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Neue Nationalzeitung · 1912-04-19 · Heft 8 (19.4.1912) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 8 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 8 rEvJ LLETON. Scholaum Aleicheoii Oie J4eimkehr zum Pessachfest. (Fortsetzung.) Aber wem das Unglück beschert ist, den trifffs: Muß er gerade einen bekannten Bauer aus Chatschewate treffen. — „Hört nur, Rabbi, wollen wir nicht nach Chatschewate fahren?" — — „Gut! Wieviel wird das kosten? Zum Beispiel?" Denn nach dem Preise zu fragen, das schien ihm wichtig. Aber ob er ihn auch zu Pessah nach Hause bringen würde, auf den Gedanken ist Fischel nicht gekommen. Denn er dachte sich: Wenn man sogar zu Fuß hinterm Wagen gehen müßte von Balta bis Chatschewate, mit ganz kleinen Schritten, müßte man doch in einer Woche zum Feste nach Hause kommen. Sie hatten kaum das Städtchen hinter sich, da packte Fischel plötzlich die Reue. Gewiß, er war nur ganz allein auf dem Wagen . . . Wie ein Graf. Aber er merkte deutlich, wenn die Schindmähre weiter sich so hinschleppte, dann würde er nicht weit kommen. Man fuhr und fuhr und fuhr einen ganzen Tag und kam nicht vom Fleck. Und so oft er den Fuhrmann fragte, ob's noch weit ist — der Fuhrmann brummte nur unverständliche Worte: Gott weiß! Und es war schon Abend, da jagte, daß es krachte und knackte und pfiff der wilde Jankel mit seinen vier feurigen Rossen heran. Die Glöcklein klangen, der Wagen war voller Menschen,; vorn und hinten saßen sie. Und als Jankel den Lehrer in dem Klapperkasten sah, da knallte er mit der Peitsche durch die Luft und fluchte und lachte (wie versteht er das! —) und als er vorbeifuhr, rief er dem Fuhrmann höhnend zu: „Menschenkind! Bei dir ist ein Rad los." Prrr . . . Der Kasten stand stille. Fischel und der Bauer kletterten beide vom Wagen herunter, guckten und suchten, krochen unter den Wagen, untersuchten die Speichen, suchten und suchten — und fanden nichts! Jankel hatte ihn angeführt. Das begriff nun der Bauer, kratzte sich wütend den Schädel und fing an so grimmig auf die Juden zu schimpfen, daß Fischel angst und bange wurde. Und er wurde immer wütender, und sein Schreien wurde zum Gebrüll. So ging's ein gutes Weilchen. Und auch, als er schon wieder auf dem Wagen war, konnte sich der Bauer immer noch nicht beruhigen. Und fluchte immer weiter dem wilden Jankel und allen Juden, bis man — mit Gottes Hilfe — in ein Dorf kam, wo man übernachten konnte. Als der Morgen graute, stand Fischel auf, betete, sage ein Paar Psalmen und aß einen Brezel. Es konnte nun weitergehen. Er war fertig. War aber Fedor (so hieß sein Fuhrmann) nicht fertig! Das war das Unglück. Fedor hatte sich angetrunken mit einem Verwandten, gesessen und gejohlt Natürlich schlief er den ganzen Tag. Und die ganze Nacht auch noch. Und dann machte er sich auf den Weg. Endlich waren sie wieder auf ihrem Wagen. Und Fischel fing nun mit seinen drohenden Mahnungen wieder an und wünschte dem Fuhrmann alle bösen Geister auf den Hals. Und Fischel setzte ihm immer ärger zu und hörte nicht auf mit Fragen und Fluchen und spitzen Worten. Halb hebräisch, halb russisch und für den Rest suchte er sich mit den Händen verständlich zu machen. Fedor verstand ihn wohl. Trotzalledem! Aber er antwortete nichts. Nicht ein Wort. Er fühlte, daß Fischel so unrecht nicht hatte. So saß er auf seinem Bock stumm wie eine Katze, bis sie am vierten Tage hinter Petschani den wilden Jankel trafen, der wieder nach Chatschewate zurückjagte, daß es nur so krachte und knackte. Das war eine bittere Nachricht, die er Fischel und dem Bauer brachte: „Ihr könnt ruhig nach Balta umkehren! Der Bug hat sich losgerissen." Bei dem Worte „losgerissen" riß ein Stück von Fischeis Herzen ab. Fedor aber glaubte, daß sich Jankel wieder über ihn lustig macht. Und er fing von neuem an, Jankel mit den kräftigsten Flüchen zu verwünschen. Und er hörte nicht früher auf, als bis sie Donnerstag Abend an den Bug kamen. Sie fuhren gleich zu Prokop Beraniuk, dem Fährmann. Sie mußten wissen, wann die Fähre geht. Fedor und Prokop setzten die Schnapsflaschen an und Fischel betete „Minche". ♦ Die Sonne war im Untergehen. An den Hängen lag noch an vielen Stellen der Schnee. Wie auf einem Präsentierteller lag am andern Ufer Chatschewate. Die Spitze des Klosters funkelte im Glänze der untergehenden Sonne wie ein hell leuchtender Stern. Fischel betete, zu seinem Heimatstädtehen hingewandt. Er hatte die Augen fest geschlossen und suchte die bösen Gedanken von sich zu scheuchen, die ihm durchs Hirn krochen. Bas-Schewa sah er mit dem neuen seidenen Umhänge tuen, und Frauke mit dem Talmud. Und Röseles Zöpfchen hüpfte ihm entgegen. Das köstliche Bad! Er sah sich aber auf der höchsten Stufe, allwo der heißeste Dampf emporsteigt. Und die Mazzos. Und — das Herz wurde ihm immer schwerer — die Fisch', die gut gepfefferten Fisch' mit dem scharfen Meerrettig, der einem durch die Nase geht. Und der „Barszcz", die rote Rübensuppe mit der eingebrockten Mazze — ein Stück Paradies auf dieser Welt. Aber je mehr Fischel versuchte, die Gedanken von sich abzuschütteln, um so stürmischer drängten sie sich in seine Seele und summten um ihn wie Fliegen. Und er konnte die Weihe des Gebetes nicht finden! Fischel — die Fisch', die Fisch'! . . . Nun er das Gebet gesprochen, wandte sich Fischel zum Fährmann und fing mit ihm ein Gespräch an. Von wegen der Fähre. Und von wegen des nahen Festes. Und er ließ durchblicken (halb auf hebräisch, halb auf russich und den Rest mit den Händen), was für ein hoher Festtag Pessah bei den Juden ist, und was es heißt, wenn der Rüstetag des Pessah auf den Sabbat fällt, und daß — wenn er nicht etwa, um Gottes willen, morgen zeitig über den Bug kommt — er, Fischel, verloren ist. Ganz und gar verloren! Denn daheim blicken sie in Sehnsucht nach ihm aus, sein Weib und seine Kinder (und dabei mußte er so schwer seufzen, als wäre ihm ein Stück von seinem Herzen abgerissen). Und er dürfte acht Tage — acht Tage — nichts essen und nichts trinken. Und wenn

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