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Neue Nationalzeitung · 1912-04-19 · Heft 8 (19.4.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 8 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 8 hat der Druck aus den Juden gemacht und wie vermochten sie es doch, diesen unsäglichen Druck zu überwinden. Wir wollen deshalb das Buch Fr am er s der eifrigen Lektüre empfehlen. Man wird aus ihm mehr lernen, als aus manchem, von gewissen Voraussetzungen ausgehenden Geschichtswerke. Die reichlichen gelehrten Anmerkungen, die dem Werke beigefügt sind, werden den Leser zur weiteren Forschung anregen. Um es aufrichtig zu gestehen, wir haben bis jetzt nicht Grund gehabt, mit der schriftstellerischen Tätigkeit Fromers und seinem Werdegange einverstanden zu sein. „Sed maxime amica veritas." Geben wir der Wahrheit die Ehre, das vorliegende Werk hat uns mit vielen seiner Irrtümer versöhnt. Eine Millionenspende für ein jüdisches Kinderspital. Der ehemalige Hauptkassier der Schöllersehen Dampfmühle Josef Spitzberger, der am vorletzten Montag hier im 88. Lebensjahre gestorben ist, hat sein ganzes, ungefähr zweieinhalb Millionen Kronen beiragendes Vermögen der israelitischen Kultusgemeinde in Wien zur Errichtung eines Kinderspitales vermacht. Der Erblasser hat bestimmt, daß in diesem Spitale nicht nur Kinder israelitischer Konfession, sondern auch Kinder anderer Konfessionen Aufnahme finden sollen. Für die Kinder der Armen soll die Spitalspflege unentgeltlich sein. Wir erfahren über das Testament und seine Vorgeschichte : Der Wortlaut des Testaments. Bei vollem Bewußtsein und nach reiflicher Ueberlegung vermache ich mein gesamtes, nach Eegelung und Sicherstellung der nachstehenden Objekte verbleibendes Vermögen (laut beiliegendem Inventar) der israelitischen Kultusgemeindein Wien mit der Bestimmung, dasselbe zur Errichtung eines für Arme unentgeltlichen Kinderspitals, benannt Em m a-S p i t z b er g e r - S t i f t u n g (der Name der Mutter des Erblassers) zu verwenden. Bau und Einrichtung sind von hiezu berufenen Fachleuten in ökonomischer Weise mit Vermeidung jedes unnötigen Luxus auszuführen, da ich mehr Gewicht auf die praktische Berücksichtigung des wohltätigen Zweckes und die umfassende Verwendung der vorliegenden Mittel als auf die äußere Ausstattung lege. Der Betrieb des Spitals sowie die Ernennung der Aerzte, Beamten und Bediensteten soll einem von der israelitischen Kultusgemeinde zu bestellenden, mindestens der Mehrzahl nach aus Glaubensgenossen zu wählenden Kuratorium unterstehen. Doch sollen, da ich es als ein Gebot der Menschlichkeit betrachte, bei Werken der Wohltätigkeit von jedem Beligionsunterschied abzusehen, nicht nur Kinder mosaischer Konfession, sondern auch Kinder anderer Konfession im Spital Aufnahme finden. (Folgt ein Passus über die Verteilung von Legaten von 30.000 Kronen an Angehörige des Verstorbenen.) Alle bei mir vorgefundenen, in dem beiliegenden Inventar nicht verzeichneten Wertpapiere gehören nicht in meinen Nachlaß, sondern sind lediglich in meiner Verwahrung. (Folgen Bestimmungen über die Zuwendung von 100.000 Kronen an fünf arme Angehörige und über die Zuwendung von 10.000 Kronen.) Zum Schlüsse heißt es: Ich habe diese letztwillige Verfügung eigenhändig geschrieben und unterschrieben. Wien, 26. Februar 1911. Josef Spitzberger. Die Persönlichkeit des Erblassers. Der verstorbene Millionär hat sein großes Vermögen