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Neue Nationalzeitung · 1912-03-22 · Heft 6 (22.3.1912) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 6 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue Na,tional-Zeitung" Nr. 6 Prof. Dr. Sigmund Sonnenfeld: Jüdische Bauernkolonien.*) Wer hätte es je gedacht, daß aus einer seit zwei Jahrtausenden von der mütterlichen Erde losgerissenen, allem Ungemach der Zeit und der Engherzigkeit der Menschen preisgegebenen Bevölkerung wieder bodenständige Bauern, Ml der Scholle hängende, nutzbringende Arbeiter sich entwickeln könnten? Als Baron Moritz von Hirsch, der dem bayrischen Hofbankhause entstammte, durch eigene Kraft zum Großfinanzier emporgestiegene hochbegabte Eisenbahn- Unternehmer nach dem Tode seines einzigen Sohnes und Erben, dem Beispiele der Peabody und Carnegie folgend, seinVermögen großzügiger Philanthropie zu widmen beschloß, war er sich selbst nicht recht klar, wie er seine edlen Intentionen werde verwirklichen können. Erst nachdem die von ihm in verschiedenen Städten Oesterreich-Ungarns errichteten Wohltätigkeitsbüros sich als unzulänglich und wenig zweckentsprechend erwiesen hatten, faßte er den Plan, die unter unsäglicher politischer und sozialer Bedrückung lebende russisch-jüdische Bevölkerung aus ihTei' jammervollen Lage zu befreien und sie in einem gastfreundlichen Lande anzusiedeln. Gleich den meisten, überraschende Erfolge aufweisenden Finanz mannen* glaubte er, der Besitz großer Mittel genüge, um die schwierige Aufgabe zu. bewältigen; das große volkspsychologische Problem, dessen Lösung gesucht werden mußte, scheint seinem hauptsächlich aufs Praktische gerichteten Blicke entgangen zu sein. Es war zu Beginn der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als durch schwere Verfolgungen große Scharen der jüdischen Bevölkerung Rußlands gezwungen waren, Haus und Hof zu verlassen und in den Nachbarländern Zuflucht zu suchen. Baion Hirsch glaubte allen Ernstes nicht nur die an den Grenzen Deutschlands und Oesterreichs der Befreiung und Rettung harrenden Unglücklichen einer neuen Heimat zuführen zu können, er war von dem stolzen Wahne erfüllt, die 4—5 Millionen im Zarenreiche ansässigen Juden in menschlich absehbarer Zeit aus dem neuen Aegypten hinaus und in ein neues gelobtes Land führen zu können. Er wurde auf das schöne fruchtbare, gastfreundliche Argentinien aufmerksam gemacht und hatte es zur Zufluchtsstätte ausersehen. Dorthin sandte er eine aus dem deutschen Arzte Dr. Wilh. Loewenthal, dem englischen Ingenieur Gullen und dem belgischen Obersten Vanvinckeroy bestehende Studienkommission, um die klimatischen und Bodenverhältnisse der großen Republik zu erforschen und *) Nach zwanzigjähriger Leitung der JCA hat sich Herr Dt Sonnenfeld in den Raiilüestand zjuirüickges'Ofgen. Sein -Wum-selh, als VeTwalfoiingsrat zu den Arbeiten der JCA weiterhin herangeznteen m werden, wurde zwar nicht erfüllt, ■loch wurde ihm gestattet, von seinem nuaioaiehrigen Wohnsitz in Budapest fallweise zu den Sitzungen des Kuratoriums nach Paris zu konrnion. Die österreichischen Juden haben keinen Anlaß, dem Herrn Direktor Dr. Soainenfeld eine IVäne nachzuweinen. Er hat für djp armen Juden im Gtafeien gar nichts igetan. Die pauir Kassen, dde in Graliziem gegründet wurden, sind ein hingeworfenes Bettelgp-ld im Vergleiche zu dem Riese-nvermögein tief JCA und ml den großen Soiibventi'0<nen. die für Tussistfh-jüdriisohe Zwecke verausgabt wurden. In obigem Artikel. den wir der van Prof. Ludwig 8 t e ii n vorzüglich redigic.i L h Zeitschrift, »»Nord' und Süd" entnehmen, sclhihiedt Dr. So-nnenfeld den Werdegang d*GT Baron Hir&dh'schen Ackerban-KolrttiieTi in Aatgientinien. Die Bezek-hinumg „Jüdische" RauernkoloTiien ist widhil nicht am Platze: sie werden dem Judentum entfremdet und ..spanische Kultur" heißt der Geßlerhut. den dort die JCA aufgerichtet hat. Das Kuratorium der JCA übernimmt eine