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Neue Nationalzeitung · 1912-04-19 · Heft 8 (19.4.1912) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 8 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NEÜ5 s<>CiOS/L-C5iCüS3 X(V. JAHRGANG. WIEN, 19. APRIL 1912. Nr. 8. Die Wiener Gemeinderatswahlen. Ohne Elan, ja, ohne Begeisterung, wird die jüdische Wählerschaft zur Wahlurne schreiten. Sie wird als eisernes Inventar der Liberalen für die Kandidaten der „freisinnigen" Komitees stimmen, um ihnen zum Siege zu verhelfen und die Christlichsozialen zu stürzen. Denn es ist das Los der jüdischen Wähler in Oesterreich, daß sie nur zwischen zwei Uebeln zu wählen haben: zwischen dem größeren der Antisemiten und dem kleineren der „freisinnigen" Halb¬ oder Viertel-Judenfeinde. So war es bei den letzten Ifeiehsratswahlen, als sich die mit lautem Jubel auf den Schild gehobenen „Freisinnigen"? die Pollaufs, Wabers, Gansers u. a. nachträglich als stramme Deutschnationale entpuppten; so wird es auch jetzt kommen, da die Wortführer diverser deutschwirtschaftlicher, Lehrer- oder Beamten-Organisationen, die noch gestern Parteigänger der Christlichsozialen waren, den Juden als „freisinnige" Kandidaten aufgedrängt werden. Und die Juden werden mit einer Selbstverleugnung, die nur ihnen eigen ist, Disziplin halten und zusammengewürfelten Gesellschaft, die sich anschickt, das Rathaus zu erstürmen, ihre Stimmen geben. Allerdings gilt es jetzt um jeden Preis, der christlichsozialen Gemeindewirtschaft ein Ende zu bereiten. Sie hat unter dem Deckmantel des Antisemitismus die ärgste Korruption getrieben und nicht bloß die Juden, sondern auch die Gesamtbevölkerung schwer geschädigt. Daher ist auch das Gros der Bevölkerung mit den Juden in dem Rufe einig: fort mit den Christlichsozialen! Es ist das markanteste Merkmal der antisemitischen Korruptionswirtschaft, daß sie mit den reichen Juden gute Freundschaft hält und nur die armen jüdischen Schichten zu Boden drückt. Der Hausierer, der um eine Lizenz einschreitet, der eingewanderte polnische oder ungarische Jude, der die Zuständigkeit anstrebt, der Gewerbetreibende, der irgend eine Erleichterung bei der Ausübung seines Betriebes verlangt — sie sind den ärgsten Schikanen der magistratischen Bezirksämter ausgesetzt; Juden werden als Lehrer, Aerzte und Beamte bei der Kommune vollständig ausgeschaltet; selbst in dem Parteienverkehre zwischen den magistratischen Beamten und den jüdischen Steuerzahlern kommt die antisemitische Gehässigkeit kriecherischer Beamtenseelen, die offenbar dadurch den Intentionen ihrer Vorgesetzten zu entsprechen glauben, sehr oft eklatant zum Ausdruck. Daß Dr. Lueger sogar zu Pogroms aufhetzte und seine kleinen Epigonen ebenfalls die niedrigsten Instinkte der christlichen Bevölkerung aufreizen, indem sie die Juden als Großkapitalisten, Lebensmittelverteuerer u. dgl. stigmatisieren, ist bekannt- Wer kann da noch zaudern, dieser Gesellschaft den Garaus zu machen? Was dann an ihre Stelle kommt, das ist heute noch sehr fraglich. Auch das liberale Regime der Prix' und Konsorten ließ sehr viel an Judenfreundlichkeit zu wünschen übrig. Auch damals gab es Gehässigkeiten und Zurücksetzungen. Würde ein Koalitionsregime der Liberalen, Deutschnationalen und Sozialdemokraten im Rathause besser sein? Aber auch damit hat es noch seine langen Wege. Bei den nächsten Wahlen kann es sich auch noch nicht darum handeln, den Christlichsozialen ihre Majorität wegzunehmen. Das ist nach der Lage der Dinge nicht möglich. Wohl aber würde der Verlust blaß der Hälfte der zur Entscheidung gelangenden 78 Mandate genügen, um die Präponderanz der Christlichsozialen im Rathause und ihre politische Position im öffentlichen Leben zu brechen. Das muß erreicht werden! Das Interesse der jüdischen Wähler im Rathause kann aber hauptsächlich nur durch jüdische Vertreter gewahrt werden: der Qualität und der Quantität nach. Die Zahl von 7 Juden im Wiener Gemeinderate ist entschieden viel zu gering. Sie bilden

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