Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 9 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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,,Neue National-Zeitung" Nr. 9 II. Brief. 24. November 1905. Euere Exzellenz! Sie waren so freundlich, trotzdem Ihre Zeit so sehr in Anspruch genommen war, an mich zwrei Telegramme zu richten. In dem ersten haben Sie mir mitgeteilt, daß die russische Regierung empört war durch die Juden-Pogrome in Odessa und anderen Städten und daß die Lokalbehörden nicht stark genug waren, die Juden zu beschützen. Im zweiten Telegramm versicherten Sie mir, daß Dr. Paul Nathan aus Berlin, der sich nach Rußland begeben hat, um dort die Lage der Juden und die Möglichkeit einer Hilfe seitens der ausländischen Komitees zu untersuchen, bei der russischen Regierung die beste Aufnahme finden wird. Ieh danke Ihnen sehr für die Mitteilungen; wir kennen alle die riesigen Aufgaben, die auf Ihren Schultern lasten und die Schwierigkeiten, die Ihnen im Wege stehen. Wir hoffen, daß Sie genug Kräfte haben werden, sowohl physisch als auch geistig, um die große Verantwortung zu tragen und aus Rußland einen modernen Staat zu machen, mit einer Regierung, die ihren Völkern Glück und Wohlergehen verschaffen und welche die Achtung der anderen Staaten erringen würde. Gemeinsam mit allen gerecht denkenden Menschen der zivilisierten Welt betrauern wir die schreckliche Lage unserer Brüder in Rußland und wir können unsere Ueberzeugung nicht unterdrücken, daß für diese unmenschliche Behandlung die Regierungsbeamte verantwortlich sind, deren Aufgabe sonst in anderen Ländern darin besteht, das Leben und Eigentum der Bürger zu beschützen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Lokalbeamten Ihres Landes, indem sie sehen, daß die von Ihnen zu persönlichem Vorteile mißbrauchte despotische Staatsgewalt untergeht, die Volksmassen zu dem Zwecke gegen die Juden aufgereizt haben, um sie dafür zu strafen, daß sie durch ihre Mithilfe die Reformen herbeigeführt haben. Gott hat den Juden die Mission zugewiesen, die Verbrüderung der Völker zu predigen und ihr Schicksal war es, auf dem Wege zur Freiheit ein Martyrium zu ertragen. Für die Juden wird es aber ein Trost sein, daß sich aus diesen schrecklichen Leiden für sie ein neues, freies, aufgeklärtes und glückliches Rußland entwickeln wird. Ich bin glücklich, aus den Berichten, die aus Rußland hergelangen, zu erfahren, daß Sie sich bemühen, die uns hier gemachten Verspi echungen zu verwirklichen; leider aber ist Ihre Befürchtung, daß sich dadurch Anfangs die Lage der Juden verschlimmern wird, eingetroffen. Ich bin überzeugt, daß niemand so gut wie Sie versteht, daß, falls den Juden diese Reformen nicht zugute kommen sollten, darunter nicht nur die Juden, sondern auch die Regierung leiden wird. Spanien war vor 400 Jahren den Juden gegenüber noch viel menschlicher als sie von dort vertrieben wurden. Ihre Regierung sperrt die Juden jetzt am Anfang des 20. Jahrhunderts in die engen Ansiedlungsrayons und hetzt auf sie die Massen, um sie auszurotten. Rußland wird nie die Achtung der zivilisierten Welt erringen, wenn es dieser schrecklichen Lage nicht ein Ende bereiten und die Regierung den Juden eines ganzen Reiches nicht die Gleichberechtigung einräumen wird. Sonst wird den Juden keine andere Wahl übrig bleiben, als dies ungerechte Land zu verlassen. Die ganze zivilisierte Welt wird vor eine große schwere Aufgabe gestellt werden, aber