Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 8 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 „Neue National-Zeitung" Seite 11 es sein Tod wäre. Da mußte sich Fische! abwenden. Man sollte die Tränen nicht sehen, die ihm heiß in den Augen standen. Prokop begriff die Lage des armen Fischel wohl. Ja, morgen ist Feiertag. Er kennt sogar seinen Namen. Er weiß, daß die Juden dann Wein trinken und starken Schnaps. Er weiß sogar, daß es noch ein jüdisches Fest gibt, an dem man Schnaps trinken muß: Purini. Und er weiß sogar, daß es ein Fest gibt, an dem die Juden .^ich betrinken müssen. Ein wunderbarer Feiertag! Leider hat Prokop den Kamen vergessen . . . „Alles schön und gut — sagt Fische] und in seiner Stimme liegt ein Weinen — was wird nun aber mit meinem Feste sein. Vielleicht, daß morgen . . . um Gottes willen . . . ich wage es nicht auszusprechen . . . Die Stunde möchte ich nicht erleben . . . Prokop antwortete nichts darauf. Er wies nur mit der Hand auf den Fluß. Wie einer, der sagen will; Sieh selbst, was da vorgeht . . . Und Fische] starrte zum Flusse: ein furchtbarer Anblick. Und furchtbar, wie er es nie gehört, war das brausende Getöse des rasenden Stromes. Was hatte er, Fischel, von der Welt draußen überhaupt gesehen? Es war ja immer nur flüchtig, so nebenher, wenn er vc/a der Schule in das Talmudle'hrhaus, vom Lehrhaus in die Schule eilte. Der blaue Bug in seiner Schönheit, die hochragenden Berge an seinen Ufern, das Kauschen der Kinnsale, die sich von den Höhen herabschlängeln, die brennenden Farben des Sonnenunterganges, in dessen Widerschein das Kloster leuchtete, der frische Spätwinterhauch und dann sein Heimatdorf, nah zum Greifen und doch so schrecklich fern — die Gewalt dieser Eindrücke hob ihn wie auf Flügeln empor und führte ihn in eine bunte Welt der Phantasien, daß über den Fluß zu kommen ihm so einfach erschien, wie eine Prise Tabak, vorausgesetzt, daß der liebe Gott sich nur entschließen wollte, ein Wunder zu tun . . . Solche Gedanken und Träume wallten in Fischeis Hirn und vermehrten sich mit unheimlicher Fruchtbarkeit.?]r vergaß sich und die Welt umher. Weit über Wolken schwebten seine Gedanken. Er sah den Himmel offen; und ein Jubel war in ihm ob der Größe des Schöpfers, ob der Schönheit der Schöpfung. Und doch hatte ein kühler Wind den Weg unter seinen Kaftan gefunden! Tiefe Nacht lagerte schon über dem Gelände und Sternlein funkelten höhnisch von der Höh'. (Schluß folgt.) Jiddisch auf der Bühne.*) Zur Eröffnung des „Tempel"-Tneaters in London. Tn deutscher Sprache wird man vom Volke der Jidden und von der jiddischen Literatur schwerlieh ganz unbefangen reden können; es ist damit immer eine kulturelle Vergleich ung gegeben, und je nachdem ist etwas herabsetzendes oder geniertes damit verbunden. Aber in England *) Wir entnphmen dieses kleine Feuilleton der „Frankfurter Zeitung*'. Es ist offenbar von keinem Judenfreunde geschrieben und seine Spitzen gegen die Ostjuden nehmen sich sehr sonderbar aas in einem „liberalen" Blatte. Allein gerade dieses Feuilleton, das vom journalistischen Standpunkte gut geschrieben ist, beweigt, daß das jiddische Theater in Westeuropa ernste Beachtung und Würdigung findet. Die Redaktion. und Amerika ist jiddisch bloß eine fremde Sprache: der stämmige Londoner Polizeimann, der im Osten stationiert ist und die Anfangsgründe des Idioms erkennen muß, denkt sich weiters nichts bei den harten Lauten, die dem deutschen Ohre nun einmal eine unharmonische Travestie bleiben. Die Stadt, in