Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 8 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 „Neue National-Zeitung" Seite 7 AUEN WeirailgN Die Bibel bei der Prüfung eines Reichstagsmandates. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redakteur! In der Nr. 7 Ihres sehr geschätzten Blattes vom 5. d. M. lese ich die Notiz „Die Bibel bei der Prüfung eines Reichstagsm a ndates". Nach dieser fand, wie im „Vorwärts" zu lesen steht, die Wahlprüfungskommission des Reichstags zwei Stimmzettel, auf denen Hinweise auf Bibelverse enthalten waren. Auf dem einen Stimmzettel stand unter dem Namen des Kandidaten: Baruch, VI, 9; auf dem anderen Jesus Sirach, XXXIX, 37. Nun hat das Buch „Baruch" nur 5 Kapitel, das Buch „Jesus Sirach" allerdings 51 Kapitel, aber das 39. nur 35 Yerse. (Ausgabe der Apokryphen von Dr. D. Cassel). Es ist nun die Frage, ob der bibelstarke Wähler sich mit einer löblichen Kommission und dem „Vorwärts" einen Jux machen wollte oder der Druckfehlerteufel hier wieder seine Hand im Spiele hat. Jedenfalls glaubte ich, zur Vermeidung von Irreführungen, die Tatsache feststellen zu müssen. Mit bestem Gruße Dr. Max Grün feld. Eine Genugtuung für Bürgermeister Ernesto Nathan. In einer der jüngsten Sitzungen der Senatoren wurde, wie aus Rom berichtet wird, der Bürgermeister von Rom, Ernesto Nathan, von dem antisemitischen Senator Molmenti „ein Fremder" genannt, dem die Fragen der Heimatkunst vollständig fremd sein müssen. Diese Anrempelung bot dem Gemeinderate von Rom die Gelegenheit, in einer auf diesen Vorfall folgenden Gemeinderatssitzung dem Bürgermeister eine glänzende Genugtuung zu verschaffen. Das jüdische Mitglied des Gemeinderates L c v y wurde von allen progressiven Parteien bevollmächtigt, die Entrüstung derselben über die Taktlosigkeit und Ungerechtigkeit des Senators Molmenti zum Ausdruck zu bringen. „Wir alle, die wir wissen und empfinden, daß Sie, geliebter Bürgermeister, der edelmütigste Italiener unter uns sind, gedenken freudig erregten Herzens an jene traurigen Tage der Knechtschaft, da die größten Söhne Italiens, die gezwungen waren, um ihr Leben der Sache der Freiheit zu erhalten, Familie und Vaterland zu verlassen, im Hause Nathan ihre Heimat wiedergefunden hatten." Zum Zeichen, daß der Gemeinderat diesen Ausführungen vollständig beipflichte, erhoben sich die Anwesenden von ihren Sitzen und akklamierten minutenlang Bürgermeister Nathan. Wie man in Ungarn Juden beeidet. In Fiume fand vor einigen Tagen ein Skandalprozeß statt, den der dortige Berufungsrichter Stefan Vanczera gegen einen königlichen Notar angestrengt hat. Dem Richter wurden verschiedene Unregelmäßigkeiten und Gesetzwidrigkeiten vorgeworfen, gegen welche er nun die Verleumdungsklage überreicht hat. Einer der Zeugen, ein Gerichtsnotär, der an der Seite des Klägers mehrere Jahre hindurch fungierte, bemerkte in seiner Aussage unter anderem, daß er seinen Advokaten namens Sachs, der jüdischer Konfession ist, auf dem Talmud in Eid genommen habe. Präsident: „Wird hier so der Eid abgenommen?" Zeuge: „Ja. Die Juden legen die Hand auf den Talmud, die Katholiken aber aufs Kreuz." Präsident: „Die Juden schwören mit bedecktem Haupte. Stellt man sie nicht auch auf ein Schweinsleder bei der Eidesleistung? Denn im Mittelalter war ja auch das vorgeschrieben. Und wenn Sie schon mittelalterlich sein wollen, wozu dann die Halbheiten?" Ein Denkmal für König Eduard VII. Vor dem Londoner Hospital hat unter großer