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Neue Nationalzeitung · 1912-05-03 · Heft 9 (3.5.1912) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 9 (3.5.1912)
Date
1912-05-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NSUS SflClOWL-ZHCUNG LfiNDflU XIV. JAHRGANG. WIEN, 3. MAI 1912. Nr. 9. Der Wiener Oberrabbiner gegen jüdische Vornamen. Der Wiener Oberrabbiner, der durch mehr als vierzig Jahre für die Verrr ehrung seiner Einkünfte intensiv gesorgt hat und nie dort zu finden war, wo es galt, für die Würde des Judentums Opfer zu bringen oder für die Hebung des jüdischen Selbstbewusstseins einzutreten, sondern im Gegenteile, im Interesse seines Geldsackes — wie im Falle des Baron Oppenheimer — die Autorität des Rabbinates preisgab und aus Liebedienerei gegenüber den großkapitalistischen Kreisen bereits wiederholt die Empfindungen der weitesten jüdischen Kreise empfindlich gekränkt hat — eröffnet nun plötzlich in der ßloch'schen Wochenschrift eine Kampagne gegen die jüdischen Vornamen. Herr Dr. Moriz — heißt es nicht in Wirklichkeit Moses? — Güdemannist dabei nicht einmal originell, ich kann mich an eine ungemein interessante Episode erinnern, die sich vor 19 Jahren — als Dr. Jellinek noch erster Wiener Rabbiner am Seitenstettentempel war, ereignete. Mein Freund, der bekannte hebräische Schriftsteller Rüben Brainin, hatte einen Sohn bekommen, den er Moses nannte. Als er aber diesen Vornamen beim Matrikel amt anmeldete, wurde er hier schonend aufmerksam gemacht, er möchte doch der — Zeit Rechnung tragen und seinem Sohn einen — „christlichen" Vornamen geben, Herr Brainin hat diese Insinuation mit Empörung zurückgewiesen und der Sohn heißt Moses, ist ein prächtiger Junge, der demnächst zu seinem Vater, dem Chefredakteur, des jüdischen Tagblattes „Der Adler" in Montreal, nach Kanada reist und noch hoffentlich seinem Namen, auch seinem Vornamen, Ehre machen wird. Seitdem sind neunzehn Jahre verstrichen. Die Taufpest in Wien hat sich epidemieartig verbreitet, und die meisten Väter, speziell aus der jüdischen „Intelligenz*, haben sich mit den christlichen Vornamen ihrer Kinder nicht begnügt, sondern haben dieselben getauft. Denn sie wollten auf halbem Wege nicht stehen bleiben. In diesen neunzehn Jahren hat der Antisemitismus seinen Kulminationspunkt erreicht; die Juden wurden immer mehr aus den Staats- und Lehrämtern sowie aus dem Militär-Offiziersdienst verdrängt. Ist es den Zivil« oder Militärbehörden jemals eingefallen zu fragen, ob der jüdische Petent Fritz oder Moses, Hans oder Abraham heißtV Das war ihnen stets gleichgültig; sie fragten nur nach dem Taufschein. Wer keinen Taufschein hat, kann in Oesterreich weder Staatsanwalt noch Militär-Auditor, weder Bezirkshauptmann noch General- Stabsoffizier werden, mag er auch Moriz oder Kunz heißen! Und ist der Jude bereits Beamter, dann avanciert er, ohne Rücksicht auf seinen Vornamen. Man nehme den Barnten-Schematismus zur Hand und man wiid zahlreiche Oberlandesgerichtsräte, Oberfinanzräte und Oberpolizeiräte finden, die Salomon, Samuel oder Abraham heißen. Wir haben in Oesterreich einen wirklichen jüdischen Generalstabsarzt Dr. Salomon Kirchen berger, aber wir haben im Heere keinen jüdischen Oberarzt, auch keinen Fritz oder Hans mit Vornamen. Der jüdische Vorname hat in Oesterreich noch Niemandem in seiner Karriere geschadet. Nennen wir blos von berühmten Gelehrten den Hof rat Carl S amu el Grünhut, der seinen zweiten Vornamen stets herausschreibt oder den Mathematiker Salomon Spitzer oder den polnischen Historiker und Lemberger Universitäts-Professor Simon Aszkenazy, im Bankfache den Generaldirektor Samuel von Hahn oder Dr. Arnold von Rappoport, den Künstler Isidor Kaufmann, den wirklichen Hofrat Abraham Broch und viele andere. Der Wiener Oberrabbiner meint trotzdem : „... wenn er aber die Fähigkeit nicht in sich fühl!, ein Moses, ein Abraham, ein Isak oder David zu sein, so braucht er doch auch nicht so zu heißen, und das Rabbinat handelt gewiß recht und billig (2), wenn es dieser Selbsteikenntnis und der Karriere eines

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