Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 9 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 9 „Neue National-Zeitung' Seite 5 Leider ist inzwischen der angeklagte Bejlis im Gefängnisse schwer erkrankt, er ist erschöpft und hatte bereits einen Blutsturz. Vor einer Woche hatte der Petersburger Korrespondent des „Hajnt" Gelegenheit, den Dumaabgeordneten und berühmten Vertedi ger Maklakow, welcher als erster Verteidiger in diesem Prozeß fungieren wird, zu sprechen. Der letzgenannte nahm keinen Anstand, schon jetzt über den Prozeß seine Meinung auszudrücken. Er sagte: „Die Affaire Juszczinsky ist unglaublich und unerklärlich, es steckt darin ein unauflösbares Rätsel. Die Annahme des Sachverständigen Lutostawski, daß dieser Mord wie ein ritueller Mord ausgeführt ist, erscheint mir ganz unglaublich. Denn, wollte man-einen rituellen Mord simulieren, so müßten auch gewisse äußere Anzeichen dafür sprechen, wie das Zurücklassen irgend eines religiösen rituellen Gewandes oder eines Gefäßes zum Aufsammeln von Blut. „Gegen Bejlis selbst liegt nicht der mindeste Verdachtsgrund vor. Selbst wenn die verschiedenen kleinlichen Einzelheiten, auf die sich der Anklageakt stützt, bewiesen werden sollten, so liegt noch immer kein Grund vor, Bejlis zu beschuldigen. Das Gefährlichste in diesem Prozesse sind nur die Sachverständigen, die sich für einen rituellen Mord ausgesprochen haben. Und damit werden sich die Verteidiger in erster Linie zu beschäftigen haben. Allein diese befinden sieh in einer sehr schwierigen Lage, denn wie können sie die Unrichtigkeit der Gutachten beweisen, die sich auf einen sofort nach Auffindung der Leiche hergestellten BefU' d stützen. „Es wird daher Sache der Verteidiger sein, nachzuweisen die Unwissenschaftlichkeit der Gutachten und die Haltlosigkeit ihrer Schlüsse. „Aeußerlich ist allerdings der Anklageakt sehr fein zusammengestellt; er geht konsequent der Frage des Ritualmordes aus dem Wege, und darum wird es iür die Verteidigung sehr schwer sein, diese Frage aufzurollen. Allein jedem, der die Anklage liest, drängt sich unwillkürlich zwischen den Zeilen die Beschuldigung des „"Ritualmordes" auf. „Tm Sinne der Gerechtigkeit wäre es Pflicht des Senates gewesen, zur Durchführung dieses Prozesses ein anderes Gericht zu delegieren, da das hiesige von den Judenhetzern vergiftet ist und anzunehmen sei, daß die unter deren Einfluß stehenden Geschworenen sich für den Ritualmord und damit für die Schuld des Angeklagten aussprechen würden. Damit würde auch das ganze jüdische Volk schuldig gesprochen werden." Maklakow schließt: Deshalb erkläre ich, daß es die einzige Aufgabe der Verteidigung sein wird, die tendenziösen Gutachten aus der Welt zu schaffen.-' * * Fürst Krapotkin gegen den Czaren. In ganz Rußland ist die öffentlich.' Meinung der Ueberzeugung, daß die Ritualmordhetze in Kiew von sehr hoher Stelle geleitet, respektive geduldet wird .... Die Henker des armen Bejlis sind nicht in Kiew, sondern in Petersburg zu suchen. Ein sehr genauer Kenner Rußlands, dessen Beziehungen sehr hoch hinaufreichen, der nihilistische Fürst Krapotkin, hat anläßlich einer Protestversammlung in London an den Vorsitzenden einen Brief gerichtet, worin über die Einflußnahme des Ozaren auf die Judenverfolgungen folgendes sagt: „Es gibt einige Menschen, welche behaupten, daß der gegenwärtige Czar für die «chamlose Reaktion, welche gegenwärtig in Rußland Triumphe feiert, nicht verantwortlich sei und daß all dies ein Werk seiner Minister sei. Nichts ist gefährlicher und von der Wahrheit entfernter, als eine solche Behauptung. Nimmt auch Nikolaus II. keinen aktiven Teil an den Einzelheiten der Regierung, so ist doch eres, der das Vorgehen seiner Minister in großen Hauptzügen vorzeichnet, so ist doch er es, der sich in die Handlungen seiner Minister immer einmengt, und zwar stets, um sie im Sinne der schwärzesten R eaktion zu dirigieren..... Die Folge von all dem ist schrecklich. Nationalitäten, wie die Finnländer und Georgianer, die bisher die besten Freunde der russischen Nation waren, sind zu ihren erbittertsten Feinden gemacht worden, seitdem alles, was ihnen lieb und teuer war, von der gegenwärtigen Regierung mit Füßen getreten wird. „Dasselbe muß auch von den nahezu sieben Millionen Juden und der zahlreichen muselmännischen Bevölkerung des russischen Reiches gesagt werden. Aber mit den Russen selbst steht's auch nicht besser. Die Universitäten sind heute nur mehr Ruinen. Die besten Lehrkräfte sind aus ihnen vertrieben worden und Hunderte von Lehrkanzeln sind heute unbesetzt. Alle Bemühungen der Nation, eine universelle Elementarerziehung durchzusetzen, wurden durch die finsteren Mächte paralysiert, welche in den Sprechzimmern des Kaiserpalastes stets herzlich willkommen sind . . ." Das genügt! Männer, wie Graf Witte, Roditschew, Maklakow, können den Juden nicht nützen — der Czar regiert selbst .... IRPRReSPONDeNZCN Oesterreich-Ungar». Die Wiener Gemeinderatswahlen. Wien. Der Pessimismus, mit welchem wir in unserer letzten Nummer an leitender Stelle den Ausgang der Wiener Gemeinderatswahlen prognostiziert haben, war, wie der Ausgang beweist, vollständig berechtigt Es zeigt sich, wie geradezu lächerlich das Sieges- und Triumphgeschrei gewisser liberaler Tagesblätter war, die mit ihren Leitartikeln das Rathaus erstürmen wollten. Und gerade die Trompeten aus der Fichtengasse waren es, die die christlichsoziale Bevölkerung von Wien zur Sammlung veranlaßt und somit das entgegengesetzte Resultat herbeigeführt haben, als sie anstrebten. Das Resultat war nämlich, daß sich die Deutschnationalen diesmal, im Gegensatze zu ihrem Verhalten bei den letzten Reichsratswahlen den Christlichsozialen bei den engeren Wahlen anschlössen und dadurch den Christlichsozialen zu ihren Erfolgen verhalfen. Dabei zeigte es sich, wie Recht wir haben, wenn wir seit jeher darauf hinweisen, daß die Phrase von den „Deutschfreisinnigsn" nur eine Treibhauspflanze der liberalen Redaktionen ist, da im entscheidenden Momente diese Pseudo- Deutschfreisinnigen ihren Weg zu den christlichsozialen Antisemiten suchen und finden. Wer an dieser Anschauung festhält, der wird vor den Täuschungen bewanrt bleiben, welchen die assimilatorischen Vogelstraußpolitiker auf Schritt