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Neue Nationalzeitung · 1912-03-08 · Heft 5 (8.3.1912) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 5 (8.3.1912)
Date
1912-03-08
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. ö FEUILLETON. Felix Hollaender (Berlin): L>ia 'Rosen.*) Um einviertel 10 Uhr betrat L i a Rosen das Podium. Es war im Oberlichtsaal der Philharmonie. Die Kauileute und die Industriellen waren schon ein wenig ungeduldig geworden. Aber dann betrat Lia Rosen das Podium. Und bevor sie noch die dünnen, fein geschwungenen Lippen geöffnet, ging ein Ahnen durch die Herzen der Menschen. Die Kaufleute und Industriellen, die sie geladen hatten, blickten baf3 verwundert auf das kindhafte Personellen. Sie trug ein schneeweißes Kleid, weH3e Glaces deckten die mageren Aenmchen bis über die Ellbogen, und unter den kleinen Brüsten, die nicht größer als Granatäpfel hervorlugten, hatte sie schneeweiße Blumen. Ihr Gesicht war sehr bleich, und ihre marmorweiße Stirn erschien mir wie ein holdes Wunder. Durch die Herzen der Menschen ging ein Ahnen. Sie rückte den Stuhl vom Podium fort — und las! Nie — nein, niemals habe ich etwas A e h n l i c h e s gehört. Sie las aus der Bibel. Von Simson und Dalila. Und ihre Züge waren so in Gram und Weh getaucht, daß den Hörern das Herz bis zum Halse schlug. Ihr zarter Körper erhielt plötzlich den Ausdruck einer starren Energie, die etwas Unheimliches hatte. Sie streckte den dünnen Arm weit vor, und dies Aermchen wirkte drohend, beängstigend, schien 'hart und wie aus Eisen gegossen. Dann zog eine feine Röte über ihr Gesicht, ihre Augen blitzten, funkelten und hatten eine Leuchtkraft, die unsagbar war. Die Menschen erlebten das Schicksal Simsons. Simsoiis Leidensgestalt stand in erschütternder Größe vor ihnen. Es folgte Andersens Märchen von der armen Mutter. Und die kleine Lia Rosen glich nun auf einmal einer mater dolorosa. Und alle Mütter und alle jungen Mädchen, die im Saale saßen, weinten unhörbar in sich hinein. Denn die kleine Lia Rosen war nicht mehr von dieser Welt. Das Leid der Mütter zitterte von ihrem leise geschwellten Mund, der einen Adel, eine Keuschheit ohnegleichen hatte. Es folgten Gedichte von Goethe — und nun glaubten wir im Saale, es sei Frühling geworden, alle Knospen seien unter einem linden Maienregen aufgebrochen. Die kleine Lia Rosen war ganz in Liebreiz getaucht; ein glückliches Lächeln lag auf ihrem Kindergesicht — und sie erschien so leicht, so wunderbar leicht, als gehörte sie gar nicht mehr zu uns, als schwebte sie zwischen Himmel und Erde. *) Lia Rosen (Rosenstock) hat. wiewohl ihr Vertrag noch nicht abg-elaiifen war, das Wiener Bur^theater selbst \^orlassen, weil man sie hinausgeekelt hat. Die kleine polnische Jüdin hatte keine mächtigen Freunde oder Protektoren: Baron Berger hatte für sie keine Holle. Lia Rosen tritt jetzt in Berlin auf. Mit welch großartigem Erfolge, schildert ein Essay, den wir dem „Berliner Tagblatt* entnehmen. Möge dies unser Abschioilsgruü sein an die große Künstlerin, die voll Verbitterung' der ..Stadt dpr Musen" den Rücken gekehrt hat. Die Redaktion. Die jungen Mädchen hörten ihre Pulse schlagen und die Kaufleute und Industriellen hatten vergessen, daß es in dieser Welt Geschäfte gab. Und jetzt las Lia Rosen „Edward" von Herder. Und ihr Gesicht strahlte eine Todesangst und eine