buchstäblich durch Sparen kleiner und kleinster Beträge erreicht. In seinem 7. Lebensjahr begann er sein Sparwerk. Um diese Zeit hat er im Elternhause auf den Zucker in seinem täglichen Morgenkaffee verzichtet und sich dafür von seinen Eltern sechs Heller wöchentlich in die Sparbüchse werfen lassen. So hat es der verstorbene Millionär in seinem ganzen Leben gehalten. Als Junggeselle bis zum Tod konnte er die Bedürfnislosigkeit bis zur Entbehrung steigern. Später kamen die verhältnismäßig schönen Einkünfte aus seiner Stellung dazu, die er bis auf einen kleinen Betrag ganz in die Sparbüchse warf. Der Verstorbene hat Jahrzehnte in einem kleinen dumpfen Gangkabinett in der Schönlaterng a s s e ohne Licht und Ofen gewohnt. Fror es ihn in seiner unfreundlichen Behausung, so suchte er Galerien und Museen auf, wo er sich erholte. Dabei konnte er allerdings auch sein Interesse für die schönen Künste befriedigen. Dann und wann besuchte er seine wohlhabenden Angehörigen, wo er sich für die wochen- und monatelangen Entbehrungen entschädigte. Um Licht zu sparen, begab er sioh allabendlich bei Anbruch der Dämmerung zu Bett. Für Schäden an seinem Anzug und seiner Wäsche nahm er nie einen Sehneider in Anspruch. Er besorgte seine Keparaturen selbst. In der Auswahl der Garderobe war er bescheiden bis zur Entbehrung. Seine Garderobe bestand aus einem Anzug und einem Hemd! In der letzten Zeit lebte er buchstäblich von trockenem Brot und Tee. Einmal im Monat wechselte er den Tee in der Kanne. An den übrigen Tagen nahm er mit altem Aufguß vorlieb. Auf Zucker verzichtete er aus Gründen der Sparsamkeit überhaupt. Er besuchte auch die Börse und wird wohl auch glücklichen Spekulationen eine nicht unbeträchtliche Vermehrung seines Vermögens verdankt haben. Er interessierte sich somit auch für Vorgänge in der Oeffentlichkeit. Da aber das Kaufen von Zeitungen sein Budget ungebührlich belastet hätte, stand er täglich um halb? Uhr morgens auf und las die vor den Affichen der Verschleißstellen in der Schulerstrasse angehefteten Exemplare. So oft seine Angehörigen ihm wegen dieses Lebenswandels Vorstellungen machten, erwiderte er stereotyp: „Euch macht das Ausgeben Freude, mir das Sparen! Lasset mir meine Freude, zumal sie einem schönen Zweck gilt!" Zu Beginn des vorigen Jahres fühlte sich der 87jähr. Mann unwohl. Er ließ seinen Neffen, den Advokaten Dr. Albert Seligmann, kommen und teilte ihm mit, daß er ein Testament machen wolle. Er wollte sein Vermögen, dessen Stand er bis auf den letzten Heller kannte, wohltätigen Zwecken vermachen. Dr. Seligmann brachte ihm die Errichtung eines Kinderspitals in Vorschlag. Der Greis stimmte zu. Darauf verfaßte er das zitierte Testament. Vor drei Monaten erkrankte er ernstlich und wurde ins Eothsebildspital übergeführt, wo er Montag starb. Tagsdaranf mittag fand das Begräbnis statt, dem, einem letzten Wunsch des Verstorbenen entsprechend, nur die nächsten Angehörigen beiwohnten. Eine Parte durfte über Wunsch des Verstorbenen vor dem Begräbnis nicht ausgegeben werden. Kultuspräsident Dr. Stern und Oberrabbiner Dr. Güdemann hielten dem Toten warme Nachrufe. Er wurde in einem von der israelitischen Kultusgemeinde gewidmeten Ehrengrab beigesetzt. Die Leichen seiner verstorbenen Mutter und eines Bruders, eines gewesenen Kaufmannes, werden exhumiert und gleichfalls im Ehrengrab bestattet. *

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