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Neue Nationalzeitung · 1912-03-22 · Heft 6 (22.3.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 6 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 6 Von dem in der „Neuzeit" 1903, Nr. 41, erschienenen eingehenden Leitartikel wollen wir ganz absehen; dagegen länger bei der Philippsonschen „Allgemeinen Zeitung des Judentums" verweilen, da sie manches Licht über die derzeit im Judentum herrschende Theologie und speziell über ihr Verhalten dem Verfasser der „Geschichte der jüdischen Apologetik" gegenüber verbreitet. In Nr. 3 des J. 1904, veröffentlicht hier der Karlsbader Rabbiner Dr. J. Ziegler eine Rezension über das Friedländersche Buch, in der es zum Schlüsse heißt: „Wir wollen hoffen, daß Friedländers „Geschichte der jüdischen Apologetik" die verdiente Würdigung allenthalben finden werde und daß dem Manne, der als jüdischer Gelehrter seit Jahrzehnten beinahe einsam die verschlungenen Wege des griechisch-jüdischen Schrifttums wandelt, um sie zur Ehre des Judentums für alle Welt gangbarzu machen, recht bald tüchtige, strebsame Jünger folgen werden . . Hier wird also im Vorbeigehen gegen die herrschende jüdische Theologie der Vorwurf erhoben, daß der Verfasser der „Geschichte der jüdischen Apologetik" noch gezwungen sei, seine „verschlungenen" wissenschaftlichen Wege einsam zu wandern. Warum er aber so vereinsamt auf diesem wissenschaftlichem Leidenswege ist, das wurde schon früher von diesem selben Karlsbader Rabbiner in demselben Blatte klipp und klar auseinandergesetzt. In Nr. 20 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom Jahre 1903 veröffentlichte nämlich Doktor Ziegler einen vielvermerkten Artikel: „Neue Bahnen für die jüdische Wissenschaft". In diesem Artikel greift er, der selber seine theologische Ausbildung in einem Rabbinerseminar genossen, die Rabbinerseminare heftig an wegen der verhängnisvollen Einseitigkeit, der sie verfallen und welche sie und die in ihnen ausgebildeten Rabbiner völlig unfähig mache, das Judentum vor den gegnerischen wissenschaftlichen Angriffen in Schutz zu nehmen. Das ganze Bestreben der christlichen Gelehrten, sagt er, gehe dahin: die Minderwertigkeit des Judentums zu erweisen; was da an willkürlichen Mißverständnissen, an Entstellungen, an absichtlichem Verschweigen und Uebergehen, an Hohn und Spott geleistet werde, sei leider nur den tiefer Blickenden bekannt. Was nur halbwegs das Judentum neutestamentlicher Zeit zu diskreditieren geeignet, werde da aus dem Zusammenhang gerissen, einseitig erklärt und gedeutet, was ihm dagegen zum Ruhm gereiche, werde widerwillig unter tausend Einschränkungen zugestanden und ihm jede Bedeutung abgesprochen, was umso wichtiger sei, als auf diesem Judentum neutestamentlicher Zeit die religiöse Entwicklung unseres heutigen Judentums fuße. „Wie verhalten sich nun" — so fragt Rabbiner Ziegler — „unsere Gelehrten zu dieser Bewegung, wie erziehen unsere Rabbinerschu1en das kommende Gelehrtengeschlecht im Hinblick auf diesen für das moderne Judentum wichtigsten Gegenstand?" Die Antwort lautet trostlos genug: „Ich suche" — sagt Dr. Ziegler u. a. — . aber in den Lehrplanen (der Rabbinerseminare) vergebens nach einem Kurs über die religiöse Entwicklung des Judentums. Wir haben unglückseligerweise unsere ganze Liebe dem mittelalterlichen! Juden tume geopfert . . . Ist es nicht geradezu ungeheuerlich, daß den meisten modernen jüdischen Rabbinern die pseudepigraphische und apogryphische Literatur, Philo und Josephus, der ganze jüdische Hellenismus kaum recht gewürdigte Dimensionen sind, daß der ganze Talmudunterricht nur in öder Buchstabenkritikbesteht? Seit einem halben Jahrhundert wirken unsere Seminarien, und sie haben uns noch keinen großen Theologen gegeben! Und wenn schon ein Mann, wie der geniale M. Friedländer in Wien, dessen Werke ich den Kollegen nicht warm genug empfehlen kann, mit brennenden Worten die jüdischen Gelehrten auf den rechten Pfad führen will, wird er von der Zunft totgeschwiegen . . ." Da haben wir's nun: Friedländer wurde seit Anbeginn v oi n der „Zunft" t o t g egeschwiegen, weil er nicht zu ihr gehört, weil er nicht auf ihrer Meister Worte schwört, weil er seinen eigenen gradlinigen Weg geht, unbekümmert um die Tagesströmungen, unbekümmert um das Gemurmel von rechts und links, weil er die alten und ältesten Quellen mit eigenen Augen ansieht und nicht mit jenen in alten Anschauungen versunkener, jüdischer und christlicher Theologen und weil er nicht kleine und kleinliche Fraktionen verknöcherter Rückständigkeiten, sondern stets das große Ganze im Judentum in seinem Zusammenhange mit der Weltgeschichte im Auge behält. Und wer ist die „Z u n f t", die Herr Dr. Ziegler bei diesem Streben hemmend im Wege findet? Nun, er sagt es offen heraus: es ist die heutzutage dominierende Seminartheologie, es sind die Rabbiner, die sie in die Welt setzt; andere jüdische Gelehrte gibt es doch zum großen Schaden der jüdischen Wissenschaft nicht mehr. Wir können von diesem Zieglerschen Artikel nicht scheiden, ohne des in unseren Tagen ganz besonders beachtenswerten Appells zu gedenken, den er an die Rabbinerschulen richtet: „Es wäre", so ruft er aus — „wahrlich hoch an der Zeit, zu erkennen, daß der Lehrstoff an den Rabbinerschulen auf ein höheres Niveau gestellt werden muß, daß er von großen, weitreichenden und weitausschauenden Gedanken und Prinzipien erfüllt sei, nicht von kleinlichem Kram und wertlosem Schablonentum. Unendlich viel steht auf dem Spiel: die Erhaltung der jüdischen Intelligenz für das Judentum. Dringend verlangt sie von uns Aufklärung über das Judentum, über das ganze Gebiet seiner Entwicklung, über sein Wesen, seinen Wert; noch zweifelt sie vielfach an der Glaubwürdigkeit der christlichen Theologie inbezug auf das Judentum, allzulange dürfen wir sie auf die richtige Antwort nicht warten lassen." So spricht ein Rabbiner im Amte, ein ehemaliger Seminarzögling! Sapienti satl S. S.

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