Feierlichkeit die Enthüllung des König-Eduard-Denkmals stattgefunden, das die jüdische Bevölkerung des Londoner Ostens dem Gedächtniss des Monarchen errichtet hat. Dieses Monument stellt in seiner Art ein Unikum dar, denn die nötigen Mittel wurden ohne größere Stiftungen und Zuwendungen zusammengebracht; das Geld wurde buchstäblich halbpenny weise von der armen jüdischen Bevölkerung des Londoner Ostens aufgebracht, so daß dieses Monument im wahren Sinne des Wortes von der Allgemeinheit der Londoner Judenschaft errichtet ist. Der Plan ging auf eine Anregung der Mrs. M. J. L a n d a u zurück und soll Zeugnis ablegen von der Loyalität und dem Patriotismus der jüdischen Bevölkerung Londons. Eine Versammlung wurde abgehalten, der auch der Chief-Rabbiner beiwohnte, und nun begannen von allen Seiten die Gaben zu strömen. In Anwesenheit von Vertretern des Londoner Grafschaftsrates konnte das fertiggestellte Monument von dem Hon. Charles Rothschild enthüllt werden. Das Denkmal ist eine Arbeit des bekannten Bildhauer W. S. F rith und hat die Form eines Trinkbrunnens. Es ist von einer Bronzegestalt des Friedens bekrönt; an den Seiten tauchen die Gestalten der Freiheit und der Gerechtigkeit auf. In der Mitte ist eine große Plakette mit einem Reliefporträt König Eduards angebracht, und darunter befindet sich die Widmung: „In dankbarer und treuer Erinnerung an Eduard VII.. Rex et Imperator, errichtet von den jüdischen Bewohnern Ost-Londons 1911." Der Platz für den Brunnen hatte der Gemeinderat von Stepney zur Verfügung gestellt. Die Gemeinde hat auch die Obhut des Monuments übernommen. Ueber Budapest in konfessioneller Beziehung veröffentlicht „N. P. J." folgende Daten u. a.: Den Juden war fast bis zum XIX. Jahihundert eigentlich nur der Besuch der Jahrmärkte gestattet: wollte einer in der Stadt übernachten, so hatte er eine Gebühr von 14 Kreuzer zu entrichten. Trotzdem siedelten sich Juden ständig an, namentlich in der neuen Theresienstadt (die man auch Judenstadt nannte). Allerdings waren sie allerlei PI: ekereien ausgesetzt und das Damoklesschwert der plötzlichen Ausweisung schwebte fortwährend über ihrem Haupte. Im ersten wirklichen Adreßbuch von Pest aus dem Jahre LS 13 wird die Zahl der in Pest ansässigen Juden mit 2670 angegeben; sie hatten ihre Synagoge im Ortczy'schen Hause; ihr Rabbiner war Israel Wahrmann, der Großvater des ersten jüdischen Reichstagsabgeordneten. Im zweiten größeren Adreßbuch Pests, dem Dorffingersehen „Wegweiser11 aus dem Jahre 1827, wird die Bevölkerung Pests nach Konfessionen folgendermaßen angegeben: Gesamtzahl 55.956 : hievon : Katholiken 46.377, Griechiseh-Katholische 1560, Evangelische 3006, Reformierte 1162, Israeliten 3491. Schon damals also waren die Juden zahlreicher als — außer den Katholiken, die fast vier Fünftel der Bevölkerung ausmachten — die übrigen Konfessionen. Vom Jahre 1853 liegt bei Häufler die folgende Statistik der Konfessionen Pes!s und Ofens vor. Pest; Katholiken 53.133, Juden \2.042. Die offiziellen Volkszählungen, die im Jahre 1860 begannen, zeigen die folgende Verteilung der Konfessionen: Jahr K.-Katholiken Israeliten 1869 105.624 43.890 1880 239.723 70.227 181)0 314.835 102.377 1000 427.112 106.108 1006 475 836 186.047 1910 526.175 203.687 Im Verlauf von vier Jahrzehnten haben sich die Katholiken nicht ganz verdreifacht, die Reformierten nahezu versechsfacht, die Evangelischen verdreifacht, die Israeliten fast verfünffacht; die Zunahme ist also relativ bei