Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 10 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 10 Aus demselben Grunde müssen wir uns daher auch gegen die im Entwürfe der Militär-Strafprozeßordnung vorgesehene Verteidigerliste wehren. Wir verlangen die Zulassung aller Advokaten in gleicher Weise zum Verteidigeramte vor den Militärgerichten, und zwar nicht aus irgendwelchen materiellen Gründen, denn materiell rentabel dürfte dasselbe kaum sein, sondern im Interesse des Ansehens der jüdischen Advokaten und im Interesse der Gleichwertigkeit derselben, damit die jüdischen Advokaten nicht zu Advokaten zweiter Klasse herabgesetzt werden. Wenn die Kriegs- und Justizverwaltung es für notwendig finden, besondere Bedingungen aufzustellen, dann müssen dieselben genau detailliert sein, aber nicht so allgemein gehalten, daß sie der Willkür und sonstigen Vorurteilen freien Raum lassen. Von den 14 jüdischen Abgeordneten des österreichischen Parlamentes sind sieben Advokaten. Ihre Sache muß es sein, sowohl selbst als auch vermöge ihrer Stellung innerhalb ihrer Klubs die Würde und das Ansehen der jüdischen Advokaten zu schützen. Sie verteidigen diesmal auch die Interessen der Allgemeinheit, welche durch die Anlegung einer k. k. Verteidigerliste sehr bedroht erscheint. L. Über jüdische Namen. (Die Antwort eines Historikers an Herrn Oberrabbiner Doktor Gfldemann.) Gar verschiedenartig sind die Ärzte, die an unserem Judentum ihre Künste versuchen, verschiedenartig die Mittel und Mittelchen, die zur Heilung der Krankheiten, an denen es leidet, empfohlen werden. Man lese nur die Artikel über „Deutschtum und Judentum" in dem germanischen „Kunstwart" und wie Ernst Lissauer eine wahre Doktor Eisenbart-Kur uns empfiehlt, um uns von unserem Judentum zu heilen. Zu den „silberhaarigen Männern", die ein Herr „H. R" in derselben Nummer der genannten Zeitschrift als „offizielles Judentum" bezeichnet, gehören, außer den von ihm angeführten Professoren, Geheimräten, Bankherren, sicherlich auch Rabbiner und Oberrabbiner. Und diese haben gewiß das Recht, in ihrer Art das Judentum zu retten. Einer von ihnen hat das Mittel gefunden. Er empfiehlt seinen „Amtskollegen" (ein schönes Wort!) in G a 1 i z i e n, dafür zu sorgen, daß den neugeborenen Kindern keine sogenannten „jüdischen" Namen gegeben werden, denn sie bilden „keine Zierden des Geburtsscheines" und, da ihrer Aenderung gesetzliche Hindernisse entgegenstehen, verführen sie zur Taufe. Nun kennen wir, denn ein Oberrabbiner hat es gesagt, eine Ursache der Taufepidemie in Galizien. Kennt man aber die Ursache einer Krankheit, dann ist sie schon leichter zu heilen. Ergo, keine „jüdischen" Namen und es ist auch ein Anlaß weniger zum Taufen vorhanden. Seltsame Blüten allerdings, welche die traurigen Erscheinungen unserer Zeit zeitigen. Daß es aber jetzt die jüdischen Namen sein müssen, die zum Uebertritte zur „Landeskirche" führen, um mit Ernst Lissauer zu reden, haben wir nicht gewußt. Doch wozu haben wir Wiener Oberrabbiner und denen immer zu Diensten stehende Preßorgane, wenn sie uns nicht mit weiser Lehre über die Krankheiten des Judentums und deren Heilung unterrichteten? Unsere Oberrabbirter aber tauchen auch unter in das Meer historischer Kenntnisse. Sie belehren uns, daß wir griechische Namen selbst bei den alten Lehrern der Mischna und des