Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 8 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 „Neue National-Zeitung** Seite 5 Unter Hinzurechnung der von David von Gutmann bereits geschenkten 3 Millionen Kronen und sonstiger Stiftungen von ungefähr einer halben Million Kronen sind nunmehr zirka 6 Millionen Kronen zur Errichtung eines Kinderspitals disponibel; ein Betrag, für den etwas großes geschaffen werden kann, wenn vernünftig gebaut und gewirtschaftet wird. Die Protektionswirtschaft und die Schlamperei, die beim Baue der Mikwah horrende Opfer erforderten, müßten jedenfalls beiseite gelassen werden. Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina. Berlin, im April. Der „Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina" hat soeben in seinem 4. Bericht Eechenschaft über seine Tätigkeit abgelegt. Erfreulicher Weise wird ihm ein stetig steigendes Interesse entgegengebracht, daß durch Propaganda-Vorträge der in Jaffa lebenden Leiterin der Palästinaischen Spitzenschulen, Frau Dr. Thon, noch verstärkt wurde. Mit gleich gutein Erfolg propagierte Frau Johanna Simon aus Heidelberg die Ziele des Verbandes in Süddeutschland. Durch die erzielten größeren Einnahmen konnte der Verband eine größere Tätigkeit entfalten. Zu den in Jaffa, Jerusalem und Tiberias bereits bestehenden Spitzenschulen kam als Neugründung eine Schule in der Kolonie Ekron, die von 25 Mädchen besucht wird. Die in den verschiedenen Ateliers des Verbandes gearbeiteten Spitzen zeichnen sieh durch besonders sorgfältige Ausführung aus und erfreuen Sich in Europa, wo sie durch verschiedene Ausstellungen bekannt wurden, großer Beliebtheit. Sie haben sich ein großes Absatzgebiet erobert und bieten vielen jüdischen Frauen und Mädchen in Palästina die Möglichkeit, sich einen für dortige Verhältnisse ziemlich guten Erwerb zu verschaffen. Die Schriftführerin des Verbandes, Frau Betty Leszynski, Berlin, hatte (Telegenheit auf ihrer Reise durch Palästina sich persönlich von dem Fortschritt der Institutionen zu überzeugen und sich über die Arbeitsmöglichkeiten für die jüdische Frau zu orientieren. Im verflossenen Jahre gelang es dem Verband, durch Gründung einer Mädchenfarra einen großen Schritt vorwärts zu tun in dem Bestreben, den jüdischen Kolonisten durch Heranbildung von Mädchen zur Gartenarbeit, Gemüse- und Geflügelzucht eine notwendige Stütze zu verschaffen. Denn der Teil der Landwirtschaft, der überall von der Frau besorgt wird, liegt leider sehr im Argen, da die Frauen der Kolonisten, die fast durchwegs dem östlichen Ghetti entstammen, naturgemäß kein Verständnis für die Landwirtschaft haben. Eine größere Subvention des Herrn Krem enetzky, Wien, und der Alexander und Fanny Simon-Stiftung, Hannover, gab dem Verbände in erster Linie die Möglichkeit, die unter der Leitung von Frl. Dr. M a i s e 1 stehende Mädchenfarm in Kinereth bereits im Mai letzten Jahres auf der I^arm der Palestina Land Developement Com. mit 6 Schülerinnen zu eröffnen. Zurzeit arbeiten bereits zehn Mädchen auf der Farm mit sehr gutem Erfolg. Wie uns Herr Direktor Auhagen, der vor kurzem aus Palästina zurückgekehrt ist, mitteilt, sei den Schülerinnen der Mädchenfarm die Anlage der Baumwollpflanzungen dort zu verdanken. Die Schule erfreut sich in der kurzen Zeit ihres Bestehens eines so guten Rufes, daß viele Mädchen, die gern für ihre Ausbildung bezahlen würden, sich zur Aufnahme melden. Leider müssen diese aus Mangel an Wohnungen zurückgewiesen werden. Die Mädchen werden im Gemüsegarten, in der Baumschule, im Geliügelhof, bei der Milchwirtschaft, in der Küche und auch beim Nähen beschäftigt. Im Winter erhielten sie theoretischen Unterricht, dreimal wöchentlich. Ein großes Verdienst hat sich der Verband bei der Eröffnung des jüdischen Hospitals in Haifa erworben, das unter der Leitung des Herrn Dr. Auerbach steht. Er gab 6000 Francs für die Inneneinrichtung und subventioniert es jährlich mit 1000 Francs. Die Moskauer Ortsgruppe des Verbandes hat außerdem eine Wöchnerinnenstube beim Hospital errichtet. Zu gleichem Zwecke überwies diese Ortsgruppe größere Summen nach Jaffa. Der Verband bringt allen Gebieten, auf denen sich die Frau betätigen kann, Interesse entgegen. Er sucht durch aufklärende Vorträge zu verhindern, daß der bis hierher vordringende Mädchenhandel festen Fuß faßt. Sein Hauptbestreben ist, die jüdischen Mädchen und Frauen zu arbeitskräftigen und arbeitsfreudigen Menschen heranzubilden.