindern, Unglückliche, die nicht wußten, daß unsere Gegenwart ihnen zum Verhängnis werden konnte, denn die Empörer suchten alle Franzosen in Fez niederzumetzeln. Ich versuchte, uns zu organisieren, um uns nach besten Kräften zu verteidigen und unser Leben so teuer als möglich zu verkaufen. 12.000 Juden — fönf Gewehre. Wir hatten jedoch für vierhundert Flüchtlinge im ganzen bloß fünf Gewehre — eine verzweifelte Situation! Gegen zwei Uhr mittags wurde mir mitgeteilt, Räuber hätten die Tore des Mellah niedergebrannt und seien in die Stadt eingedrungen. In diesem Augenblick begann auch schon die Plünderung und wir hörten Verzweiflungs- und Todesschreie vieler Menschen. Ich ließ um teueres Geld dem französischen Gesandten Nachricht zukommen und sandte auch um Hilfe in das zwei Kilomeier entfernte französische Lager zu Dar Dbibag. Meine Briefe gelangten jedoch nicht in die Hände der Adressaten. Ich hoffte immer noch, daß die französischen Militärbehörden ein Truppendetachement zur Verteidigung und zum Schutz des Mellah entsenden würden. Ich kannte noch nicht die Situation des Generals ßrulard, der nur über ca. 800 Mann verfügte. Aus dem Lager von Dar Dbibag war der Gesandtschaft Beistand geleistet worden, aber, anstatt, den kürzesten Weg durch das Mellah zu nehmen — was unsere Rettung gewesen wäre — marschierten die Truppen durch die Felder außerhalb der Mauern des Mellah. Die aufständischen Soldaten, die bereits mehrere Häuser unseres Vierteis besetzt hatten, zielten von den Mauern aus auf diese Truppen, se daß die Offiziere glaubten, die Israeliten seien ihnen feindlich gesinnt und befänden sich auf Seiten der Aufständischen. Während der General mit allen Kräften danach strebte, Herr der Situation zu bleiben und sich bemühte, um jeden Preis die Gesandschaft und das europäische Viertel zu erreichen, um es zu schützen, waren wir im Mellah unserem Schicksal überlassen. Ein Detachement von nur 100 Tirailleuren hätte schon genügt, die Greuel zu verhindern, von denen ich Ihnen berichte. Wir sind die unschuldigen Sühnopfer der antifranzösischen Bewegung von Fez gewesen. Wohl sind viele Franzosen getötet und verwundet worden, haben Offiziere, Kaufleute im Lauf des Mittwochs ihr Leben eingebüßt, aber viel größer ist das Unglück, das im Mellah eine ganze Gesamtheit betroffen hat. In der ganzen Stadt Fez waren wir allein dem Verderben ausgeliefert, denn es ist gransame Wahrheit, daß bei jedem Ausbruch der Völkswut in Marokko Rachsucht und Haß in den Mellahs ihre Befriedigung suchen und finden. Die am Mittwoch begonnene Plünderung setzte sich ohne Unterbrechung bis Samstag morgen fort. Drei Tage lang wurde im Mellah gestohlen, abgebrannt, niedergemetzelt. Die Nacht vom Mittwoch zu Donnerstag war eine Schreckensnacht, an die ich mein Leben lang denken werde. Ich wachte inmitten meiner geängstigten Familie, die Waffen in der Hand. Wir hörten das Gewehrfeuer, das Geschrei der Opfer. Die Stadt war erleuchtet von dem unheimlichen Schein der Feuersbrunst. Jeden Augenblick erwarteten wir, von der wilden Horde ergriffen und niedergeschlagen zu werden. Wir haben schreckliche Minuten durchlebt. Ich hatte um mich meine Frau, meine Kinder und das Personal der Schulen vere;nigt, um gemeinsam zu sterben. Ungeachtet der verzweifelten Gegenwehr, die wir den Mördern entgegengesetzt hätten, wären wir doch zum Tode verurteilt