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Neue Nationalzeitung · 1912-03-08 · Heft 5 (8.3.1912) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 5 (8.3.1912)
Date
1912-03-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite b Bewegung gesetzt wird, siebt durchaus im Einklänge mit der Ungeheuerlichkeit des ganzen Prozesses. Die rassische Schandjustiz tut ihr Möglichstes. Den Vorsitz wird der Gerichtspräsident von Kiew fuhren, die Anklage wird kein Geringerer als der Staatsanwalt von Petersburg Struve vertreten; der Familie des Ermordeten wurde gestattet, sich bei der Verhandlung durch zwei berüchtigte Antisemiten, den Advokaten Schmakow und den Dumaabgeordneten Zamislowsky, der kein Advokat ist, vertreten zu lassen. Sie werden für die Stimmung sorgen. Die Konturen der Verhandlung sind damit gezeichnet Die öffentliche Meinung wird auf ihre Tendenz bereits vorbereitet. Das erste antisemitische Hetzblatt „Nowoje W rem je" ist schon jetzt in der Lage, die in der Voruntersuchung von den Gerichtsärzten, Professor Sikorski und Professor Obolenski, abgegebenen Gutachten zu veröffentlichen. Beide erklären unumwunden, daß hier ein — „Ritualmord" vorliegt: dem Justschinsky seien bei Lebzeiten die Adern geöffnet, respektive durchstochen worden, damit er sich ausblute, dann sei er getötet worden. Wiewohl Professor Sikorski Psychiater ist und lediglich ein psychiatrisches Gutachten abzugeben hatte, wurde ein von ihm gar nicht abverlangtes Gutachten in der Voruntersuchung verwertet. Und trotzdem wird es allen diesen Huliganen im Talar und in der roten Robe nicht gelingen, den Kopf Bejlis' in ihrer Schlinge zu fangen oder das zu erreichen, was sie noch höher stellen: den Nachweis des Ritual nordes. Daß dieser Nachweis gerade in Rußland, der Heimat Chwolsons, nach dem Erscheinen seines epochalen Werkes gegen „Die Blutanklage und sonstige mittelalterliche Beschuldigungen der Juden" noch immer versucht und gesucht wird, das beweist wohl am beslen die kulturelle Inferiorität Rußlands. Der Prozeß gegen Bejlis wird diese Ansicht vor den Augen Europas noch bestärken, denn selbst in der Geschichte der Ritualmordprozesse gebührt ihm ein besonderes Kapitel. Während in allen Prozessen dieser Art, von Xanten und Könitz (Deutschland), Ritter und Hülsner (Oesterreich), Tisza-Eszlar (Ungarn) usw. die Anklagebehörden auf Grund von vagen Indizien, respektive von falschen Beschuldigungen gegen Juden vorgegangen sind, weil sie für die Schuld anderer Personen keine strikten Beweise hatten, wird in Kiew seitens der Staatsanwaltschaft die Ausfindigmachung der wirklichen Schuldigen verhindert und jedes nach einer anderen Richtimg führende Indiz u n l e r d rück t. So mußte der Journalist Brasil Bruschkowski in Kiew Monate hindurch warten, bis die Staatsanwaltschaft sein Beweismaterial entgegennehmen wollte, wonach Justschinsky als Mitwisser von Geheimnissen von seinen nächsten Verwandten ermordet wurde. Die Staatsanwaltschaft entschloß sich endlich, die Zeugen einzuvernehmen, sie erfuhr dadurch die Namen einer ganzen Verbrecherbande; sie hält aber trotzdem an der Täterschaft Bejlis' weiter fest. Die Verhandlung beginnt in den nächsten Tagen und sie wird zweifellos die gesamte Kulturwelt interessieren. WTir werden einen Kampf sehen, in dem der Koloß mit tönernen Füßen alle Mittel seiner richterlichen Gewalt aufbieten wird, nicht bloß um einen Unschuldigen zu strafen, sondern auch um entgegen den Bullen der Päpste, den Zeugnissen der Bischöfe, den Gutachten der theologischen Fakultäten und Professoren der Blutlüge den Stempel der Wahrheit durch die Geschworenen aufdrücken zu lassen. Wird ihm das auch gelingen? Die Verteidiger Bejlis' bezweifeln es. Sie sind ihrer Sache sehr sicher. Die Anwälte Gruzenberg aus Petersburg und M a rg o 1 i n aus Kiew haben nur bedauert, daß ihnen die russische Strafprozeßordnung nach Zustellung des Anklageakts lediglich sieben Tage zur Vorbereitung der Verhandlung, das heißt zum Studium des sehr umfangreichen Aktes sowie zur Stellung von Anträgen einräumt. Trotzdem haben sie diese Arbeit überwältigt. Sie haben die Vorladung von 190 Zeugen darüber beantragt, daß bestimmte Personen den Justschinsky ermordet haben; sie haben eine Reihe von hervorragenden Theologen und medizinischen Gelehrten namhaft gemacht zum Nachweis, daß es keinen Ritualmord gibt, daß die Juden kein Blut zu Ostern benötigen und daß die auf dem Leichnam vorgefundenen Verletzungen demselben erst nach dem Tode beigebracht wurden. Die Verteidiger erwarten von den Geschworenen ein gerechtes und damit freisprechendes Urteil . . . Ich habe Eines übersehen: Habe ich als österreichischer Staatsbürger, in dessen Vaterland Hülsner verurteilt wurde, das Recht, über Rußland den Stab zu brechen? Dr. Moses Ahronsohn t ^Religionsunterricht und T^eligionslehrer. Glossen zur Debatte über die Religions-Unterrichtsfrage. . . . „Denn oben wo Begriffe fohlen, Da stellt ein Wort zur rechten Zeit siel) ein. Mit Worten läßt sieh trefflich streiten, Mit Worten ein System bereiten ..." — Immer, wenn ich davon höre und lese, der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde beschäftige sich wieder damit, den jüdischen Religionsunterricht mit einer Reform zu bedenken, erinnere ich mich eines Arztes, der die Gewohnheit hatte, alle Krankheiten mit Kamillentee zu kurieren. So tun es auch die Patent-Pädagogen in der Wiener Kultus- Gemeindestube. Sie schreiben in ihren müßigen Stunden, deren sie, wie es scheint, viele besitzen, Broschüren, in denen ein Sammelsurium schätzbarer Lesefriiehte zu einer Medizin zusammengebraut wird, um dem notleidenden Judentum und dem noch mehr notleidenden Religiosunterrichte, wie sie meinen, aufzuhelfen, halten schöne, lange Reden — und der langen Reden kurzer Sinn ist: Die Abfallsbewegiiiig nimmt von Tag zu Tag zu, unserer Jugend schmeckt ollenbar der trockene Ton gewisser Pädagogen nicht — ergo, wenden wir Kamillentee an, ü. h. in gutes Deutsch übertragen: ändern wir den L r h r p 1 a n des Religionsunterrichtes, dann haben wir das Allheilmittel gefunden. Jetzt wird sich die Liste der „Ausgetretenen" verkürzen. Sie wird aber von Woche zu Woche länger. Der Kamillentee scheint also doch nicht zu helfen, und die Broschüren, wenn sie auch Paulscn ausschreiben und Ostwald zitieren, scheinen es noch weniger zu tun. Ks muß also doch nicht so sehr am Lehrplan für den Religionsunterricht liegen, wenn sich so viele Junge und Alte taufen lassen. Den vortrefflichen Ausführungen in der Nummer 3 Ihres Blattes: „I s t e i n n e u e r R e 1 i g i o n s-

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