Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 7 (5.4.1912)
- Date
- 1912-04-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425857-2425865--2335-2428759- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 7 versagt selbst die vielgepriesene jüdische Wohltätigkeit In ganz Oesterreich gibt es keine jüdische Emigrations-Gesellschaft, kein Grenzkomitee und keine Auskunftsstelle für jüdische Emigranten — im Gegensatze zu dem vorzüglich organisierten Netz von Schutzkomitees in Rußland und in Deutschland, die Redner ausführlich darstellt. Es tut also für die jüdische Emigration, aber nicht bloß für diese, eine Hilfsorganisation im Inlande not: eine Zentralauskunftsstelle, welche durch Zeitungen, Broschüren, Flugschriften die Emigranten über die Tragweite ihrer Entschlüsse aufzuklären und sie für die bevorstehende Reise vorbereiten würde. Jenseits des Ozeans sei die jüdische Emigrantenhilfe organisiert, wie bei keiner anderen Nation; dieindustrial reinoval Office, die seit zehn Jahren in New-York funktioniert, ist imstande, über den Arbeitsmarkt der entlegensten Ortschaften zu informieren. Aber im Inlande ist speziell der jüdische Emigrant rat- und hilflos; preisgegen der Ausbeutung, ohne jede Orientierungsfähigkeit, rennt er oft ins Verderben. Jiddische Publikationen; jiddisch sprechende Beamte. Nun kam Dr. Landau auf den wichtigsten Teil seiner Ausführungen. Er bat inständigst die Zentralregierung, doch darauf Rücksicht zu nehmen, daß von der Million der östlichen Juden in Oesterreich mindestens die Hälfte nur jiddisch spricht, respektive zu lesen vermag. Und wenn auch Statthalter Doktor Bobrzynski mit schweren Strafen jeden bedroht, der das Jiddisch wahrheitsgetreu als seine Umgangssprache angibt, oder wenn auch das Reichsgericht das Jiddisch nur als einen Dialekt behandelt wissen will — Tatsache ist es, daß diese halbe Million Menschen, die keine andere Sprache beherrschen, ein unbedingtes Recht darauf haben, wenn ein Emigrantenschutz im Wege eines Gesetzes geschaffen wird, in ihrer Sprache belehrt und aufgeklärt zu werden, wie es bei allen anderen Nationen und Volksstämmen der Fall sein wird. Und nicht nur dies. Es wurde von den Herren Repräsentanten anderer Nationen sowohl im Wege der Publizistik, als auch in der Enquete wiederholt der Wunsch ausgesprochen, daß die Emigranten von konnationalen Auswanderungskommissären auf ihrer Reise über See begleitet werden, resp. daß den Schiffahrtsgesellschaften die Pflicht auferlegt werde, Dolmetscher auf den Schiffen anzustellen. Da sei es gewiß ein Akt der Gerechtigkeit, daß auch die jüdischen Emigranten, wenn sie voll Verbitterung und Verzweiflung die große Reise über den Ozean antreten, MännerihresVolkes und ihres Glaubens als Führer zur Seite haben. Abg. Dr. Straucher erklärt hierauf, sich mit allen diesen Ausführungen zu identifizieren. Der Ernst und die Entschiedenheit, mit denen beide Redner für die Postulate der jüdischen Volksmassen eintraten, hat auf die anwesenden Regierungsvertreter, die sehr aufmerksam zuhörten und notierten, einen offenbaren Eindruck gemacht. In dem vom Bureau der Enquete herausgegebenen Communique wurde das Referat Dr. Landaus über die jüdische Emigration besonders skizziert. Ob die Anregungen Dr. Landaus auch im Gesetze eine greifbare Form annehmen werden, das hängt von politischen Momenten ab, auf die wir noch zu sprechen kommen werden. Joseph "Ritter von Wertheimer. (Zum 25. Sterbetag). Eine verspätete Erinnerung. In wahrer freiheitlicher Pessachstimmung fühle ich mich gern in jene Zeit zurückversetzt, in der wir noch innerlich frei zu sein uns bemühten, mit allen Kräften ringend, zur äußeren Freiheit uns emporringend. Man hälfe uns nicht für einen laudator temporis acü. Jene Vergangenheit war in Wahrheit unsere Zukunft, unsere Gegenwart aber gehört der Längstvergangenheit an. Um aber diese Vergangenheit, welche unsere Zukunft war, wieder lebendig durehzulebcn, muß ich zu den Toten gehen, und da faucht vor meines Geistes Auge ein Bild auf, auf dessen Grabstein des Dichters Worte: „Mensch sein, heißt (in Kämpfer sein", zu lesen sind und an dessen 25jährigenTodestag seine „Nachstrebenden" unserer Tage sich nicht mehr erinnerten, oder vielmehr sich nicht erinnern wollten. Wozu denn auch? Wie überragend erschiene heute jene Gestalt, träte sie in den Kreis ihrer Nachfahren! An Wertheimer war jeder Zoll ein Mensch und ein Jude. Sein ganzes Leben war ein Kampf für die Erhebung seines Volkes. Und als dessen Emanzipation, die er miterringen half, erkämpft war, da widmete er sein ganzes Fühlen, Dichten und Können seinen noch unter dem doppelten Druck innerer und äußerer Knechtschaft seufzenden östlichen „Konnationalen" (seine eigene Bezeichnung), die sein ganzes Wesen bis zum letzten Alhemzug ausfüllten Und wie still, bescheiden und selbstlos war sein Wirken! Man sah nur die Früchte, nicht aber den rastlosen Arbeiter, der gepflügt, gepflanzt und sie zur Reife gebracht. Und als am späten Abend seines arbeitsreichen Lebens der Antisemitismus aufkam und das Judentum und seine Religion in den Kot zerrte; da raffte er sich, stark in achlzig stehend, von unsagbarem Schmerz übermnnnt, noch einmal auf, um für die Gebildeten eine Schrift: „Jüdische Lehre und jüdisches Leben", zu verfassen. So sahen sie aus, die sogenannten Assimilanten von damals! Es ist wahr, er war ein hochgebildeter Mann, der wie alle mitstrebenden Juden seiner Zeit, von dem einen Gedanken beseelt war, der Welt zu zeigen, daß das Judentum sich nicht in nationaler und gesetzlicher Enge erschöpfe, daß es vielmehr zum Universalismus hinsteuere, die Kultur in ihrer Weite und Höhe zu bereichern vermöge, daß der fremdartige zur Absonderung von der Welt zu führen scheinende zeremonielle Kultus nur durch Zeit, Ort und Verhältnisse bedingt sei, der sukzessive reformiert und verjüngt werden müsse. Allein haben nicht die großen jüdischen - Propheten dasselbe gelehrt? Haben sie nicht die heilige Lohe ihres Zorns über den Forraendienst, wie ihn die heutigen Führer des Judentums wieder in Schule und Gotteshaus zur Geltung bringen möchten, ausgeschüttet? Haben sie nicht unaufhörlich gepredigt, daß die Gotteslehre von Zion ausgehen und über alle Welt sich ergießen müsse? Und war es ein schweres Vergehen jener Juden, die mit Wertheimer die Führung der Gemeinde in Händen hatten, daß sie der Leitung dieser Propheten sich überließen, und ist es ein Verdienst unserer heutigen Führer, daß sie ihnen den Rücken kehren, wohl auch keine Kenntnis von ihren Lehren, Strafreden und Verheißungen haben? Doch wozu tauben Ohren predigen? Ich will ja nur, da mich die Wertheimerstimmungen überkommen, einige Worte der Erinnerung über den hochsinnigen