*) SPRECMS/IflL Josef Ritter von Wertheimers Vermächtnis. Geehrte Redaktion! Den vortrefflichen Artikel: „Josef Ritter von Wertheimer" in Nr. 7 der „Neuen National-Zeitung" habe ich mit besonderem Interesse gelesen, da ich diesen edlen, großen, um das Judentum hochverdienten Mann, der in dem zitierten Artikel als hochsinniger Mensch und warmherziger Jude geschildert wird, näher gekannt habe und daher mit Fug und Recht von ihm ausrufen darf: „O möge es seinesgleichen viele in Israel geben mögen Viele ihm nacheifern, Sich gleich ihm redlich bestreben,' den Ruhm und die Ehre ihres Volkes zu fördern." Zur Bekräftigung dieser Behauptung gestatte ich mir hier einige Sätze aus seiner, kurz vor seinem Hinscheiden veröffentlichten Schrift.,Gesinnungstüchtigkeit der Juden* zu reproduzieren: „Ich bin mit meinem Thema zu Ende, wohl auch bald mit mir selbst, zwischen beiden irt nur ein loser Zusammenhang. Es ist mir zur Lebensgewohnheit geworden, mit Wort und Tat nicht zu zögern und überall eher verfrüht als verspätet zu kommen. Auf meinen vielen Reisen habe ich stets beim ersten Eisenbahnläuten mein Eupee bestiegen und das zweite niemals abgewartet — nun dieses erste Eisenbahnläuten klingt mir seit einiger Zeit sehr vernehmlich in den Ohren und da will ich denn das zweite nicht abwarten. — Es gibt keine Judenfrage, es darf keine geben, wo die Völker durch ihre gesetzgebenden Organe, wo sie auf Grund des historischen Rechtes sowie der staatlichen Konvenienz den Juden ein Vaterland gegeben und sie als gleichberechtigte Söhne desselben anerkannt haben, da ist jedes weitere Zerren und Nörgeln an diesen wohlbegründeten und wohlerworbenen Rechten, jedes Wühlen in vermoderten Akten Frevel und Anachronismus .... Und nun noch eines zur Beseitigung von Mißverständnissen. Wenn ich es unternommen habe, nachzuweisen, daß die Juden zu allen Zeiten ihre rein menschliche und patriotische Gesinnung sowie ihre erstaunliche Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten menschlichen Wissens und Könnens bewiesen, so beabsichtige ich damit nicht zu behaupten, daß das Judentum eine bevorzugte, sondern, daß es keine niedrigere Rasse ist. — Und das tue ich auch heute, indem ich nach Zurücklegung meines 86. Geburtstages vor einem offenen Grabe stehe, jede wie immer geartete Verunglimpfung des jüdischen Glaubens und jede wie immer geartetete Zurücksetzung seiner Anhänger als schwere Unbill bezeichne. Wechselnd weicht die Zivilisation der Barbarei, aber ein dauernder Rückfall in den Schlamm ist nicht mehr denkbar. So — ich lebe und sterbe der Ueberzeugung — wird die Aera der Humanität, die wir vor hundert Jahren hereinbrechen sahen, nur momentan verfinstert, in nicht ferner Zeit wieder hervorleuchten. — Du aber mein armes, noch immer gequältes Volk! Tue das Deine und stärke dich in dem Bewußtsein, daß du die erste Lehrmeisterin derMenscbh e i t gewesen, noch mehr in jenem, daß du es anstrebst weiter zu bleiben und alles was dich davon entfernt mit Selbsterkenntnis abzulegen. Das mein Abschiedsgruß!" Welch ein edles, welch ein großes, echt jüdisches Herz spricht aus jeder Zeile, aus jedem Worte dieses Vermächtnisses.' Und dieses großen Mannes, der nie in seinem Leben irgend einem Menschen mit Absicht was zu Leide getan, der unausgesetzt be- *) Anfragen sind zu richten an die Schriftführerinnen Frau Betty Leszynski, Berlin W. 62, Bayreutherstrasse 36 und Frau Rechtsanwalt Gronemann, Berlin N., Monbijouplatz 10.