gewesen, wie das Beispiel mehrerer Häuser zeigte, deren Bewohner sich mit dem Mut der Verzweiflung verteidigt hatten und zuletzt noch den Kugeln und den Flammen zum Opfer gefallen waren. Flucht aus dem Mellah. Am Morgen des Donnerstag forderte ich angesichts der bereits begangenen Grausam keifen und um neues Unglück zu verhindern, die Insassen der benachbarten Häuser auf zu entfliehen. Ich selbst verließ mit den Meinigen und unseren sämtlichen Flüchtlingen das Haus, und wir eilten, in einen an den Palast des Sultans grenzenden Garten zu gelangen. Hier verbrachten wir den Rest des Tages gehetzt und verfolgt von Bosket zu Bosket, von einer Hütte zur anderen. Es war eine Flucht unter Schrecken und Bestürzung, die ich Ihnen nicht schildern kann. Frauen und Kinder hängten sich weinend an mich im Glauben, ich besäße die Mittel, sie zu retten. Am Abend kam die Rettung. Von Mitleid bewegt, ließ der Sultan alle Israeliten holen und ihnen die Tore des Palastes öffnen, an die wir im Laufe des Tages vergeblich geklopft haben. Fast 2000 Israeliten flüchteten an diesem Abend in einen der Höfe des Palastes. Was war aus den anderen geworden? Wir zitterten, wenn wir an ihr Schicksal dachten. Die Nacht verbrachten wir in diesem Hof des Palastes irn Regen, krank und hungrig. Wir hatten seit Mittwoch früh nichts gegessen und konnten vor Freitag früh kein Stück Brot haben. Gastfreundschaft beim Sultan. Am Morgen ließ uns der Sultan mit unseren Familien zu sich kommen. Wir bestanden darauf, auch unser Personal einzuführen, was auch gestattet wurde. Man empfing uns in einem Hause, wohin der Sultan kam, der sich zwanglos und freundlich mit uns unterhielt. Bis heute Morgen genossen wir im Palast völlige Gastfreiheit. Ich verließ den Palast, um zur Gesandschaft zu gehen und mich für die Israeliten zu verwenden. Der Rest der Israeliten war am Freitag früh im Palast aufgenommen worden. Der Sultan ließ freigebig Lebensmittel an sie verteilen. Die Militärbehörde, die Gesandschaft, der englische Konsul haben Brot geschickt. Vom Palast aus habe ich Ihnen aueh die erste Depesche folgenden Inhalts geschickt: „Mellah drei Tage lang geplündert. Zahlreiche Tote, Verwundete. Jüdische Bevölkerung im Palast des Sultans aufgenommen. Sendet schnellstens Hilfe. Elmaleb." Nachdem ich den Palast verlassen und in das europäische Viertel fliehen konnte, wo ich gegenwärtig wohne, habe ich mich bemüht, im Bürgerhospital von Fez alle verwundeten Israeliten zu vereinigen. Zwei französische Ärzte waren uns von Herrn R e g na u 11 zur Veriügung gestellt worden. Wir haben ungefähr 25 Verwundete, von denen mehrere sterben werden. Die Israeliten sind im Palast geblieben und leben von den Nahrungsmitteln, die wir unter sie verteilen. Sie befinden sich in den Höfen des Palastes ohne Dach, ohne Kleidung, auf der bloßen Erde kauernd, von Krankheit und Fieber befallen, oder eingeschlossen in den Löwenkäfigen, die ihnen als Obdach dienen. Der Anblick, der sich mir jedesmal beim Betreten der Höfe bietet, zerreißt mir das Herz. Ich habe Ihnen gestern ein zweites Telegramm mit folgendem Wortlaut geschickt: „Mellah zu dreiviertel durch Feuer zerstört. Bevölkerung im Palast. 50 Tote, 24 Verwundete. Französische Gesandschaft verteilt Lebensmittel und leiht ärztlichen Beistand. Muselmanische Bevölkerung eröffnet Sammlung zugunsten der israelitischen Opfer. El mal eh.*