der das .Jiddische den größten Umkreis zieht, ist heutzutage Xew-Vork; dort befitzt es die großen Theater, die imstande sind, bedeutende Schauspieler und die Kosten einer modernen Regie zu bezahlen. Hier in London ist eine s t ä n d i g e j i d d i s e h e 1> ü h n e erst jetzt errichtet worden, obwohl von jeher Vorstellungen in dieser Sprache im Ostend gegeben worden siud. Das neue Theater „der Tempel" genannt, ist in Oommercial Road erbaut; dies ist eine der Hanptart'M'it'n des jüdischen Ostens. Es ist mit den Schillingen nnmM" Handwerker und Krämer von YY lutechapel errichtet worden, die Aküen des Theaters genommen haben; doch hätte das Werk nicht ohne tätige Beihilfe eines bekannten Mitgliedes der englischen Judensdmft, Sir Francis M o n t e f i o r e ins Leben treten können. Man spielt Opern und Schauspiele: allein die Bezeichnung „Jewish Grand Opera", die man in die Welt posaunt hat, ist unotig und irreführend. Ks handelt sich um ein Volksthenter für großenteils naive Menschen mit gebundenen Vorstellungen, nicht um ein Opernhaus, das mit den großen Musikbühnen in Wettbewerb treten könnte. Die Gesellschaft, die das Theater betreibt, nennt sich die Feinman-Volksbühnen-h>inpagnie : Sigmund Feinnian war ein hervorragender jiddischer Schauspieler, der in Lodz auf der Bühne während einer Vorstellung gestorben ist. Das Theater ist mit einer biblischen Oper ..König Aha s" von S. Almau eröffnet worden. Wir sahen nicht dieses Stück, sondern ein vicraktiges Schauspiel aus dem polnisch-jüdischen Leben von Mark Arnstein, mit dem Titel ,.D e r W i i u a e r Ii a l Ii a I» e s'l"' oder „Die Sänger". Der weltbewegende Kampf zwischen Tradition und neuen Ideen, zwischen dem, was die Väter heilig hielten, und den Rechten der eigenen Persönlichkeit, liegt dem Drama zu Grunde. Aber freilieh ist das Problem nicht gerade sehr packend behandelt. Der Autor erschöpft die Möglichkeiten, die in dem Konilikt zwischen dem polnischen Ghetto und der europäischen Zivilisation liegen, nicht entfernt; er zieht sich melodramatisch aus der Affäre. Da ist in Wilna ein Kantor mit einer in ganz Israel berühmten wunderbaren Stimme, dessen brennender Wunsch es ist. in Warschau Opernsänger zu werden. Nach langen Kämpfen reißt er sich von dem Täte, von der Gemeinde und von Weih und Kind los — dies letztere Zubehör w}r,| stets 7jIiletzt angeführt — zieht nach der Hauptstadt Polens und erringt Triumphe und die Liebe eines herrlichen Weibes. Schließlich holen sie ihn aber zurück: der Held, edel, melancholisch und waschlappig fällt immer dem Antrieb anheim, der gerade auf ihn wirkt. Zu Hause hat er eine blinde Schwester, die mit Sehnsucht auf ihn harrt. Er spielt heimgekehrt wild auf der Geige, je zerschmettert er die Fidel, die Schwester sinkt tot zu Boden, der Held wird wahnsinnig. Im ganzen Ossip Sehubin, durch die Xase. Manche Szenen interessieren durch die Schilderung des Milieus. So zeigt der dritte Akt ein Gebethaus, wo die Talmudisten „lernen'1, die Bettler schlafen, und die Reisenden eintreten, um sich zu wärmen. Wer die Sprache nicht versteht, dem entgeht freilich viel dabei: die Konner begleiten jedes Wort und jede Bewegung — und die Bewegungen sind sehr wichtig mit aufmerkender Teilnahme. Das Stück hat starken Beifall, und wie es in einem Volkstheater sein muß, gaben die Leute ihren Empfindungen kräftigen Ausdruck. Das Publikum ist interessanter als das Drama. Das Theater hat 1500 Plätze im Preise von 50 Pfennig bis zu 5 Mark, es war gut besucht. Die Zuschauer sind Schneider,