Talmuds finden und diese Tanaim und Amoraim waren doch gewiß keine Assimilanten. Da werden wir auf den berühmten Antigonos von Socho verwiesen, der um das Jahr 180 wirkte. Der war gewiß ein echter Jude — und doch führte er den Namen Antigonus. Wir wollen die Reihen der griechischen Namen vervollständigen, wir kennen auch einen Elieser, Sohn des Hyrkanos, und vielleicht birgt sich auch unter dem Rabbi Tarphon, horribile, ein griechischer Therapon. Aber mit der Gelehrsamkeit ist es ein eigenes Ding. Sie führt uns oft einige Ausnahmen vor, welche nach der alten Erfahrung die Regel bestätigen. Wenn wir aber gewissenhaft, ohne Verdrehung der Tatsachen, die Geschichte betrachten, so belehrt sie uns in bezug auf die griechischen Namen eines ganz anderen. Soviel muß einem gelehrten Oberrabbiner bekannt sein, daß in der Zeit, da das hellenische Assimilantenfieber das Judentum zu zersetzen drohte, die griechischen Namen imJudentum in die Mode kamen. Wer dies leugnet, kennt entweder die Geschichte nicht oder spielt die berüchtigte Vogel-Strauß-Politik. Wann wurde zum erstenmale der Name Alexander im Judentume gebräuchlich? Doch zu der Zeit, als jüdische Priester dem großen Eroberer den Tribut ihrer Unterwürfigkeit leisteten. Die ersten Hasmonäer führten nur jüdische Namen: Juda, Jonathan, Eleasar, Jochanan, Simon. Die Enkel dieser großen Befreier und Patrioten gaben sich schon neben den jüdischen Namen auch griechische: Jochanan Hyrkanos, Juda Aristobulos, Alexander Jamaeus. Die letzten Hasmonäer aber heißen nur: Hyrkanos, Alexandc , Aristobulos, Antigonus. Und, was sollen wir von dun entarteten Herodäer-Geschlechte sagen, mit seinen romisch-griechischen Allüren und Assimilationsbestrebungen? Von Herodes-Antipas und Agrippa? Von der schamlosen Herodias? Von Berenice und Drusilla? Nein, das wird nicht geleugnet werden können, daß mit der fortschreitenden Hellenisierung des jüdischen Volkes, die ihren Gipfelpunkt in Josephus dem Flavier, erreicht, auch die griechischen Namen sich verbreiteten, mag auch die Ausnahme festgestellt werden, daß damals wahre Juden ebenfalls griechische Namen führten, wie etwa der Alexandriner Philo, dessen jüdischen Namen, der vielleicht Jedidjah war, man in Wirklichkeit gar nicht kennt. Ich weise im übrigen darauf hin, daß Namensveränderungen als ein Zeichen von Assimilantentum schon bei den altenLehrern verpönt waren, die es dem biblischen Joseph zum Vorwurfe machten, daß er sein Vaterhaus vergessen und seinen guten hebräischen Namen in den ägyptischen Zophnath- Paneach verwandelt habe. Was das Mittelalter anlangt, so würde es selbst gelehrten Oberrabbinern schwer werden, nachzuweisen, daß die jüdischen Gelehrten und Großen Spaniens, Frankreichs, Deutschlands, Italiens, von Polen nicht zu reden, jemals ihre jüdischen Namen mit den landesüblichen vertauscht hätten. Im Gegenteil: Ihren Namen werden die ihrer bedeutendsten Werke hinzugefügt und die letzten lassen uns ihre eigentlichen Namen oft ganz vergessen. So hatte der jetzige Wiener Oberrabbiner einen großen Vorgänger R. Isaak ben Moses aus Wien, genannt „Or Sarua", in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Erst das Toleranzpatent Kaiser Josef II. legte den Juden die Pflicht auf, „feste Familiennamen zu führen." Mit den weisen Ratschlägen, die man den galizischen Juden gibt, die Namen Feiwel, Leib etc.