schwere Verantwortung, indem es diese Kolonien von dem XusaiDMneiiihßnge mit dem jüdischien VolksioirgianisjDJUS Jioslöst. Die Redaktion. ihm darüber Bericht zu erstatten, ob man dort die jüdische Landbevölkerung Rußlands in Ackerbaukolonien unterbringen könnte. Der Bericht lautete günstig. Argentinien mit seinen fast 3 Millionen Quadrat-Kilometern ist ja nahezu sechsmal so groß wie Deutschland und zählte damals (1800) nicht mehr als ungefähr 0 Millionen Einwohner. Da war also Raum genug. Aber wenn man selbst nur die wahren Ackeruauprovinzen Argentiniens (Buenos-Ayres, Santa-Fe und Entre-Rios) mit gemäßigtem Klima ins Auge fassen wollte, so konnte man immer noch auf eine Ausdehnung von 517000 Quadrat-Kilometern rechnen, also auf ein Gebiet, das fast so groß wie Frankreich (-130000 Quadrat- Kilometer) ist. Dazu fruchtbarer Boden, gutes Trinkwasser und günstige Verkehrsverhältnisse. Die Bodenpreise waren damals noch sehr mäßig und für 40 bis 50 Mark konnte man einen Hektar guten Ackerbaulandes kaufen, besonders wenn man große Strecken zu erwerben die Mittel besaß. Die argentinische Regierung war auch von den besten Intentionen für die in Aussicht gestellten Einwanderer erfüllt und versprach, dieselben gastfreundlich aufzunehmen. Sie hat dieses Versprechen redlich gehalten, und es gereicht mir zur aufrichtigen Freude, dies hier mit vollem Danke bestätigen zu können. Um in Rußland den Weg für die Auswanderer zu bahnen, erwirkten die Notabein Israeliten von St. Petersburg einen kaiserlichen Ukas welcher die Emigration gestattete und ein Zentralkomitee ernannte, dem die Oberaufsicht über die Aktion in Rußland oblag. Baron Horace von Günzburg war der erste Präsident dieses Komitees, das noch heute mit größtem Eifer und hingebnugsvoller Arbeit die Wohlfahrt der Glaubensgenossen zu fördern bestrebt ist. Die einleitenden Schritte an den beiden Endpunkten waren nun getan und es hätte einer geraumen Spanne Zeit bedurft, um das Werk in planmäßiger Weise vorzubereiten. Jedoch der Not gehorchend, wurden schon im Juli 1891 aus der großen Masse der Flüchtlinge einige Hunderte Auswanderer nach Argentinien geschickt, ohne daß dort die nötigen Maßnahmen zu deren Empfang und Ansiedelung hätten getroffen weiden können. In aller Hast wurde ein Landgebiet von 25.000 Hektaren in der Provinz Buenos- Ayres angekauft — die jetzige Kolonie, Mauricio — wo die Ankömmlinge in Zelten untergebracht werden mußten. Monatelang kampierten die nicht eben erlesenen Elemente, welche vom Ackerbau nur geringe Ahnungen hatten, im Freien, ohne daß man absehen konnte, wann aus diesem Wirrwarr sich eine auf gesunder Basis aufgebaute wirkliche Ackerbaukolonie werde entwickeln können. Hier setzte eben das volks-psyehologische Problem ein, zu dessen Lösung finanzielle Mittel und ein starkes Wollen nicht genügen. Es mußte der Weg gefunden werden, Avie aus nervösen Stadtmenschen, aus Leuten, die gewohnt waren, den Erfolg ihrer Arbeit spätestens am Wochenende zu sehen, geduldige, die Ernte ruhig abwartende Bauern herangebildet weiden könnten. Und sagen wir es gleich, ein gutes Jahrzehnt war dazu erforderlieh, bis man die besseren Elemente nach und nach an den neuen Beruf fesseln konnte, ferner in Rußland an die Landwirtschaft gewohnte, in dem von Kaiser Nikolaus I. gegründeten jüdischen Kolonien — Bessarabien, Cherson und Ekaterinoslaw — und in den Nordwestgouvernements an alle Entbehrungen gewöhnte Feldarbeiter auswählte, die sich in überraschender Weise in der neuen Heimat zurechtfanden und heute zu den besten Ackerbauern Argentiniens zählen. Sie erhalten aus der alten Heimat stetigen freiwilligen Zuzug, und man braucht nunmehr keine Kolonisten in Rußland selbst zu rekrutieren. Die in der ersten Zeit fast unbesiegbar sich zeigenden Schwierigkeiten erweckten in dem Begründer des Werkes bange Zweifel an dem Gelingen und er sah die Notwen-

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