auch diese Aufgabe wird gelöst werden. Sie wissen wohl zu gut, daß damit auch Rußlands Schicksal und Rußlands Zusammenbruch besiegelt sein werden. Jacob Schiff m. p. f Roditschew über die Lage der rassischen Jaden. Der bekannte Führer der Kadettenpartei der Duma, Roditschew, äußerte sich, wie ein Warschauer jüdisches Taglatt berichtet, über die Lage der russischen Juden und die bevorstehenden Wahlen für die 4. Duma folgendermaßen: „Die Lage der Juden ist eine schreckliche und vorläufig hoffnungslose. Schuld daran tragen in erster Linie die Juden selbst, welche sieh ganz apathisch verhalten. „Wenn Sie ineinen," sagt Roditschew zum Interviewer, „daß die Juden gar nichts tun können, dann täuschen Sie sich. — Die Duma kann ihnen gewiß nichts nützen, aber sie kann ihnen sehr viel schaden. Die Verschlimmerung der Lage der Juden in Rußland ist in letzter Zeit zum großen Teil auf den Einfluß der Duma zurückzuführen. — Wir haben sehr viel hohe Beamte, die den Juden sogar gut gesinnt sind, allein sie haben Angst vor der Rechten, welche die parlamentarische Tribüne mißbraucht, um jeden Beamten in den Kot zu zerren, der ihre antisemitische Politik nicht befolgt. Wir sehen, wie viele Gouverneure, um sich die Gunst der Rechten zu verschaffen, in rücksichtsloser Weise die Juden verfolgen. > „Daher bilden auch die Dumawahlen für die Juden geradezu eine Lebensfrage. Es ist für die Juden nicht gleichgültig, welche Zusammensetzung die nächste Duma haben wird. In der jetzigen Duma zählt die Opposition 150 Mitglieder, unter den Oktobristen gibt es 30 Mitglieder, die bereit sind, in nationalen Fragen die Opposition zu unterstützen. Gebt der Opposition noch 30 Mitglieder und dann wird die Duma ihren ganzen Charakter ändern und auch die Regierungsbeamten werden gegenüber den Juden eine andere Taktik einschlagen. Wenn aber die Juden schweigen und ihre Angst nach außen zeigen, dann werden sie noch mehr unterdrückt werden. „Ich will Ihnen nur ein Beispiel erzählen : „Als man sich überzeugt hatte, daß man die Juden durch Terrorismus so weit bringen kann, auf ihr Wahlrecht zu verzichten, wie dies in Odessa der Fall war, wo statt eines jüdischen Abgeordneten der antisemitische Baron Reno gewählt wurde, da ging man noch weiter und hat zu demselben Zwecke in Kiew einen rituellen Mord inszeniert. „Bei mir unterliegt es keinem Zweifel, daß der rituelle Mordproz-eß in Kiew ein Wahl-Manöver der Schwarzen Hunderterschaften ist. „Die beiden jüdischen Deputierten, die in der gegenwärtigen Duma sitzen, haben gar keinen Einfluß, weil sie schlechte Redner sind. Die Kadettenpartei wäre bereit, jüdische Kandidaten zu unterstützen, aber diese müßten selbst auch etwas tun. Abgeordneter Grusenberg wäre ein sehr fähiger Abgeordneter, allein er agitiert gar nicht und sieht sich im Traume als Abgeordneter von Wilna. Ich glaube daher, daß Advokat Kalmanowicz viel größere Chancen hätte. Niselowicz dürfte meines Erachtens neuerlich gewählt werden." * * Der „Ritualmord'*-Prozess in Kiew. Die bereits für den nächsten Monat anberaumte Verhandlung ist plötzlich bis zum Herbst verschoben worden. Alles war schon vorbereitet, selbst die Geschworenen waren schon ausgelost, und zwar: 30 Christen und 3 Juden. Für das Publikum waren bereits 200 Plätze und für Journalisten 40 Plätze reserviert. Die Gründe der Vertagung sind unbekannt, wie alles, was in diesem Prozesse vorgeht, geheimnisvoll ist und von einer höheren Macht in Petersburg geleitet wird,