Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1912-05-17 · Heft 10 (17.5.1912) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 10 (17.5.1912)
Date
1912-05-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425857-2425868--2373-2428800
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 3 zu vermeiden und damit die Taufseuche zu verhindern, wird höchstens das Assimilantentum gestärkt, jene Epidemie aber nicht geheilt werden. Wir raten dem „offiziellen Judentum" und auch dem gelehrten Herrn Wiener Oberrabbiner über andere Mittel nachzudenken, um diese Krankheit zu heilen. Ob er sie findet? Wozu ist er denn Oberrabbinner? Historicus. S. I. Jazkan: Bei Frau Bejlis*). Als ich vom Kiewer Friedhof zurückkehrte, vom frischen Grabhügel, unter dem unser unvergeßlicher Mandelstamm bestattet wurde, da zeigte man mir in der Ferne einen zweiten jüdischen Grabhügel . . . „— Sehen Sie, dort ist das berühmte Lukanowka, das jetzt für jeden Juden so unvergeßlich ist." Ich warf einen Blick auf diese dichten Häuser und sah den Gefängnisturm, wo jetzt der Märtyrer unseres Volksschicksales gepeinigt wird. Und ich dachte: Wer weiß, ob nicht zwischen diesen zwei Gräbern auch ein Zusammenhang besteht. Wer weiß, wie viel der alte, große Jude, den wir jetzt bestattet haben, durch die Affäre Lukanowka von seinem Leben und seiner Gesundheit eingebüßt hat, wer weiß, ob nicht diese Affäre ihm den letzten Schlag versetzt hat? Ich nahm mir vor, die Hinterbliebenen des zweiten Grabhügels zu besuchen — die Frau und Kinder von Mendel Bejlis. Leicht war das nicht. Ein langer, weiter Weg über Berg und Tal, an Saitzew's Spitalstiftung vorbei, führt zur „Residenz" von Ester Bejlis. Dieselbe befindet sich in den Ziegelwerken, die man nur mit Erlaubnis des Verwalters betreten darf. Ich mußte mich also bei diesem erst melden und ihm meine Bitte vortragen. „Ich möchte Frau Bejlis besuchen," sagte ich zu ihm. „Aber . . . was werden Sie denn dort sehen, eine einfache Jüdin?" gab er mir zur Antwort. „Trotzdem," erwiderte ich, „möchte ich sie sehen, so einfach, sie ist ja Bejlis' Frau." „So werde ich sie rufen lassen. Wo wollen Sie denn hingehen, auf die Ziegelei? Es ist ja so kotig, man kann kaum die Füße schleppen?" Ich dankte dem Verwalter für seine Gefälligkeit, blieb aber dabei, daß ich doch lieber Frau Bejlis in ihrer Behausung sehen möchte, mit ihren Kindern, wie sie dort jetzt leben und was sie treiben. „Wenn Sie also durchaus wollen, dann gehen wir." Es war wirklich ein beschwerlicher Weg, an tiefen Lehmgruben vorbei, bis wir unser Ziel erreichten. „Da sehen Sie Bejlis' Residenz!" Der Verwalter zeigte mir ein kleines Häuschen mit drei niedrigen Stuben. „Und das ist Frau Bejlis," er wies auf eine Frau hin, welche ganz erstaunt dastand. *) Herr Jazkan, der Chefredakteur des Warschauer jiddischen Tagblattes „Haint", veröffentlicht in seinem Blatte diese interessante psychologische Studie über seinen Besuch bei der Familie des unter der Anklage des „Ritualmordes" im Kiewer Gefängnisturm schmachtenden Mendel Bejlis. Die ungeheure Sensation, welche diese unter dem Schutze der Huligan-Regierung inszenierte antisemitische Kampagne in allen Welteilen erregt hat, sichert diesem Aufsatz die weitgehendste Aufmerksamkeit. Die Redaktion. „Erschrecken Sie nicht," sagte ihr der Vewalter, „dieser Mann hier wird Ihnen nichts tun, er möchte nur wissen, wie es Ihrem Manne geht." Die Frau beruhigte sich auch sofort und faßte zu mir gleich Vertrauen. Sie erzählte, daß sie erst heute, es war Sonntag, ihren Mann besucht habe. Er war sehr aufgeregt, denn es hat ihm jemand mitgeteilt, daß sich die Untersuchungsakten beim Minister befinden. Das macht ihm viel Kopfzerbrechen. „Warum kümmert sich der Minister um mich? Ist das eine so schwere Untersuchung?" fragte er mich. „Er", meint sie, „ist doch ein so einfältiger Mensch! Ich, eine gewöhnliche Jüdin, bin durch diese ganze Untersuchung eine Gelehrte geworden und er ist sich noch immer gar nicht klar darüber, was hier vorgeht. Er fragte mich, wie denn seine Untersuchung stehe. Ich antwortete, wir wüßten nur das, was in den Zeitungen steht. Da wird er wieder erstaunt und fragt: Warum in den Zeitungen? Was geht die Untersuchung die Zeitungen an? Erklären Sie ihm das alles. Der arme Mann versteht ja gar nicht, was da vorgeht." „Wie lange hat Ihre Unterredung mit ihm gedauert?" fragte ich. „Kaum zehn Minuten. Aber bis man diese wenigen Minuten erlebt. Ich mußte heute vormittag von 10 bis 1 Uhr nachmittag warten." „Freitag," erzählte sie weiter, „da hatten wir einen guten Tag. Mein älterer Sohn brachte mir eine Zeitung und las mir daraus vör, was der Petersburger Advokat gesagt hat." (Sie meinte offenbar den Verteidiger Bobritschew-Puschkin). „Sehen Sie," sagte sie, „das hat uns einmal gefreut. Wenns nur nicht ärger käme." „Sind das," fragte ich, „alle Ihre Kinder?" „Ja, fünf habe ich für lange Jahre, drei Buben und zwei Mädel." Ich sah nur vier. Der älteste trägt bereits die Uniform der Mittelschule, er ist ein ganz hübscher Junge mit klugen Augen und kennt offenbar das Schicksal seines Vaters . . . „Und wo ist noch ein Kind?" „Das hat sich," antwortete sie, „unter dem Bett versteckt. Das Kind ist verschreckt. Sie haben keine Ahnung, was wir hier schon erlebt haben. Wir werden nachts von der Polizei überfallen, kein Wunder, wenn die Kinder vor fremden Menschen Angst haben." Wir versuchten das Kind hervorzuziehen, doch war es vergeblich. Dagegen war die kleine Mirele, ein herzig kleines Kind von drei Jahren mit schönen, hellen Augen schon zutraulich. Sie hat verstanden, daß „Dziadzia" (Großväterchen) kein Bösewicht ist und ich konnte mich ihr nähern. „Sag' mir doch, mein Schätzchen," frage ich, „wo ist denn dein Papa?" „Im Turm!" antwortete sie. „Die Polizei hat ihn weggeführt." Ich will ihr ein Geschenk überreichen. Die Mutter unterbricht mich. „Wozu taugt ihr das? Wenn sie ihren Vater nicht hat. Sonst fehlt uns ja Gott sei Dank nichts. Wir erhalten unseren Gehalt von 40 Rubel monatlich, dazu noch freie Wohnung, was brauchen wir mehr? Aber der Vater fehlt uns!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.