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Neue Nationalzeitung · 1912-04-19 · Heft 8 (19.4.1912) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 8 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 8 den Reformierten die größte, dann bei den Juden, die heute nahezu ein Viertel der hauptstädtischen Bevölkerung ausmachen. Ist der „Magen-David" ein religiöses Symbol? Die Pester israel. Gemeinde hatte jüngst hei einem Schutzmarkensüeit vor Gerieht das Gutachten abgegeben, daß der „Davidstern" hei den Juden nicht jene Bedeutung als religiöses Symbol habe wiedas Kreuz bei den Christen oder der Halbmond bei den Mohammedanern. Die klägerische Partei, welche gegen die Eintragung einer Schutzmarke für eine Biersorte in der Form eines Magen-Davids klagte, wurde daher abgewi sen. GEM£lNöS=UN& VBRCkNSNWftRitWW WIm. (Jüdischer Handlungsgehilfen - Verband.) Samstag den 20. April 1912 findet im Saale .Zum goldenen Widder«, IL, Taborstrasse 36, eine öffentliche Versammlung statt. Tagesordnung: 1. Der Boykott der jüdischen Angestellten durch den Ersten Wiener Konsumverein. Referent Koll. Karl Blume. 2 Was will der J. H.-V. Referent Koll. Siegfried Kessler. 3. Diskussion. Beginn 8 Uhr abends. LITER/miR <JND KUNST. Isidor Kaufmann — ausgezeichnet. Maler Isidor Kaufm; n n wurde von der Jury der 37. Jahresausstellung im W i u n e r Kim s 11 e r h a u s e. mit, dem T. Preise, und zwar der Großen goldenen Staatsmedaille für das Oelgemälde „Der Magid" ausgezeichnet. Wir haben die Vorzüge dieses seltenen Kunstwerkes bereits in der vorigen Nummer hervorgehoben, welches zweifellos das beste Bild der heurigen Früjuhrsausstellung ist. Kaufmann, der bereits die Kleine goldene Stnatsrnedaille, die Goldene Karl Ludwig-Medaille und zahlreiche goldene Medaillen ausländischer Kunstausstellungen (Berlin, München usw.) besitzt, hat damit die höchste Auszeichnung, die ein Maler in Oesterreich erreichen kann, erhalten. Vor Kaufmann wurde bisher in Oesterreich lediglich einem Juden, Leopold Horwitz, die große Medaille verliehen. Bedenkt man aber, daß hier nicht bloß der j ü disch e Künstler, sondern auch der Maler der polnischen Juden für das Bild eines polnischen Juden ausgezeichnet wurde, dann müssen unsere Freude und unser Stolz umso größer sein, daß der jüdische Künstler, der zuerst den Mut gefunden hat, die Gestalten des Ghettos mit seinem Pinsel künstlerisch zu gestalten und zu idealisieren, auf seinem einsamen Pfade zu höchsten Ehren und Erfolgen gelangt ist. Man mag darüber streiten, ob es eine jüdische Kunst gibt oder nicht: Isidor Kaufmann gebührt jedenfalls ein rühmliches Blatt in der jüdischen Kulturgeschichte unseres Zeitalters. * * * Isidor Kaufmann über moderne Frauenschönheit. Auf eine Rundfrage eines Wiener Tagblattes: „Was die bildenden Künstler üher das moderne Frauenschönheitsideal sagen antwortete Isidor Kaufmann : ..Mein Schönheitsideal hängt innig mit meiner Kunst zusammen. So stelle ich gerne die schöne Jüdin dar, in deren Zügen sich ihr wunderbar tiefes Gefühlsleben wiederspiegelt. Ich habe solche herrliche Erscheinungen auf meinen Studienreisen nach G a 1 i z i e n, Russisch-Polen usw. getroffen. Diese haben einen seltsam merkwürdigen Bei/, dadurch, daß sie mit der Außenwelt wenig in Berührung kommen und von einer erquickenden Natürlichkeit sind-, sie leben streng nach den Satzungen der Religion und bewahren Kindlichkeit und Keuschheit, Das sind weibliche Schönheiten, von Fmuenheiligkeit umflossen, daß einen bei ihrem Anblick wunderbare Rührung überkommt Diese haben in den letzten Jahren den bleibendsten Eindruck auf mich gemacht." ♦ * * Sturm und Drang. Dichtungen aus der Geniezeit. Herausgegeben, mit Einleitung- und Anmerkungen versehen von Dr. Karl Fr eye Mit 6 Beilagen in Kunstdruck und zahlreichen Vignetten, Goldene Klassiker-Bibliothek, Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin W. 57. (Vier Teile in zwei Leinenbänden 5 Mk) „Sturm und Drang" — so heißt die wilde, kraftgeniale Bewegung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die wie ein Früblingssturm durch die deutsche