Bösartigkeit aus, daß uns der Atem stockte. Diese Bösartigkeit, die hier nackt und ohne Hülle sicli offenbarte, schamlos möchte ich sagen, ist ein Kennzeichen des Genies. Und ein Genie ist dies arme, kleine Jude n m ä dchen, an dem. sich die Natur so arg versündigt hat. Sie würde eine der größten Darstellerinnen sein, wenn ihr Gott nicht diesen kleinen Körper gegeben hätte. Aber Gott ist gerecht über alles Maß, und so lieh er ihr diese Stirn m e, die himmlische Zartheit und höllische Wucht auszudrücken vermag, lieh ihr dieses Auge, aus dem tiefste Freude und letzter Schmerz zucken. Sei getrost, kleine Lia Rosen. Du wirst doch eine große Schauspielerin. Denn aus dir spricht Gott. LITERATUR UND THEATER Hans Kyser: T i t u s u n d d i e J ii d i n. eine Tragödie in 3 Akten. Verlag S. Fischer in Berlin 1!U1. Die erschiitternste Tragödie der Weltgeschichte, der Kntorgaiig eine* furchtbar um seine K\isfc;<z ringenden Volkes, des Volkes der Propheten, bildet den llintiM-jj-niiul zu dem Dra'nia des hoc hhe'-rahten Dichters, dessen Sprache mit fa-i fijfdfscher Kraft zu uni-' redet. Per Kampf zwoieii* Knanen um den ('ä<n r Titus ersteht v /r unserem irehloiidet-en Au-ire. Die verwi irfe-ne Rerenike. Airrippas Schwerer und lluhlerin. die -ich Tita-- an d n IIls wirft, sehen wir. und eine heldenmütige .luiiiin. die W'fewp eines mhi Titus llenkeisliaüd Gekreuzv-rteu. die es verschmäht, au dem Cäsar die Joel des Sisoiu. die .Judith des llolofernos zu werden. Der Cäsar lieht sie mit aller (Mut -eines Herzens. Kr will ihres Volkes -obou-on. wenn -io ihn erhört. Sie erhör.r ihn nicht, or entliif.1t -io. gibt ihr in einen) beutet 11 red für ihr hungerndes Vn!k. Dieses alter vermeint, hi dem Beutel des Cä<a>rs Kopf zu finden. Und es steinigit sie. dm sl*» ihm nur des Casars Hrod darbietet. Kiu irowailtiefer Geda.ihke i-t in diesem Drama mit genialer Wm-Iit lioliande't. Der l'erenike-Stuff hat liier einen ««ri.«"'-iie||eji Afeist ei* gefundei). Da- Drama ■müßte auf der Bühne elementar wirken. el meiita rer als Hebbels ...luditb". wenn — ja wenn es ein Verständnisvetlles Auditorium ii'üid ver-tändiu-e Interpreten fände. Knd es wäre schad'o. wenn T\ y s e r s Tragödie ein Buchdmimi. ein totgeborenes Kind bliebe. Gtfbt es kein Burgthoator. das diesem Werke einewürdico Auffiiiinnm- »rennte? Dr. M. Gfld. Dr. S. Horovitz. Dozent am j-iidisrh-theologischeii Seminar zu Breslau: ..D i o Ä t e 1 1 n n udes A r i s t o t e - Ifiü ho i d o n J u ii o n d e s M i fc t e 1 a I t er -'. (Falrntton herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Loipzitr. Huchhaudlung Gustav Fnck. G. m. b. II. tflll.) Im Muhmen eines ungemein knapp gehaltenen Vortrages wird in diesem Schriflch n ein höchst Uiinftrsstendes Thema behandelt. Je denn ni.it dem jüdischen Schrifthim des Afift-ela;! ters sich Beschäftigenden ist es bekannt. Welchen Einfluß der nroße irrierhische Denker, der Lehrer Alexanders des Großen, der Stagi-rite. auf die jüdische Philosophie des Mittelalters ausübte, wie er durch diese awh die ehristlieho Scleilastik eines Themav«>n Annitio und Albertus Magnus befruchtete^ Keiner hat seiner Metaphysik soviel zu danken, wie Maimlonitdes. dessen Moreh Xebucihnm" von der Aristoiteliseilen Gedkilriikenwelt üanz erfüllt ist. Ks wäre belehrend gewesen, wenn der Verfasser

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