Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 7 (5.4.1912)
- Date
- 1912-04-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wanderung aus Aegypten. Wie mochte der Pharao schäumen, der Pharao Ramses, oder wie er sonst geheißen hat. Das ist die Bedeutung der Pessahf eier, dieser Geburtsfeier eines Volkes, das allerdings „nicht an einem Tage geboren wird". Diese Wanderung aus dem sonnigen Pyramidenlande in die sandige Wüste, einer verborgenen Zukunft entgegen, in der Tat, sie stellt ein einziges, unerreichtes Bild dar, wie ein Volk mit mutiger Selbstüberwindung, dem Worte eines heroischen Führers sich unterwirft, ein Volk von Helden, Kämpfern, Ueberwindern. Das ist keine Skiavenmoral, die aus dieser geschichtlichen Erscheinung zu uns spricht. Es sind Herren, die sich ihr Geschick selbst bilden wollen. Das sind nicht sich selbst aufgebende Menschen, sondern Kämpfer voll Mut und Tatkraft. Die Feiglinge, die Rückfälligen mochten in der Wüste untergehen, ein neues tapferes Geschlecht war in der Wüste herangewachsen und es eroberte sich sein Kanaan. Es erkämpfte sich das Land der Väter und behauptete es gegen seine Feinde, die zahlreich waren, tückisch und hinterlistig. Das er?\e Fest, das die Nation in Kanaan feierte, war das Pessahfest, das Freiheitsfest, und die Freiheit feierten die Ibrim, die Wanderer, am liebsten. Im fremden Lande konnten die Harfen Zions nicht mit der feierlichen Lieblichkeit erklingen, wie in der Heimat, dem Lande der Freiheit. Mit Babel beginnt das Goluth. Es hieße die ganze Geschichte des jüdischen Volkes schreiben, wollten wir es auf seinen ferneren Wanderzügen begleiten. Das zieht immer bald von Ost nach West, bald von West nach Ost. Sombart, über den man denken mag, wie man will, hat dies, in seinem umfangreichen Werke, für uns Juden einer neuen Zeit trefflich ausgeführt, Aber schon bei der Wanderung Judas von den Ufern des Euphrats nach denen des Jordans, die ihnen Kyros gestattete, bemerken wir einen kennzeichnenden Zug. Wie wenige verließen die alten, luxuriösen Kulturstätten, die großen mächtigen Hauptstädte, um sich nach der alten, einfachen Heimat zurückzubegeben. Es waren die Armen, die Enterbten, die unter Seruhabels und später unter Esras Führung, das alte Erbe der Väter wieder aufsuchten. Aber sie wurden von den Zurückgebliebenen unterstützt und kräftigst gefördert. Gilt dies auch von den Wanderungen, den Zügen unseres Volkes heutigen Tages? Die Armen, die Belasteten, die Müden, sie wissen nicht, wohin. Und die Satten, die Befriedigten, die sich sicher Fühlenden erkennen sie auch, wie ehemals, ihre Pflicht, den armen, wandernden Brüdern helfen zu müssen? Glauben die Glücklicheren unter uns, ihre Pflicht erfüllt zu haben, wenn sie den armen Ibrim ein Almosen hinwerfen, nicht genug, um das Elend eines Tages zu mildern? Da streiten und zanken wir untereinander, bieten unseren Gegnern das schmachvolle Bild eines zerklüfteten Volkes, als spräche noch immer der alte Human von dem Volke, das eins sein will, und doch „zersprengt und zerstreut ist". Es fehlt uns der große Zug, die starke Initiative, die anfeuernde Energie. Im Elende schmachten hunderttausende unserer Brüder, wo aber ist der Kräftige, der Starke, der diesen Massen hilft, der die große Tat oder den starken Willen offenbarte, auch für diese Volksgenossen zum Befreier, zum Erlöser zu werden, auf daß sie ein fröhliches Pessahfest feiern könnten! Auf die Tage glorreicher Vergangenheit weist das Pessahfest zurück, auf die Bedrückungen und Befreiungen, die Israel im Laufe der Jahrhunderte erlebten, in Rom und Spanien, in Frankreich und Deutschland, in Polen und Rußland. Aber P e s s a h ist auch das Fest der Zukunft, wie die alte Agadah und die alten Piutim schon künden. Und, da ist es wohl an der Zeit, daß auch w i r uns um die Zukunft unseres Stammes kümmern, weniger darüber philosophieren, sondern, tatkräftig eingreifend, ihr vorarbeiten und sie mächtig fördern Primum vivere deinde philosophari. Das Leben geht aller Philosophie voraus. Darum streiten wir uns weniger um „die Zukunft des Judentums", sondern sorgen wir dafür, daß sich diese Zukunft zu einer erträglichen, zu einer, glücklichen gestalte. Es mag ja der Ausblick auf unsere Zukunft sich frübe genug für den aufmerksamen Beobachter der Gegenwart gestalten. Die alten Ideale, welche das Judentum aufrecht erhielten, beginnen bedenklich zu wanken; wer würde dies leugnen? Formen.und Formeln, an denen sich noch manche von uns festhallen zu können glauben, verlieren bei der großen Menge unserer Jugend den Wert, den sie für ein älteres Geschlecht besaßen. Eine neue Zeit pocht ungestüm an unsere Pforten. In jüdischen Volkskreisen spricht man viel von dem Notstande in Galizien und von der bedenklich werdenden Auswanderung der Juden. Soll diese Wanderung eine regellose werden oder m sichere Bahnen und fest abgegrenzte Geleise gelenkt werden? Wir denken, die Frage sei nicht schwer zu beantworten. Aber „das Wie" und „das Wohin" bieten desto schwerere Lösungen. Eine große Aufgabe stellt die Geschichte unserer Tage an die Besitzenden, mögen sie sich der Pflichten des Besitzes und des Besitzers bewußt werden. Zersplittern wir unsere Kräfte nicht. „Eins tut not", seien wir auf die tiefere Bedeutung dieses Satzes bedacht „Die Zukunft des Judentums". Unberufene beginnen sie zu bezweifeln. Denn man beschäftigt sich heute viel mit uns und macht mit dieser Beschäftigung kein schlechtes Geschäft. Aber, die Frage, die hier aufgeworfen wird, kein Statistiker, kein Soziologe wird sie für unberechtigt halten. Mischehen, Degeneration, Abnahme der Geburten und der feige Abfall, alle diese bedenklichen Erscheinungen trüben den Ausblick auf unsere Zukunft sehr. Und dazu kommt das soziale Elend in den weitesten Schichten unseres Volkes. Nur, wer absichtlich seinen Blick von diesem abwendet, wer sich begnügt, schön zu reden oder schöne Reden anzuhören, mit Ausdrücken, wie Mitleid und Wohltätigkeit zu glänzen, über das Judentum im Frack und obligater weißer Krawatte bei reichbesetzten Tafeln, nicht bei „ritueller" Mahlzeit (denn über diese Vergänglichkeiten sind die Kinder unserer Zeit, die es herrlich weit gebracht haben, längst hinaus) zu philosophieren", kann sich über das täglich größer werdende Leid des Volkes der Ibrim täuschen. Von diesen satten, übersättigten Herren, mit den gleißenden Worten, wird keine Hilfe kommen, noch weniger von ihren „Damen" mit den Brillanten, großen Hüten und teueren, allzu teueren Toiletten. Für diese ist das Judentum eine Art Sport, eine Last, die man