Literatur dahinbrauste und der Vorbote war jenes Sommers, aut dessen Höhe Goethe und Schiller stehen. Dieser Epoche, die mit der literarischen Revolution vor wenigen Jahrzehnten so viel Aehnlichkeit hat, wendet sich das allgemeine Interesse heute wieder zu: das oft haltlose und verworrene Leben der Genossen des jungen Goethe zieht unsere Aufmerksamkeit an und unter ihren Werken linden wir vieles, was durch dichterischen Wert noch heute jung und lebendig ist und durch Stoffwahl und naturalistische Behandlung um besonders nahe steht. Trotz vorhandenen Ausgaben, die einzelnen Dichtern oder der ganzen Zeit gewidmet sind, fehlte es lisher an einer Sammlung, welche auf knappstem Räume das Beste des Sturmes und Dranges vereinigte und die Bewegung in ihrer ganzen Vielfältigkeit deutlich werden ließ. Die vorliegende Ausgabe der „Goldenen Klassiker-Bibliothek", die von keinem •ähnlichen Unternehmen an Reichhaltigheit überti offen wird, füllt endlieh die Lücke. Sie beschränkt sich, unter Ausschluß der kritischen und theoretischen Werke, auf die dichterischen Jjeistungen der Geniezeit, bringt aber nun alles, was für die eigentlichen Stürmer und Dränger irgend von Bedeutung ist. So finden wir denn : Gersten berg mit dem „Ugolino", Leisewitz mit, dem „Julius von Tarent" und zwei kleineren Stücken; Lenz ist seiner dichterischen Bedeutung entsprechend sehr reichlich vertreten mit einer Auswahl seiner für die Zeit und für ihn selbst so charakteristischen Gedichte, ferner mit seinen bekanntesten Dramen und dramatischen Entwürfen, den Lustspielen nach Plautus, dem „Pandämonium Germanium" und einigen Erzählungen. Von W'agner ist *<<ic Kindermörderin" und die wenig bekannte Farce „Voltaire am Abend seiner ApOthcose" aufgenommen : von K 11 n g e r durfte das Drama, das der ganzen Epoche den Namen gegeben hat, nicht fehlen: aber die drei anderen daneben wiedergegebenen stücke charakterisieren den Dichter besser; Maler Müller ist ebenfalls mit Gedichten, dazu mit zahlreichen Idyllen und Szenen zu Worte gekommen So ist hier alles vereinigt, was man in einer solchen Sammlung erwarten kann, darunter vieles, was (i.-her in seltenen Originalausgaben so gut wie unzugänglich war. Schalem Asch : „Die F a m i 1 i e G r o J3 g 1 ü c kil. Komödie. Verlag von S. Fischer in Berlin. ..Das Städtchen", eine Rehe wunderfeiner Skizzen haben Avir als Letztes von Schalom Asch gelesen. Das ist wohl eine geraume Zeit her, aber wir erinnern uns noch des warm-innigen Eindrucks, den sie auf uns ausübten. Da sprach ein Dichter zu uns mit warmfühlendem Herzen, mit seltsam feinem Blick. Lauter einfach-schlichte Dinge wurden da erzählt, aber mit wunderbarer WTehmut, dann wieder mit leisem Humor, der wohl und doch so wehe tat. Ich weiß noch meine letzte Empfindung: ein Jude, ein jüdischer Dichter hat dieses Buch geschrieben — — — Als ich kurz darauf in einem Tagblatte las: Schalom Asch steht nun als Deutscher vor uns, wahrhaftig, da mußte ich lächeln. Doch es scheint, als habe jenes Wort Schalom Asch geschmeichelt, als wäre dies ein Lockruf gewesen, der ihn verleitet hat. Es ist interessant, die Dichtungen Schalom Asch's zu verfolgen. Mit seinem Drama „Der Gott der Rache" hat er sich einen Namen geschaffen. „Bilder aus dem Ghetto", die Tragödie „Sabbatai Zewi-' folgten, darauf der Skizzenband „Das Städtchen" und nun eine Komödie ,.Die Familie Großglück" In dieser Komödie ist von dem wahren, wirklichen Schalom Aseh nur mehr wenig zu verspüren. Das hat ein Schriftsteller geschrieben — schon nicht mehr der Dichter! Und ein Schriftsteller, der zwischen zwrei Dingen schwankt: der deutsch-modern sein möchte und doch nicht an die Vergangenheit vergessen kann, die ihm so großen Erfolg gebracht hat. Sie ist es, die dem Stück den Rahmen leiht: unter Juden spielt es. Aber das sind keine echten Juden mehr: höchstens Menschen mit ein paar aufgetragenen jüdischen Zügen und beigelegten Judennamen. So mußte dieses Stück ein Zwitterding werden — und dadurch ist alles kraftvolle verwischt, zu sehr Maehe, künstlich aufeinander

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