Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 6 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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- Minsk 1× ep/1000754
- Soroca 1× ep/2063172
- Tunis 1× ep/1048155
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Nr. ö „Neue National-Zeitung" Seite 7 digkeit ein, die große Verantwortung mit anderen berufenen Männern zn teilen, und hoffte zugleich sein Unternehmen eine lange Dauer zu siehern. Er gründete deshalb im Jahre 1891 in der Form einer englischen Aktiengesellschaft die „Jewish Kolonisation Association ', gemeinhin kurzweg „ICA" genannt, indem er mit Ausnahme einiger Aktien, welche die nach englischem Gesetze erforderlichen Gründer bezahlten, das gesamte Aktienkapital von 2 Millionen Pfund Sterling aus eigener Tasche hergab. Später vermehrte er das Kapital der Gesellschaft durch eine sehr bedeutende Schenkung, deren Zinsen allein verwendet werden dürfen. Die Aktien der ICA verteilte Baron Hirsch unter die Gemeinden: Berlin, Frankfurt a. M., Brüssel, Paris und London, deren Vertreter nebst ebensoviel von den Aktionären gewählten Mitgliedern den Verwaltungsrat der Gesellschaft bilden. Die Wirksamkeit desselben l.egann in Oktober 1896, nach dem Tode des Baron Hirsch, der im April desselben Jahres in voller Manneskraft — kaum 0*5 Jahre alt — au.« dem Leben geschieden war. Der Oonseil, dessen Mitglieder ihr Ehrenamt, mit größter Hingebung bekleiden, begann nun eine weit&USgreifende Tätigkeit, deren Vielseitigkeit überraschen müßte, wenn sie nicht durch Umstände geboten wäre. Nicht nur für die Fortsetzung und Ausdehnung des Kolonisation«- und Emigrationswerkes galt es Sorge zu tragen, es wußten Institutionen ins Leben gerufen werden, um die russisch-jüdische Bevölkerung für ihre neuen Berufe vorzubereiten, den bereits jenseits des Ozeans angesiedelten Elementen mußte hilfreiche Hand zur Festigung ihrer Ackerbau- und Gewerbetätigkeit geboten werden. So enstamlen im eigentlichen Rußland und in Russisch-Polen die Ackerbauschulen und Muster- 1 armen von Minsk, Novo-Pultawka, Soroki, Orscha, Czenstoniew und O-enstoehown. so an die vierzig Gewerbe- und Handwerkschulen für Knaben und Mädchen in den beiden Gebieten, wo Mechaniker, Schlosser, Tischler, Weber usw. herangebildet, wo nahezu dreitausend Zöglinge der produktiven Arbeit zugeführt werden. In den Ackerbaugebieten (Bessarabien, Uherson, Ekaterinoslaw) wurden durch planmäßige Meliorationsarbeiten, durch Errichtung von Produktiv-Genossenschaften und Leihkassen, von Volksschulen und Fortbildungskursen neue Kultur, neue Arbeitsgebiete geschaffen, deren segensreiches Wirken von ausgezeichneten Fachmännern, besonders von Herrn Eugen Tisserand, dem früheren Generaldirektor der Landwirtschaft in Frankreich, voll anerkannt wurde. Heute kann man ohne Ueberhebung von den Ergebnissen der Tätigkeit der „ICA1, mit Genugtuung berichten. Tn Argentinien hat sie über eine halbe Million Hektar erworben, deren größter Teil bereits besiedelt ist. Es leben dort als Bauern, die mit eigener Hand den Boden bestellen, über zwanzig tausend Seeion, die einem stetig steigenden Wohlstande entgegengehen. Das in Argentinien herangewachsene neue Geschlecht ist in guten Schulen herangebildet (nahezu 50 Schulen mit fast 4000 Zöglingen) und zeigt im Auftreten nichts mehr von den furchtsamen, dem russischen Polizeimann mit scheuem Blick ausweichenden Jünglingen: es sind unabhängige, robuste, stolz zu Pferde sitzende, dem neuen Lande ergebene, an Grund und Boden hängende Männer, die. aus brachgelegenen, menschenleeren Ebenen blühende Ackergebiote, schön aufstrebende Gemeinwesen geschaffen haben. Die bedeutendsten dieser Kolonien sind: Mosesville in der Provinz Santa-Fe, Clara in Entre-Rios, Mauricio und Baron Hirseh in Buenos-Ayres. Ein Besuch in diesen volkreichen Niederlassungen ist von hohem Interesse. Schon