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Neue Nationalzeitung · 1912-04-05 · Heft 7 (5.4.1912) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 7 (5.4.1912)
Date
1912-04-05
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 Neue National-Zeittmg" Seite 5 Menschen, den warmherzigen Juden Wertheim er sprechen. Sein Haus «war ein Sammelpunkt der feingebildeten Welt, der Dichter und Künstler von Rang. Gleichwohl verbarg man hier nicht scheu diesem Kreise gegenüber sein Judentum, ging niemals einem Gespräche aus dem Wege, das sich darüber verbreiten konnte, suchte vielmehr jede Gelegenheit zu benützen, um Aufklärung über dasselbe bieten zu können. Ich erinnere mich, daß ich anfangs der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Wertheimers Hause über dessen und Komperts Anregung von der Dichterin Betti Paoli gebeten wurde, ihr einen Einblick in die Entwicklungsgeschichte des Judentums zur Zeit der Entstehung des Christentums zu eröffnen. Zwei Stunden lang horchte sie mit gespannter Aufmerksamkeit und äußerte sich dann über alle Maßen erstaunt, zu vernehmen, daß das Gros des Judentums, das ja damals in der Hellenischen Diaspora angesiedelt war, höhere griechische Bildung und namhafte Philosophen besaß, welche zu einem universalistischen Judentum sich bekannten und dem Mosaismus im Heidentum erstaunliche Verbreitung verschafften. Und wie neidlos und freudig anerkannte Wertheiroer fremdes Verdienst! Wie hoch schätzte er den strebsamen Beamten, sei es des Kultusvorstandes oder einer anderen seiner Führung unterstehenden humanitären Institution, dem er unbedingte Wahrung seinerSelbständigkeitundUeberzeugung zubilligte. Hier ein Beispiel. Es war im Frühjahr 1882. Im Bureau der Israelitischen Allianz zu Wien tagte nach der im Winter dieses Jahres erfolgten Beförderung der ersten, viele tausende russischer Emigranten zählenden Scharen (etwa 28.000) nach Amerika eine Delegiertenversammlung, welche ein gemeinsames Vorgehen sämtlicher Hilfskomitees in den weiteren Emigrationsfragen vereinbaren sollte; da hatten nun die ersten Pariser und Wiener Delegierten, welche Monate lang unsagbar schwer arbeitend, quasi interniert in Brody saßen, eine dortige kleine aber einflußreiche und ehrgeizige Partei — sagen wir Familie — von der Mitarbeit ausgeschaltet, überzeugt, besser ohne sie die Emigration fördern zu können. Nachdem aber die Winterkampagne vorüber war, kamen von Paris und London andere Delegierte als die ersten waren und gerieten ohne alle Kenntnis der Verhältnisse in den Kreis jener von den ersten Delegierten beiseite geschobenen Partei, die sie einseitig informierte. Nach kurzem, nur wenige Tage dauernden Aufenthalt dieser Delegierten in Brody glaubten sie gründlich über die Situation unterrichtet zu sein und reisten zum Delegiertentag nach Wien, wo unter anderem auf ihren Antrag beschlossen wurde, an jene Brodyer Personen, auf deren Mitwirkung die ersten Delegierten verzichtet hatten, für ihre Mühewaltung eine Dankadresse zu richten. Nach der Sitzung, der Wertheimer präsidierte, ersuchte der letztere den Sekretär, der an der ersten Expedition in Brody tätigen Anteil genommen hatte, die beschlossene Dankadresse abzufassen, der sich aber dessen höflich aber entschieden weigerte, erklärend, der auf mangelhatte Informationen gefaßte Beschluß widerspreche seiner innersten Ueberzeugung. Wertheimer stutzte, verlangte jedoch eindringlicher die Ausführung des Beschlusses; er selbst füge sich den Beschlüssen der Majorität, selbst wenn sie ihm gegen den Strich gehen, noch mehr sei der Sekretär dazu gehalten. Als aber der Sekretär bei seiner Weigerung beharrte, erwidernd, er könne seiner Veberzeugang nicht Gewalt antun, ssgte Wertheimer nach kurzem Bedenken; „Gut — dann werde ich selbst die Adresse abfassen." Spracbs und setzte sich hin, das Schriftstück zu entwerfen. Unangenehme Folgen hatte diese Weigerung für den Sekretär nicht, er stieg vielmehr noch in der Achtung des edlen Präsidenten. Wie väterlich er für die Beamten sorgte, mag folgende Tatsache illustrieren. Im letzten Jahre seines Lebens wurden, wo er nicht mehr ausging, die Sitzungen in seiner Wohnung abgehalten. Bei einer solchen Sitzung begann er, als die Tagesordnung erschöpft war und der Sekretär sich entfernt hatte, auf den letzteren eine Lobrede zu halten, seine Arbeiten und Leistungen spezifizierend und schloß damit, daß es an der Zeit sei, dessen Gehalt zu erhöhen. Darauf Widerspruch lose Zustimmung von allen Seiten. Als aber Wertheimer in weiterer Ausführung verlangte, es solle dieser Gehalt um mehr als das Doppelte erhöht werden, da folgte tiefes Schweigen, auf einer Seite sogar Kopfschütteln; denn kleine Leute gab es auch damals und überdies war eine §olche plötzliche Gehaltserhöhung etwas Unerhörtes. Nur immer langsam voran. — Einer der Kleinen faßte sich zuerst und suchte den Präsidenten zu beschwichtigen: es werde seinem so berechtigten Wunsche die entgegenkommendste Aufmerksamkeit zugewendet werden, es möge sonach die Beschlußfassung auf die nächste Sitzung vertagt werden. Hierauf erhob sich Wertheimer, sich mit beiden Händen am Tisch klammernd und rief der bestürzten Versammlung mit zitternder Stimme zu: „Meine Herren, die Sache liegt mir, der ich in täglicher, sogar stündlicher Fühlung mit den Arbeiten unseres Vereines stehe und die immer weiter ausgreifenden Leistungen kenne, sehr am Herzen Und ich habe keine Zeit zu warten, ich höre schon das zweite Läuten!" In tiefster Erschütterung wurde der Antrag des Präsidenten einstimmig zum Beschluß erhoben. Der Fall war kein vereinzelter und es wissen auch Fernerstehende, die in den Bannkreis seiner einzigartigen Persönlichkeit gerieten, wie beispielsweise der erste Sekretär des Wiener Kultusvorstandes, der noch aus jener Zeit herüberreicht, manches Einschlägige zu erzählen. Wie sein Leben, war auch sein Sterben. Er starb wie ein Weiser. Als ich an seinem Sterbetage des Morgens an sein Bett trat, reichte er mir die kalte Hand mit den Worten: «Lassen Sie mich Abschied nehmen, es ist der letzte Tag, daß ich Gottes Licht sehe." Dann schloß er die Augen, kaum merklich atmend. Gegen 1 Uhr mittags kam, wie gewöhnlich um dieselbe Zeit, sein Hausarzt, der seit seinen Studentenjahren Werlheimers Schützling gewesen. Der Sterbende scherzte noch mit ihm und fragte ihn, ob er nicht einen neuen Stuß von der Börse erzählen könne. Um 5 Uhr abends tat er den letzten Atemzug. Nehmt Alles nur in Allem : „Er war ein Mensch — das heißt ein Kämpfer sein.* M. F. Unsere P. T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht. Die Administration.

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