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Neue Nationalzeitung · 1912-04-19 · Heft 8 (19.4.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 8 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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„Neue National-Zeitung" Nr. 8 kaum 5 Prozent des Gemeinderates, während die Juden in Wien zirka 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Bei einer gerechten Verteilung der Mandate müßten auch die Juden mindestens 15 Mandate erhalten. Wenn nun im zweiten Wahlkörper zwei jüdische Kandidaten, und zwar je einer im 2. und im 9. Bezirke neu aufgestellt werden, so ist damit den billigen Wünschen der jüdischen Bevölkerung noch lange nicht entsprochen. Das mögen sich die liberalen Wahltaktiker Baron Hock und Hofrat Kuranda gesagt sein lassen. Wenn man von den Juden sklavische Disziplin auf allen Linien verlangt, dann muß man ihren Forderungen auch Rechnung tragen. Es könnte den Juden auch einmal die Geduld reißen. So wäre es durchaus am Platze gewesen, im 20. Bezirke (Brigittenau) eine jüdische Kandidatur aufzustellen. Baron Hock hat aber die jüdische Kandidatur hintertrieben und verlangt dafür von den vierhundert jüdischen Wählern des zweiten Wahlkörpers, daß sie selbstlos für einen ihnen ganz unbekannten Kandidaten stimmen. Ob die jüdischen Kandidaten im 2. und 9. Bezirke glücklich gewählt sind, ist auch sehr fraglich. Im öffentlichen Leben unbekannte, politisch ungeschulte Männer als Vertreter einer unterdrückten Minorität — das ist so die Art, wie in Wien jüdische Mandatare von politischen Cliquen der Öffentlichkeit aufgedrängt werden. Aber für den jüdischen Wähler gibt es keine Wahl, sondern nur eine Zwangslage. Er folgt nicht seiner Ueberzeugung, sondern seinen Vortänzern. Und diesmal heißen sie: Baron Hock und Hofrat Kuranda. L. Prof. Dr. Max ürünfeld: Ein polnischer Jude als Verkünden der Aufklärung. Bs gibt, außer der großen Zeit der Renaissance mit ihren kraftvollen, übersprudelnden, übermenschlichen Gestalten, kaum eine Epoche, die uns in gleicher Weise anzöge, als die des 18. Jahrhunderts, in dem die Aufklärung der Skeptiker, Naturphilosophen und Kritiker die große Revolution der Geister ankündigte, der ein Umsturz auf allen Gebieten des sozialen und politischen Lebens folgte. Männer wie Hume, Rousseau und Kant, sie alle arbeiteten an einer Umwälzung, wie sie in der Weltgeschichte kaum in einem anderen Jahrhunderte zu finden ist. Der Zweifel des Cartesius und der Emipirismus Lockes hatten den Skeptizismus erzeugt. Dieser begann an der Gültigkeit unserer Denkgesetze zu zweifeln. Da war es nun Immanuel Kant, der „das Inventarium aller unserer Besitze durch reine Vernunft aufnahm." Seine grundlegende Philosophie spricht die Ueberzeugung von der gesetzgebenden Kraft der Vernunft in Wissenschaft und Leben aus Die Philosophie Kants ist eine kritische, weil sie die in der Vernunft selbst enthaltenen Prinzipien, die Vernunftserkenntnisse, gegenüber den durch die Erfahrung erlangten, durch Zergliederung des menschlichen Erkenntnisvermögens, feststellt So wurde seine Philosophie d«r Ausgangspunkt aller wissenschaftlichen Richtungen des XIX. Jahrhunderts, der Ausgangspunkt nicht nur für Fichte, Schelling und Hegel, sondern auch für den die Philosophieprofe*- sorea verhöhnenden Schopenhauer und den gewal- ] tigen Lebensbejaher Nietzsche, der allerdings später den Mann der „reinen Vernunft" in seiner „Götzendämmerung" mit seinem philosophischen „Hammer" totzuschlagen versucht. Wenige haben Kant wirklich verstanden und nicht am wenigsten hatte dies Unverständnis seine Quelle in der dunklen Schreibweise des Philosophen, wie dies auch Heine in seinem )rßuche über Deutschland" den Franzosen in seiner witzig-ergötzlichen Weise auseinandersetzt. Aber einer hatte ihn verstanden und dieser eine wagte es auch gegen „das Ding an sich" Stellung zu nehmen. Und dieser Mann war ein Jude, ein russisch-polnischer noch dazu. Er hieß Salomon ben Josua, nannte sich selbst Salomon Maim o n, nach seinem großen Lehrer Maimonides, dessen Werke, dem „Führer der Irrenden" („Moreh Nebuchim") er das Studium seines urwüchsigen, kritischen Geistes widmete, und mit dessen Gedankeninhalte er uns bekannt macht. Im Iahre 1754 in einem litauischen Dorfe in der Nähe von Mirz, wo sein Großvater Pächter war, geboren, wuchs er in der ganzen „Unkultur", welche damals die Juden Polens umgab und die wir „Westjuden" kaum erfassen können, auf. In diesem mit der scharfen Kost des Talmud und der Kabbala genährten Kopfe lebte schon in frühester Jugend ein unruhiger Geist, der den Ursachen alles Seins auf den Grund zu kommen sich mühte. Dieso Unruhe trieb ihn aus dem Sumpfe, in dem er zu versinken drohte, hinweg nach, den Stätten der Wissenschaft, nach Deutschland. Rastlos wanderte er nach Königsberg, Berlin, Hamburg, Amsterdam, Breslau und wieder nach Berlin kam er. Ueberall fand er Menschen, die ihn verehrten, zu dem Wunder-Rabbi mit Staunen emporschauten. Goethe, Schiller, Kant, Mendelssohn und seine Schüler sprachen von ihm mit Worten höchster Bewunderung. Und doch nahmen sich die besser situierten Kreise der Glaubensgenossen seiner nicht an. Was wäre wohl aus diesem Manne geworden, wenn er in geordneten Verhältnissen hätte leben und studieren können! Zum Schlüsse wandte ihm ein Graf Adolph Kaiekreuth seine Aufmerksamkeit zu. Mit diesem übersiedelte er auf sein Gut nach Groß- Siegersdorf bei Glogau. 5 Jahre war es ihm gegönnt, in dem Hause dieses Mannes ungestört an seiner geistigen Fortbildung zu arbeiten. Hier ist er, der in seiner Sterbestunde von sich selbst zu einem evangelischen Pastor sagte: „Ich bin ein toller Mensch gewesen — und wie sehr wünschte ich das anders", im Jahre 1800 gestorben. In der Tat ein „jüdisch-polnischer Ikarus", wie ihn der neueste Herausgeber seiner „L e b e n s g eschichte,*) Dr. Jakob Fromer, nennt, der in seinem Buche „Vom Ghetto zur modernen Kultur" seine, denen Mainions, ähnlichen Lebensschicksale schilderte. Im Jahre 1792 erschien diese merkwürdige Lebensgeschichte, herausgegeben von Karl Philipp Moritz, zum erstenmal. In seinem „Vorworte" sagt Moritz über diese Memoiren folgende treffliche Worte: „Diese Lebensbeschreibung bedarf keiner Anpreisung, um gelesen zu werden. Sie wird für jeden *) Salamon Maimons Lebensgeschichte, mit einer Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Dr. Jakob Fromer, bei Ge o rg: M ü 11 e r in München 1911. (Sammlung1 menschlicher Dokumente, herausgegeben von J. E-?oritzfcy II. B.)

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