in den frühen Morgenstunden sieht man die männliche Bevölkerung mit den gut bespannten Pflügen anfs Ackerland hinausziehen, während Frauen und Mädchen die Milchkühe im Xoral füttern und melken, um dann die milchgefüllten Eimer auf die Wagen der von englischen und argentinischen Unternehmungen gegründeten Molkereien und Buttelfabriken zu laden. In den Morgenstunden ziehen die Kinder teils in gemeinschaftlichen Stellwagen, teils hoch zu Rosse in die Schule, wo sie den Tag über bleiben und mittags in einem saubergehaltenen Refektorium ihr Essen erhalten. Unterdes weiden die Pferde auf den Wiesen, welche die Sehnlgebäude umgeben. Jede Schule hat ihren großen Garten, in w«lehein die Kinder Gärtnerarbeiten obliegen. Die Gemeininteressen der Kolonie : Wegbauten, Krankenhaus, Einkäufe für die Ernte, Preisfeststellung für die Dreschmaschinen usw. werden in den Genossenschaften beraten, deren Leitung von den Kolonisten frei gewählt wird, und deren praktische Wirksamkeit viel zum Aufblühen der Kolonien beiträgt. Die Jugend, voll Eifers auch für ihre Fortbildung nach Verlassen der Schule, findet in den öffentlichen Bibliotheken gutgewähltes Lesematerial und weiß die Landesfeste so anziehend und erhebend zu feiern, daß bei solchen Anlässen die gesamte Umgebung sich in den Kolonien versammelt. Die ,}ung< Generation ist des Spanischen vollkommen mächtig, und schon ist aus ihrer Mitte ein talentvoller spanischer Novellenschreiber erstanden, dessen Erzählungen durch ihren rührendschlichten Ton fesseln. Daß trotz dieser Erfolge noch manches zu ergänzen und nachzuholen ist, wird niemanden überraschen, der die Schwierigkeiten kennt, die jedes Kolonisationswerk zu überwinden hat, den Aufwand an Zeit und Geld, die jede solche Unternehmung fordert. Man erinnert sich nur an die langsame Entwicklung der Kolonisation in Algier und in Tunis; auch die Erfahrungen im östlichen Posen sprechen hierfür. Wer kann sich wundern, daß es in den jüdischen Bauernkolonien noch manche Unzufriedene gibt, daß nicht alle in dem neuen Lande lind dem neuen Lebensberufe das finden, was sie erwartet haben und darüber Klage führen! Oft verzehren die gleich schweren Wolken heranziehenden Heuschrecken einen großen Teil der Ernte, Viehseuchen dezimieren die Herden, der wilde Pampero-Sturm zerstört gar manchmal die Behausungen, aber schon haben die Kolonisten diese Plagen ihrer neuen Heimat teils bekämpft, teils ertragen gelernt und ein wenisr von jenem Gleichmut der Seele erworben, der in diesem Berufe unumgänglich notwendig i^t. — Daß selbst russische Fachmänner die Erfolge des Kolonisationswerkes anerkennen, ist aus jenem fast dithyrambischen Berichte zu ersehen, den Herr Krukoff, ein hochgestellter Beamter des russischen Ackerbauministeriums im „Wiestnik Europy" über jenen Besuch in den Kolonien veröffentlicht hat. Auch in den Vereinigten Staaten Nordamerikas, wo die JGA in trefflich organisierten Gesellschaften hilfsbereite Mitarbeiter besitzt, bis lern nach Dakota bin, wo nach Longfellows wundervoller Dichtung .,Lachend Wasser" zu Hause war. haben sich in fast allen Gebieten der Union nach Tausenden zählende Gemüsegärtner sowohl wie auch Getreidebtiucrn angesiedelt, im fernen Westen Kanadas sind viele hundert Familien auf von der Regierung dargebotenen Homestaeds mit steigendem Erfolge tätig, in der Südproviuz Brasiliens in Rio Grande do Sul sind Kolonien im ersten Entwicklungsstadium, in (Typern und Kleinasien kleine Gruppen von jüdischen Ackerbauern zu finden, so daß von einer wirklichen Rückkehr der Juden zur Bodenbearbeitung, von einem Erwachen atavistischer Fähigkeiten und Neigungen in allen Regionen des Erdenrundes gesprochen werden kann. Die Bahn ist offen, die Verfolgten und Flüchtigen, wenn sie starke Arme und Arbeitslust haben, werden nun von selbst den Weg finden, der sie zum Heile führen kann. „Raum für Alle hat die Erde."