Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 9 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 9 und Tritt begegnen und wird zufrieden sein, daß es bei den Wahlen wenigsten gelungen ist, den Christlichsozialen acht Mandate, zwei für jüdische Kandidaten (Magistratssekretär i. P. K o c? i c e k und Eisen bahninspektor i. P. Fischer), dreu für Fortschrittliche und drei für Sozialdemokraten abzunehmen. Damit erhöht sich die Zahl der oppositionellen Gemeinderäte wie folgt: 10 Sozialdemokraten, 20 Liberale, darunter 9 Juden. Sehr erfreulich si^.d der Durchfall B i e 1 o h 1 a - w e k s in der Inneren Stadt und die Eroberung des II. Wahlkörpers für den Bezirksrat der Leopoldstadt. Dadurch haben die Fortschrittlichen im Bezirksrat die Majorität erlangt, was für die zahlreiche jüdische Bevölkerung dieses Bezirkes von eminenter Bedeutung ist. . * Die Statutenänderung für die Kultusgemeinde — beschlossen. Wien. Die in unserer letzten Nummer angekündigte Aenderuilg der Wahlordnung nach der Richtung, daß Steuerträger, die im laufenden Jahre die Kultussteuer nicht bezahlt haben, trotzdem ihr Wahlrecht ausüben können, wurde mit 24 gegen 1 Stimme (des Dr. Schreiber) angenommen. Dadurch dürfte bei den nächsten, im November d J. stattfindenden Wahlen die Zahl der Wähler auf zirka 17.000—18.000 steigen. Die Kultusvorsteher haben durch die Annahme dieser Aenderung jedenfalls bewiesen, daß sie für vernünftige Erwägungen nicht unzugänglich sind; es hat sich aber dabei eklatant gezeigt, daß nur solche Aenderungen akzeptiert werden, die dem Präsidenten passen. Eine Herabsetzung des niedrigsten Steuerzensus von 20 K auf 10 K will rler Präsident nicht und das genügt, damit alle Kultusvorsteher zusammenklappen. Rechnungsabschluß pro 1911. (Der Kosctterfleisch-Konsum in Wien seht zurück.) Den zweiten Punkt der Tagesordnung bildete der Bericht des Kultusvorstandes Frank über den Rechnungsabschluß pro 1911. Aus demselben ergibt sich ein Ueberschuß von K 25.70439. Es wurden im Jahre 1911 eingenommen K 3,263.93921 und ausgegeben K 3,238.234 82. Von einzelnen Posten verdienen Erwähnung: Die Kultussteuern haben um K 34.000 und die Trauungstaxen um K 16.500 mehr ergeben als im vergangenen Jahre. Dagegen sind die Schech ilagebühren um K 12.000 zurückgegangen, ein Beweis, daß der Konsum von Koscherfleisch in Wien abnimmt und daß die sträfliche Nachsicht des „konservativen" Rabbinates gegenüber den Selchfabriken ä la Piowaty und Theuma.m sich an dem Gemeindesäckel rächt. Spenden für ein jüdisches Kiaderspital. In der Sitzung berichtete der Präsident über die Kinuerspital-Stiftungen von Gutmann und Spitz berger sowie schließlich über eine namhafte Spende (K 300.000) des verstorbenen ehem. Kultusvorstehers Bernhard P o 1 1 a k von Parnau für den gleichen Zweck. Generalversammlung des Hitfsvereines der Deu sehen jurien. Berlin. Im großen Saale des Lngenhauses zu Berlin fand am 14. v. M. die Generalversammlung des II i 1 f s v e r e i n s der Deutschen Juden statt. Der Präsident des Hilfsvereins, Dr. James S im o,i, eröffnete die Generalversammlung mit dem Hinweis, daß der Hilfsverein auf eine zehn j ä h - rige Tätigkeit zurückblicken könne Dann erstattete Dr. S i m o n Bericht über die Tätigkeit des Hilfsvereines im Jahre 1911. Der Hilfsverein zählt heute über 25.000 Mitglieder und hat mehr als 160.000 Mark Jahresbeiträge. Die Gesamteinnnahmen für 1911 belaufen sich auf 335.000 M. Der Vortragende gab einen Ueberblick über das Hilfswerk für die notleidenden Juden im Osten, namentlich in Rußland, wo im Berichtsjahre massenhafte Judenausweisungen stattfanden und wo sich die Bureaukratie in der Erfindung immer neuer drückender Maßregein gegen die Juden nicht genug tun kann. Das Hilfswerk für Rußland und die russische Auswanderung erforderten im Jahre 1911 264.000 3Iark. Die gesamte indische Auswanderung, die zu 70f^ aus Rußland kommt, betrug im Jahre 1911 mehr als 100 000 Personen, 41.000 Auswanderer haben ihren Weg durch Deutschland genommen. Die Kosten, die die gesamte Fürsorge für die Auswanderer verursacht hat, betrugen 210000 Mark. Die Versammlung nahm den Bericht des Präsidenten über die Vereins- *äfigkeit im Jahre 1911 mit großem Beifall auf. Hierauf skizzierte Dr. Paul Nathan die Tätigkeit des Vereines in den ersten zehn Jahren seines Bestehens und besprach dann eingehend dir» russische Judenfrage und Wege, auf denen sie gelöst werden könne. Der Redner führte Folgenries aus: .,Bei einer Unterredung mit dem Grafen Witte und dem Ministerpräsidenten Stolypin fragte ich diese Herren, was von der Regierung zum Schutze der bedrückten russischen Juden geschehen wäre. Beide Herren antworteten: „Lassen Sie uns nvr Zeit; die russische Judenfrage wird auch einmal gelöst werden . . Wir meinen, daß die russischen Juden nicht soviel Zeit haben, wie die russische Bureaukratie, Deshalb bleibt ihnen nichts anderes übrig, als auszuwandern und sich eine neue Heim at zu su che n." Der Hauptstrom dieser Auswanderung geht bis jetzt nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika.Es muß aber mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß die Vereinigten Staaten die Auswandererscharen nicht mehr aufnehmen. Als Ersatz kann dann nur das Osimmisehe Reich mit seinen großen, dünnbevölkerter, T/ündermassen in Betracht kommen. Dr. Nathan besprach dann im einzelnen die Ansiedlungsmöglichkeiten der russischen Juden in der Türkei, speziell in Syrien und Palästina. Die interessanten Ausführungen wurden mit großem Beifall aufgenommen. Nach kurzer Diskussion teilte der Schatzmeister des Vereines mit, daß der Präsident Dr. James Simon aus Anlaß des zehnjährigen Bestellens des Hilfsvereines die Summe von 100.000 Mark und zwei andere Mitglieder 50.000 und 25.000 Mark gestiftet haben. Darauf schloß der Vorsitzende die Verhandlung. Professor Dr. Eugen M i 11 w o c h - Berlin und Julius Bäsch- München wurden ins Zentralkomitee des Vereines gewählt.