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Neue Nationalzeitung · 1912-04-05 · Heft 7 (5.4.1912) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 7 (5.4.1912)
Date
1912-04-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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N&15 NmiONftL-ZEIGüNG XIV. JAHRGANG. WIEN, 5. APRIL 1912. Nr. 7. Pessah. Eine moderne Betrachtung. Dr. Moses Ahronsohn. Ein merkwürdiges, ein welthistorisches, ein wunderbares Volk hat man uns genannt. Es wäre interessant, alle Urteile, seit unseren Propheten, den Griechen, Römern, Kirchenvätern bis auf Schopenhauer und Nietzsche, zusammenzufassen, die über uns gefällt wurden. Eine sehr bunte Karte käme zum Vorscheine. Was ist nicht alles über uns gesagt worden! Dichter und Denker, Geschichtsschreiber und Philosophen sahen in uns das Volk, vom dem das Heil, aber auch die Hölle kommt, sie würdigten in uns die Nation, die der Menschheit das Paradies erschlossen, in dem aber auch die alte Schlange nicht fehlte., diese erste Hegelianerin, wie sie Heine nennt, die über das Erkenntnisvermögen, über das „Ich", Gut und Böse, zuerst philosophierte. Doch lassen wir jetzt solche Betrachtungen, die immer etwas Graues an sich haben. Denn Pessah liebt die blaue Farbe, das helle Licht, dies Fest, es brachte die Helle auch in die finstere Ghettostube. Licht, Leben, Freude, Freiheit künden diese Tage, welche die Zeiten unserer ruhmreichen Vergangenheit an uns vorüberrollen lassen, unseren Blick auf die Gegenwart richten, aber auch der Zukunft unseres Stammes immer geweiht waren. Pessah zeigt ein Janus-Antlitz — das eine zugewendet der ewig still stehenden Vergangenheit, das andere gerichtet auf die Zukunft, die bedächtig herangezogen kommt. Nicht vo*n dem welthistorischen, dem merkwürdigen, dem wunderbaren Volke laßt uns am P e s s a n reden, sondern von den Ibrim, wie sie die fremden Völker nannten, unter diesen auch das Volk, das die Pyramiden erbaute und das von den Pharaonen beherrscht ward. Ibrim, vielleicht gleichzusetzen der hieroglyphischen Bezeichnung Apurrn, heißt aber Wanderer. „W ander n", das ist das Geschick unseres Stammes. Schlaget das „abenteuerliche" Büchlein mit seiner seltsamen Mischung von „kuriosen" Sagen, Legenden, Erzählungen, Gebeten, Dichtungen auf. Leset in der Agadah, wie sie die Wanderung unseres Stammes von Abraham bis Jakob schildert. Das alte Mesopotamien, das kleine Kanaan und das gewaltige Mizraim bilden die Etappen dieser Wanderung. Und dann geht es wieder zurück vom Pyramidenlande, nach den alten Weidenplätzen, auf denen schon die Heerden der Patriarchen friedlich grasten, nach den Triften Kanaans, und von hier wieder nach dem übermächtig gewordenen Babylon. Welche Veränderungen waren in diesem Wanderervölkchen inzwischen vorgegangen! Welch' ein Bild von diesen Veränderungen entwirft das Buch der Bücher! Aber immer war es das ganze Volk, Hoch und Niedrig, Reiche und Arme, Propheten und Viehtreiber, die dasselbe Geschick teilten. „Wer sind die", fragt hämisch der Pharao, „welche aus Aegypten ziehen sollen?" Und stolz erwidert der Volksmann, der einzige Volksmann, den die Geschichte kennt, der Befreier und Führer Moses: „Mit unseren Jungen und Alten wollen wir gehen." Wir alle, alle teilen dasselbe Geschick, folgen dem selben Gotte. Ein wunderbares Bild starker Eintracht, unbeugsamer Energie! Da gibt es kein Feilschen, keine Opportunitätspolitik, da belästigt uns nicht das widerliche Bild gekrümmter Rücken. Der Stolz des Volksmannes spricht zum Uebermute eines Pharao. Kraft, überschäumende Kraft, die im Boden des Nationalgefühls ihre starken Wurzeln ausbreitet, redet aus Mosis Worten. Er wußte es, die ganze Nation stand hinter ihm. Und was ein Volk vermag, das zeigt die

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