Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1912-03-08 · Heft 5 (8.3.1912) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 5 (8.3.1912)
Date
1912-03-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2425679-2425857-2425863--2308-2428730
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 5 „Nette National-Zeitung" Seite S Zeuge und scharfer Beobachter uns darbietet; noch mehr jedoch jenes Kapitel, das sich mit den führenden jüdischen Persönlichkeiten unseres Vaterlandes befaßt. Aus der Zahl der führenden Juden im Deutschen Reiche hebt Nippold Abraham G e i g er und Moritz Lazarus hervor*). Geiger ist ihm der Rufer im Streite, D ö 11 i n g e r und Hase vergleichbar. „Im Unterschied von Geiger ist Moritz Lazarus vom Anfang an der Ireniker gewesen, darum aber auch schon früh steigender Sympathie innerhalb der di ristlichen Theologie begegnet." Nippold stellt „Geiger und Lazarus nebeneinander als typische Vertreter von Bestrebungen, in welchen ihnen noch viele andere zur Seite standen." (S. 596.) Nippold behandelt seinen Gegenstand mit bewunderungswerter Abgeklärtheit und steht dem Judentum nicht nur ohne jede Voreingenommenheit, sondern sogar sehr sympathisch gegenüber. Sein sehnlichster Wunsch ist, daß die gelehrten Theologen der verschiedenen Konfessionen ohne Gehässigkeit einander sagen, was sie sich zu sagen haben, da ihre Sache ja nicht besser werde, wenn sie die gegnerische herabwürdigen; daß sie die Schätze, die sie besitzen, einander enthüllen, um auf irenischem Wege der Wahrheit zu dienen, gemeinsam die herrschenden Vorurteile zu verscheuchen und Liebe statt Haß zu säen. Darum steht auch Lazarus weit näher seinem Herzen als Geiger, welch letzterem er gleichwohl sein oft aggressives Vorgehen liebevoll verzeiht, es mit der ihn beherrschenden gerechtfertigten Verbitterung entschuldigend und voll Dankbarkeit hervorhebend, daß er und die übrigen lernbegierigen christlichen Theologen viel von ihm gelernt 'haben. Das prächtige, Abraham Geiger und Moritz Lazarus gewidmete Kapitel ist so instruktiv, daß es wörtlich abgedruckt zu werden verdient; heute jedoch müssen wir uns damit begnügen, durch eine flüchtige Skizze die Aufmerksamkeit unserer Leser auf dies merkwürdige Buch zu lenken. Weit interessanter noch ist das Kapitel, welches die Wirksamkeit zweier jüdischer Gelehrter in Oesterreich behandelt (S. 610—626). Obwohl Nippeid mit unseren Verhältnissen weniger vertraut ist als mit den deutschen; er ahnt sie, sein durchdringender Blick trifft auch hier überall das Richtige, Aus den „führenden" jüdischen Geistern unseres Vaterlandes greift er zwei Persönlichkeiten heraus und stellt sie nebeneinander: Moriz Friedländer und Moriz Giidemann, Wie aber motiviert Nippold diese Nebeneinanderstellung? Lassen wir ihn selbst hierüber sprechen: „Nur in aller Kürze kann hier auf den allgemeinen Hintergrund der einzelnen Zeiterscheinungen hingewiesen werden. Denn im folgenden kommt es einfach darauf an, die Einwirkung jener modernen Strömungen**) auf das Judentum an zwei jüdischaDologetischen Werken zu exemplifizieren. Will's Gott, soll die gleiche Aufgabe in einer Reihe von Rezensionen weiter an die Hand genommen werden. Heute genüge es, die Geschichte der jüdischen Apologetik von M. Friedländer (Zürich 1903) und die *) Zunz füllt nicht mehr in den liahmen seines Zeitbildes. **) Aiis£?eiwi;n.^on von -den Cha.nihorfainischpn „OruwIk?cn de* 19. Jflln-hiMi'dprts". jüdische Apologetik von M. Güdemann (Glogau 1906) nebeneinander zu stellen. Die Verschärfung des Gegensatzes zwischen jüdischer und christlicher Theologie gerade in den letzten Jahren tritt nämlich bei dem Vergleich dieser beiden Bücher so drastisch wie nur möglich zutage. In dem älteren Werke (von Friedländer) haben wir die ruhige Forschung um ihrer selbst willen, die gleichmäßige Rücksicht auf alle Mitarbeiter, gleichviel, welcher Konfession sie entstammten, dagegen die völlige Nichtbeachtung aller Tagespolemik, der nicht einmal beiläufige Seitenblicke zuteil werden. — In dem neuesten Werke (Güdem-anns) dagegen zeigt sich ein durchgängiger Gegenstoß gegen eine Darstellung des Judentums, die zur Zeit die herrschende scheint, wenn diese Vorherrschaft auch gutenteils der Rücksicht auf Tages Strömungen und Tagesmächte ihren Ursprung verdankt." (S. 611 f.) Hiemit hat Nippold die beiden von ihm aufgestellten Repräsentanten der jüdischen Wissenschaft in Oesterreich scharf charakterisiert: Friedländer vertritt ihm die positive, die „ruhige Forschung um ihrer selbst willen"; Güdemann die ephem ä r e. So wiederholt er S. 628 nochmals, die Besprechung der Güdemannschen Apologetik abschließend : „Es ist eine vorübergehende Phase in unserer Theologie, gegen die seine Abwehr sich richtet" Dagegen verabschiedet er sich von dem Friedländerschen Buche wie folgt: „Mit warmem Danke für das, was die Friedländersche Monographie nicht bloß für den Augenblick, sondern viel mehr noch für die zukünftigen Wechselbeziehungen zwischen jüdischer und christlicher Theologie bietet, wenden wir uns nun zu dem Güdemannschen Buche. Das. Studium desselben ist nicht minder lehrreich, aber nach einer ganz anderen Seite hin" (S. 621). Aber auch auf intimere, uns bisher völlig unbekannte Einflüsse, die auf die Entstehung beider Bücher gewirkt haben und die manches zu denken geben, weist Nippold hin. Der Umstand, daß Friedländers Geschichte der jüd. Apologetik von der Zunz-Stiftung subventioniert, die Güdemannsche Apologetik, welche drei Jahre später erschien, von der „Gesellschaft zurFörderung der Wissenschaft des Judentums" herausgegeben wurde, bietet Nippold Anregung zu folgender Reflexion: „Ob die Tendenz der »Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums' eine andere ist, als die der Zunzstiftung, muß hier dahingestellt bleiben. Wir können nur feststellen, daß das Friedender'sehe Wenk von der Zunzstiftung unterstützt wurde, während die andere Gesellschaft (in der — allgemeine Mcde gewordenen Form der ,Grundrisse') eine Serie von Schriften als Grundriß der Gesamtwissenschaft des Judentums plant, dessen erstes Stück die Güdemann'sche Jüdische Apologetik' ist. Wie das Verhältnis der beiden Gesellschaften zueinander ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Aber persönlich scheint ein gewisser Gegensatz unverkennbar," Bestärkt wird Nippold in dieser Vermutung darin, daß Güdemann in seiner drei J ah r e nach

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.