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Neue Nationalzeitung · 1912-05-03 · Heft 9 (3.5.1912) · p. Seite 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 9 (3.5.1912)
Date
1912-05-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite „Neue National-Zei'tuns:'' Nr. Q jungen Mannes auf die erwähnte Art zu Hilfe kommt." Der Oberrabbiner beweist damit t-ine krasse Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse und eine unwürdige Sucht, jenen Kreiden gefällig zu sein, für die christliche Vornamen nur eine Brücke zur Taufe bilden. In den protestantischen Kreisen Amerikas tragen die berühmtesten Männer biblische Vornamen, so die nordamerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln und David Garfiel d. Einer der größten Staatsmänner Großbritanniens war Benjamin Disraeli und er erfreute sich der besonderen Gunst der Königin Viktoria. Am kaiserlichen Hoflager gab es in den letzten Jahren einen ungarischen Minister ä latere Samuel Freiherr von Josika und e'nen Flügeladjutanten Major Samuel von A p o r. Der Kaiser von Oesterreich hat daran keinen Anstoß genommen. Der Wiener Oberrabbiner verleugnet seinen Vornamen Moses und drückt in einem jüdischen Blatte über die jüdischen Vornamen seinen Unwillen aus. . . . Wessen dürfen sich nun die Wiener Juden mehr schämen: der jüdischen Vornamen oder dieses Oberrabbiners? L. Dr. M Dienemann (liaribor): hygienisches im jüdischen Sprichwort.*) Nicht gerade farbenreich und nur schwach umrissen ist das Bild der innerhalb der Judenheit in Ost-Europa gangbaren hygienischen Anschauungen, wie es sich aus dem Sprichwörterschatz1) zeichnen läßt. Man kann da nur selten beobachten, daß eine hygienische Regel bewußt in eine prägnantere Form gegossen wird. Nur gelegentlich und ganz nebenbei kann man aus den Sprichwörtern, die bald einzelne Typen, bald besondere Gelegenheiten und Vorkommnisse behandeln, auf die hygienischen Voraussetzungen schließen, die ihnen zugrunde gelegen haben müssen; wobei man noch obendrein in Betracht ziehen muß, daß man derartige Sprichwörter nicht allzu wörtlich und gar zu genau nehmen darf. Denn oft kommt es hauptsächlich auf den Witz und die scharfe Prägung, auch wohl gar auf den Reim an; aber einen Anhalt bieten sie immerhin. So darf man z. B. den Schluß ziehen, daß man es für besonders lorteilhaft hielt, im Frühjahr einen Aderlass vorzunehmen, wenn wir dem Sprichwort begegnen: „Rojsch-Chojdesch Uder lost men sich zu der Uder"2). *) Wir entnehmen diesen Aufsatz dem soeben erschienenen höchst interessanten Sammelwerke ..Die Hygiene der Jude n", herausgegeben von Dr. Max Grün \v a 1 d. Verlas der historischen Abteilung: der Tntern. Hvgienoausstellung. Dresden 1911. Wir werden auf dieses Werk noch näher zurückkommen. Die Redaktion. ») Nach „Jüdische Sprichwörter und Redensarten", gesammelt und erklärt von Ignaz Bernstein. Warschau 1908. Die angeführten Sprichwörter sind zumeist in derselben Mundart und Schreibweise zitiert, in der sie in dieser Ausgabe unserer Kenntnis zugänglich gemacht worden sind, und zwar überall da, wo die Knappheit der Fassung ihre Wiedergabe in der originalen Ausdrucksweise wünschenswert erscheinen ließ. -•) Am Neumond Adar (etwa dem März entsprechend) läßt man sieh zur Ador. Daß Gesundheit allein schon den Mensche« zufriedenstellen muß, ist in dem kurzen, kräftigen Worte: „As men ist nor gesund, is men schon reich" gesagt"). Aber wie erhält man bich seine Gesundheit? Das Sprichwort scheint einen großen Wert auf eine gute Ernährung zu legen, es sagt: „Di achilu is die beste t'filu"4) oder „Besser dem Bäcker wie dem Doktor", ferner „Ein guter Esser ist ein schlechter Faster — aber ein guter Arbeiter", und schließlich „As der mugen is sat, is der ganzer guf lustig""). Wie notwendig die Fröhlichkeit und Heiterkeit des Gemütes ist und wie umgekehrt Sorgen und Mißmut die Gesundheit schädigen, betont das Sprichwort häufig: „Arm und fröhlich — lustig und lebendig" oder „Ein zerrissen Gemüt ist schwer zu heilen" oder „Zeroiss senen far dem Menschen, wus zaver far dem Eisen"0). Um aber auf die Ernährung zurückzukommen - man meint, daß man schlecht schlafe, wenn man abends nicht gegessen hat: „As der mugen is leer, is der schluf schwer"7) und „As man legt sich nit gegessen, schteht man auf nit geschlufen"8). Und von dem Schlaf scheint das Sprichwort viel zu halten, es sagt: „Drei Sachen schaden keinmal: Schlaf, Branntwein und ein Bad." Mäßigkeit im Essen wird empfohlen in dem Sätzchen: „Man meg essen ober nit fressen"9). Eine merkwürdige Rolle spielt der Trunk, besonders der Branntwein. Entsprechend der ganzen Lebensweise in den östlichen Ländern flieht man nicht grundsätzlich einen Schluck Branntwein, hält ihn wohl gar für förderlich und gesund. So sagt der Volksmund außer dem eben erst erwähnten Satze noch: „Kojdem lakojl, is gut a schehakojl"10) und „Ein Trunk Branntwein wärmt im Winter und kühlt im Sommer' . Aber ebenso oft wird auch auf die üblen Folgen des Trinkens hingewiesen: „As men trinkt a szach maschke, bekummt men a grauen kop un a rojte nus"11) oder: ..Ein übrig Gläsel Wein, macht Schmerz und Pein" und schließlich: „Bronfen is a schlechter schuliach, man schickt ihm arub unten, krieht er gut arauf ojben"12). Nach dem Essen Branntwein zu trinken, erscheint unpassend, wenn auch nicht gerade schädlich, denn so sagt das Sprichwort : „Drei Sachen passen nicht, aber schaden auch nicht: Wenn ein alter Mann s) Wenn mau nur gesund ist. ist man schon reich. 4) Essen ist das beste Gebet. Wenn der Magen satt ist. ist der ganze Mensch fröhlich. e) Kummer und Not sind für den Menschen, was Rost fürs Eisen. t) Wenn der Magen leer ist, schläft man schwer, s) Wenn mann sich ungegessen zu Bett legt, steht man ungeschlafen auf. , 9) Man soll essen, aber nicht fressen. 10) „Schehakol" ist der Anfang des Segensspruches, der, wie über mancherlei andere/ Dinge, auch über Branntwein zu sprechen ist und der Sinn ist: ..Vor jeglichem Geschäft ist ein Schluck immer gut." n) „Wenn man zu viel trinkt, bekommt man eine rote Sase und wird zeitig grau." u) Der Branntwein ist ein schlechter Bote, man gieüt ihn von oben nach unten, aber er steigt nach oben und macht den Kopf wirr.

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