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Neue Nationalzeitung · 1912-04-19 · Heft 8 (19.4.1912) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 8 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 „Neue National-Zeitung" Seite 3 anziehend sein, dem es nicht gleichgültig ist, wie die Denkkraft, auch unter den drückendsten Umständen, sich in einem menschlichen Geiste entwickeln kann und wie der echte Trieb nach Wissenschaft sich durch Hindernisse nicht abschrecken läßt, die unübersteig- Hch scheinen." Dieser erste Herausgeber von Mairaons Lebensgeschichte hat in diesen Sätzen alles gesagt, was wir an dem schier titanischen Lebenskampfe des Mannes bewundern, der ohne Kenntnis der deutschen Sprache nach Königsberg kommt, um Medizin zu studieren und die philosophischen Systeme aller Geistesheroen nach einer kurzen Spanne Zeit beherrscht. Mit Bewunderung lesen wir Kinder einer neuen Zeit die „Bekenntnisse" Jean Jacques Rousseaus, wie sich ein Mann unter den widrigsten Verhältnissen zu den Höhen der Gedankenwelt emporringt. Was sollen wir aber von dem russisch-polnischen Juden sagen, der mit einem Mendelssohn sich in einen scharfen Disput einläßt, die ganze Wollfsche Philosophie über den Haufen wirft, sich in „die Kritik der reinen Vernunft" vertieft, einen „Versuch über die Transzendentalphilosophie" herausgibt und von Kant selbst seinen Ruhm verkünden hört. Diesem hatte der bekannte Freund Mendelssohns, Markus Herz, der Gatte der berühmten Henriette, Maimons Werk über die „Kritik" zugesandt. Der vielbeschäftigte, damals 66jährige Kant war anfangs über diesen „großen Pack der subtilsten Nachforschungen", der ihm geschickt worden war, wie er selbst schreibt, unwillig. „Allein", so fährt er fort, „ein Blick, den ich darauf warf, gab mir bald die Vorzüglich ke it d e s s e 1 b e n zu erkennen und daß nicht allein niemand von meinen Gegnern mich und die Hauptfrage so wohl verstanden, sondern, daß auch nur wenige zu dergleichenUntersuchungen so viel Scharfsinn besitzen möchten, als Herr Maimon." Bemerken wollen wir, daß selbst Nietzsche, der zwar kein Antisemit war, wie seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche versichert, aber den Juden, wie wir aus seiner Biographie ersehen, manches unangenehme Wort sagt in der Zeit, da er ganz im Banne Richard Wagners stand, in seinen Studien zur Kantschen Philosophie den „Juden Kants", wie ihn R. Zimmermann nennt, unter denen nennt, deren Arbeiten für den zu lesen sind, der sich mit Kant beschäftigt.*) Die Lebensbeschreibung des phänomenalen Maimon, herausgegeben von Moritz, ist wenig bekannt. Und so ist es in der Tat ein lobenswertes Unternehmen Fromers zu nennen, daß er sie in einem lesenswerten Buche, das einen sehr wichtigen Beitrag zur Kulturgeschichte der östlichen und westlichen Juden im 18. Jahrhundert liefert, wieder veröffentlicht hat. Eine gründliche Einleitung über „Maimons Leben" und „Maimons Philosophie" macht uns mit den Grundzügen der damaligen polnischen Juden und mit der Denktätigkeit Maimons bekannt. Ist er doch der erste und einzige deutsche Schriftsteller, der die Verhältnisse dieses bis jetzt fast unbekannt gebliebenen Lebens der Juden im dunkelsten Polen, das sich nahezu unverändert bis auf unsere Tage erhalten hat, nach eigenem Erleben *) Elisabeth Förster-Nietzsche, „Das Leben Fr. Nietzsches*, I. B. S. 367. und Erschauen geschildert hat. Es folgt das Vorwort von Karl Pilipp Moritz zu Maimons Lebensgeschichte. Und dann erhält der ehemalige Talmudist und Kabbaiist und spätere russisch-polnische Kantianer selbst das Wort. Im übrigen ist die Bezeichnung „der Jude Kants" nicht ganz richtig. Maimon umfaßte in seinem Geiste auch die Systeme Humes, Lockes und Leibnizens. In Wirklichkeit ging er von Spinoza oder eigentlich von dem von ihm über alles verehrten Maimonides aus. Ueber dessen Hauptwerk, zu dem er einen hebräischen Kommentar „Gibat ha-Moreh" geschrieben, dessen 1. Teil 1791 erschien, gibt er eine ungemein lichte Auseinandersetzung, die man lesen muß, um des Maimonides Gedankenflug zu verstehen. Was uns besonders in Maimons Lebensbeschreibung anzieht, ist die Schilderung des polnischen „Chassidismus", dieser Schöpfung des Israel ben Elieser Baal-Schem-tob aus Medziborz in Podolien (1695—1760). Diese große chassidische Bewegung, welche noch immer im Osten eine herrschende Stellung einnimmt, wird allerdings in ihrer Bedeutung von Maimon unterschätzt, sie hat aber ihre Gegner, die „Misnagdim", auf der ganzen Linie besiegt. Und da kommt nun der polnische Bettler und Talmudgelehrte aus seinem östlichen Milieu in das der Aufklärung, in das Deutschland der damaligen Zeit. Nach mannigfachen Irrfahrten gelangt er nach Berlin. Das „zwecklose Lernen" wird auch hier verehrt. Aber statt des Talmuds wTerden hier Plato, Aristoteles, Wolff, Leibniz und Kant studiert. Auch hier fand er gelehrte Männer, die sich, wie zu Hause in Polen, um keinen Erwerb kümmerten, Männer, die sich in der Spandauerstraße um Mendelssohn scharten. So wandte sich auch Maimon keinem praktischen Berufe zu. Diese „problematische Natur" verstand es nicht, den herrschenden Verhältnissen sich anzupassen, keiner Lage war er gewachsen, und keine gewährte ihm Genugtuung. Goethe hat diese Naturen so trefflich gekennzeichnet. Maimon blieb immer der alte Talmudist. Er vermochte wohl in ruhigem Gespräche leidlich deutsch zu sprechen. Aber, wenn er lebhaft wurde, verfiel er in seinen unverfälschten jüdischen Jargon, den er mit den bekannten Bewegungen und dem noch bekannteren talmudischen Tonfall begleitete. Auch mit den, von den russisch-polnischen so sehr verschiedenen Sitten und Gebräuchen des neuen Heimatlandes wußte sich der ehemalige Talmudist und spätere Philosoph und Aufklärer nicht zu befreunden. Freilich, manche Unsitte der neuen deutschen Heimat, wie zum Beispiel das Biertrinken, hatte er rasch gelernt. Und auch mit dem Nachtleben Berlins machten ihn gute Freunde bekannt. . . . In seinen philosophischen Schriften bewundern wir seinen kritischen Scharfsinn und die seltene Vertiefung, aber seine Ausdrucksweise ist eine unklare und unbeholfene. Und doch vermag er, wenn er plaudernd erzählt, ungemein zu fesseln. Ein „menschliches Dokument" ist seine Lebensgeschichte, ein psychologisch und kulturgeschichtlich einizg in seiner Art dastehender Beweis, wie der niedergedrückte Geist sich aller Schranken entledigen und zu den höchsten Gedankenflügen emporzuschwingen vermag. Ein Stück jüdischer Geistesgeschichte steckt in dieser Lebensschilderung. Was

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