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Neue Nationalzeitung · 1912-05-03 · Heft 9 (3.5.1912) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 9 (3.5.1912)
Date
1912-05-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 „Neue National-Zeitung" ein junges Weib freit, ein Trunk Branntwein nach dem Essen und wenn man sein Wrvb schlägt." Entsprechend der alten talmi Jischen Regel1") mochte man das Reden bei Tische nicht: „Wenn man isst, darf man nicht reden." Viel Wert legt das Sprichwort auf Reinlichkeit. Schon oben lernten wir die Redensart kennen, daß ein Bad immer gut ist. Dazu kommen noch Worte, wie die folgenden: „A bud is wie taschlich"14) und „Reinlichkeit hit ub dus gesund"'"). Das zeitige Heiraten findet man in einer ganzen Reihe von sprichwörtlichen Redensarten empfohlen, so z. B. „Früh aufstellen un früh chasunne hüben schadet nit"v) — hier auch der Hinweis auf die gesundheitliche Bedeutung des Frühaufstehens - oder „A jüngel nit losen lang zusehen"17); und daß es nicht sehr erwünscht ist, wenn alte Leute noch Nachkommenschaft erzeugen, sagt das Sprichwort: „A ben sekunin is a fertiger jussojm"18). Eine Ableitung von mancherlei Krankheiten und eine wirksame Prophylaxe erblickte der Volksglaube im Fieber, das einen im Mai befällt oder in einem Geschwür, das unter dem Arm sich befindet1"). So spiegelt es sich in den etwas boshaften Sätzen wieder: „majowe Kadachas is gut — jener soll es hüben"-") und ,,a make is gut — bei jenem unterm urem"21). Der Vollständigkeit halber ist noch die ziemlich alltägliche Beobachtung zu verzeichnen: „A schlechte Am is farn Kind szam"22). Recht bedeutsam, besonders im Hinblick auf viele den Juden oft zu Unrecht gemachten Vorwürfe und sozialhygienisch wichtig ist das wunderhübsche Sprichwort: „A baal meluche starbt nit hunger"21). b. Taanit 5 b. ») Tnschlieh, eine am Noujnlirstau'o von vielen iroiibte Zeremonie, die an die Pflicht seelischer Roiniu'unir erinnern *<>11. ilor Sinn ist: Vau bud i>t dem Körper so wohltuend, wie Taschlich für die Seele. k>) Reinlichkeit bewahrt die Gesundheit. ic) Früh aufstehen und zeitig heiraten ist immer izux. 3-) Einen jnniren Menschen soll man heiraten lassen (sonst R-erät er auf Abwejre und kommt zu Schaden). j.) Ein Kind alter Eltern ist schon als Waisenkind anzusehen. i") Yi>d. hierzu Dr. Elias Ilirschl: Abhandlung von den Vorbauunjrs- und Vorbereitunsrsmitteln bei den Pocken, Berlin 1 r70, wo offene Geschwüre als Prophylaxe firmen Pocken uelten. =o) Maifieber ist gut — aber besser ist's, wenn/s ein anderer bekommt. =i) Ein Geschwür unterm Arm ist ja gut — aber lieber soll'« doch ein anderer haben. ---) Eine schlechte Amme ist Gift für das Kind. ■0 Ein Handwerker kann nie Hunger leiden. ^^^sms^s^^^m^m^ Unsere P. T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht. Die Administration. Seite 3 t)ie Loage der Juden in .Russland. (Zwei Briefe von Jakob Schiff an Grafen Witte. — Duma- Mitglied Roditschew über die Lage der Juden und die nächsten Dumawahlen. — Der .,Ritualmord"-Prozess in Kiew. — Fürst Kropatkin gegen den Czaren.) R e t ersl) nr g, Ende April. Es fällt mir s hw< r. Ihm n otts J\»t»land über persönliolie Eindrücke und Bei bachtungen zu berichten. Es ist trostlos. Und es wird mit jedem Tage schlimmer. Mit teuflischem Raffinement weixb.-n über Nacht neue (Grunde bei den Ilaaren herbeigezogen, um die Juden aus ihren Berufen oder Wohnstiitten herauszuschleudern und zu Tätigenden <bm Hungertods auszuli-fern. Man gewöhnt sieb allmählich daran, wie an ein KU•lu^ntarereigiuV. Und os entsteht bloß die bange Frage: Wo wird es wieder morgen losgehen? Nachstehend, möchte ich Hinen über einige Fragen aktuellster Art berichten : ich will mich bemühen, dies objektiv zu tun. Zu diesem Zwecke: lasse ich andere sprechen: Briefe von Jakob Schiff an den Grafen Witte. Eines der größten Tageblätter New-Yorks, die „Sun", hat einen Spczial-Korrespondenten hergeschickt, um hier an Ort und Stelle die Aussichten eines neuen Handelsverträge.« zwischen Rußland und Nordamerika, der an Stelle des soeben gekündigten treten soll, zu untersuchen. Die „Sun" veröffentlicht hierüber eine Artikelserie, in welcher die Stimmung der maßgebenden russischen Kreise, die jetzt sehr amerikafeiiniiich ist, eingehend geschildert ist. Von sensationeller Bedeutung in dem erschienenen ersten Artikel sind jedoch 2 Briefe von Jakob Schiff an den Grafen Witte, aus iener Zeit, da Rußland niedergerungen und godemütigt -von Japan in Rortsmouth einen Friedensvertrag geschlossen hat, bei welcher Gelegenheit die Führer der amerikanischen Jndenschaft mit Witte in Verbindung getreten sind, um mit Hilfe des durch seine liberalen Ansichten bekannten, damals allmächtig.-n Staatsmannes eine Milderung der Lage der Juden in Russland herbeizuführen. — Diese "2 Bride, die jetzt zum eisten Male veröffentlicht werden, sind wr i c h t i g e h i s t o r i s c h e F r k unde n, und zwar lib'ht nur vom Standpunkte der zeitgenössischen jüdischen Geschichte, sondern auch als Beweis der führenden Rolle, welche die jüdischen Notablen Nordamerikas in der Judensehaft mit Recht einnehmen. I. Brief. JJ. September 1905. Fuere Exzellenz .' Es tut mir selir leid, daß es mir unmöglich sein wird, bei Ihnen morgen gemeinsam mit den anderen Herren voizusprechen. Indem ich Ihnen glückliche Reise wünsche, bitte ich mir zu «-rhuiben, daß ich meine Zufriedenheit darüber ausspreche. Ihnen die Ansieht der amerikanischen Juden und des aine: ikaniscln'ii Volkes über die Judenfrage in Rußland ausgesprochen zu haben. — Ich hoffe, daß Sie jetzt, nachdem Sie sich selbst überzeugen konnten, daß der russische Jude im Genüsse der (!b iehberechtiüung auch ein guter Bürger wird, nicht unterlassen w<rdeii, darüber den maßgebenden Kreisen in Rußland zu berichten. Tch hoffe, daß bal l zwischen Ihnen und allen jenen, die so empfinden wie ich, dieser Stein des Anstoßes verschwunden sein wiid. Ich bin überzeugt, daß dies auch Ihr Wunsch ist. Jacob Schiff, m. p.

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