Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 7 (5.4.1912)
- Date
- 1912-04-05
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 „Neue National-Zeitung" Seite 9 rCUlLLCTON. Ftfühjaht*sausstellung im Künstlerhaus (Jüdische Künstler.) Unsere Kritik ist krank: sie leidet an „Platzmangel". Hat man je über ein Bild eines Wiener Malers in einer Wiener Zeitung ein Feuilleton gelesen? Wohl aber über Tänzerinnen, chinesischG Stickerinnen und über so viel Belang- oder Harmloses. Man werfe nicht ein, es sei kein überragendes Bild zu sehen gewesen; wieviel überragende Theaterstücke wurden denn aufgeführt? Wenn ein Künstler von Rang einmal im Jahre ausstellt, ist das ebenfalls eine Premiere. — Freilich beim Tode eines Malers oder knapp davor, ertönt hie und da eine liebe Grabrede oder ein freundschaftlicher Schwanengesang. Auch auf der diesjährigen Ausstellung im Künstlei hause findet sich mancher Künstler, der einer eingehenden Besprechung würdig wäre. Uni er diesen ist vor allem, weitaus überragend Is'dor Kaufmann. Nur einmal im Jahre bekommen wir zwei, höchstens drei Werke dieses Künstlers zu sehen und gerade, wenn wir meinen, jeUt habe er den Höhepunkt seines Schaffens erreicht, überrascht er uns, die er so sehr verwöhnt hat, immer aufs neue; aber noch selten so sehr wie diesmal mit seinem Bilde »Am Sabbath." In einem Beth-Hamidräsch (Studierstube) lernen vier Menschen. Das schlicht der Inhalt dieses Meisterwerkes, — Man muß solche Räume gesehen haben, um voll und ganz beurteilen zu können, was Kaufmann da geschaffen hat. Einer, der ohne Herz, ohne Seele in eine solche Stube tritt, der sieht Mauern, ein paar abgesessene sene Folianten. Nur ein Künstler mit einem so warmen Hereen, nur ein Meister wie Kaufmann konnte es wagen, ein solch malerisches Problem auf sich zu nehmen. Nicht Farbe, nicht Vorwurf kommen hier erleichternd entgegen. Und doch, wie hat es dieser Künstler verstanden, diese schlichte Einfachheit zu schildern, wie hat er dieses Nichts (Neau würden es die Franzosen nennen) belebt mit stillem Zauber, inniger Poesie erfüllt. Wie ist da die Luft dieses Raumes eingefangen, daß man glaubt, mitten in der Wirklichkeit zu sein. Alle Tage kommen in solchem Studierraume viele Menschen zusammen, fromme Beter, aber auch ganz einfache Leute aus dem Volke, die hier im Studium der alten Weisen Erholung suchen, um darüber das Häßliche im Leben zu vergessen. Den Schatten^hauchfein!J Es I. nur nüchtern getünchte Bänke, große, zerschlis- Sabbath, den König der Tage, hat der Künstler gewählt, wo die Stube Feiertag atmet, der Boden gescheuert, der Tisch mit weißen Linnen bedeckt ist. Und wie wunderbar rührend: vier Menschen hat er gewählt, das Kind, den Knaben, dm Jüngling, den reifen Mann und sie alle vertiefen sich in die heilige Lehre, der tote Buchstabe geht über ins Leben, in ein wunderbar seliges, das sich in ihrem Antlitz wiederspiegelt. Da mag der Ofen rauchen, ringsum die Mauern schwärzen, mag sein, was da will, sie merken es nicht, sind so schön edel verträumt! Ringsum spielt die Luft, schweben die ist, als umgäbe uns selbst die heiligweihevolle Sabbathstimmung; das Bild wird uns zur Religion!--- Oder der „ M a g i d* (Volksredner) desselben Künstlers! Wie ein Herrscher sitzt dieser Redner da, stützt hoheitsvoll die Hand auf ein Buch, hinter ihm scheint förmlich die prunkende Seide zu knistern. Eine Taube, das Symbol der Weisheit, schwebt allegorisch über die Lettern hin. Und ein Herrscher muß dieser Mann sein, das sagt die mächtige Stirn, diese tiefen, durchgeistigten Augen, ein Beherrscher des zündenden Wortes. Was aber muß er erst sagen, wenn er die halbgeöffneten Lippen auftut; das muß die Sinne hinreißen, über sie herrschen, er, der Redner des Volkes! Als wir uns abwandten von diesen Bildern, hat uns leise etwas beschlichen; ein Vorwurf war's, daß wir diesen Größten der Unsern noch lange, lange nicht genug schätzen!-- Verbleiben wir hier schon beim Genre. Da wäre wegen der Stoff Verwandschaft zunächst Lazar Krestin zu nennen. Sein großes Bild «Beim Studium*, das eine Anzahl von Männern zeigt, die aus großen Büchern lernen, ist nicht als glücklich gelöst zu bezeichnen. Vor allem ist es als Malerei nicht zu loben. In drr Farbe unnobel, versöhnen uns auch nicht andere Qualitäten, am wenigsten die zeiehnerischi n. Zwei weitere Bilder „Judenkopf" und »Araberin" von demselben Künstler ziehen wir entschieden vor. Otto Herschels „Friedenszeiten" zeigen den Künstler nicht von seiner besten Seite. — Insbesondere die Frauenfigur, starr im Ausdrucke, ist ganz und gar unfein in der Farbe, die grünlichen Reflexe des Kleides auf Nacken und Antlitz zu absichtlich gewollt. Wozu die gewaltsame Utrierung? Sie macht das Bild keineswegs besser. — Erwähnen wir noch das zweite Bild Nr. 390 „Holländer* (Fiscbertype). Kaufmann: Am Sabbath (Oelgemälde). Frühjahrsausstellung im Künstlerhaus,