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Neue Nationalzeitung · 1912-02-23 · Heft 4 (23.2.1912) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 4 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 4 Prof. Dr. Max Grünfeld: Zu Berthold Auerbachs 100. Geburtstage. (28. Februar 1912.) Richard Wagner, dessen 99. Geburtstag auf den 22. Mai dieses Jahres fällt und dessen 29. Todestag am 13. Februar dieses Jahres von der musikalischen Welt gefeiert wurde, erzählt in seinen berechtigtes Aufsehen erregenden Lebenserinnerungen, die unter dem Titel „Mein Leben" von seiner Familie herausgegeben wurden, folgende charakteristische Anekdote aus der Knabenzeit Auerbachs, mit dem er, während seiner Dresdner Kapellmeisterzeit, im Jahre 1844, in Verkehr trat. Bemerken wir zuvor, daß der Schöpfer des Musikdramas aufrichtig bekennt, er habe in Auerbach den ersten Juden angetroffen, mit dem er über das Judentum in herzlicher Unbefangenheit sprechen konnte. Das bedeutet für Wagner, der sich sonst der „Unbefangenheit'* Juden gegenüber wenig rünmen kann, sehr viel. Noch mehr aber für A u e r b a c h. Dieser war vielleicht der einzige Deutsche, der den Klopstockschen „Messias" vollkommen gelesen hatte. Man vergleiche damit Lessings beißendes Distichon. Eines Tages hatte sich der Knabe Auerbach in die Lektüre dieses religiösen Epos solchermaßen vertieft, daß er darob versäumte, zur Schule zu gehen. Als er nun, etwas spät, das Schulzimmer betrat, fuhr ihn der „humane" Lehrer mit folgenden Worten an: „Du verdammter Judenbub, wo hast du wieder herumgeschachert?" Wagner bekennt rein menschlich: „Solche Erinnerungen hatten ihn, Auerbach, nur wehmütig und nachdenklich gestimmt, nicht aber verbittert, und er hatte es vermocht, das rechte Mitleiden auch für die Rohheit seiner Peiniger zu gewinnen." Wir glauben, eine bessere Kennzeichnung des Charakters dieses Dichters, dessen Andenken von den Wogen einer neuen Zeit immer mehr verschlungen und verdunkelt wird, so daß er heute auch schon den nahezu Verschollenen angehört, konnte kaum gegeben werden und dies von einem Manne, der über seinen Umgang mit den Juden sehr wenig Liebenswürdiges erzählt. Fügen wir hinzu, daß Wagner aucli über Auerbach manches berichtet, was dessen Lebensbild zu trüben imstande ist. Nach der Erfahrung, die der ideal angelegte Talmudjünger schon in seiner Schulzeit gemacht hatte, begreifen wir es, wenn er „die Judenfrage" nicht einfach fahren ließ, wie es Wagner wünschte, vielmehr diesem versicherte: „in dem Judentum läge noch zu Vieles, was seiner ganzen Teilnahme bedürfe." Ein Dichter, der nicht, gleich Heine und Börne, den der „Juif de Francfort", mit welchem er betitelt wurde, das ganze Leben lang ärgerte, das Judentum hinwarf, sondern diesem treu blieb bis an sein Lebensende, dem die Kränkung über die antisemitischen Ausschreitungen, wie mit Recht behauptet wird, den Tod bereitete, ein solcher Dichter verdient es, daß wir Juden uns seines Geburtstages erinnern^ der in diesem Jahre zum hundertstenmale wiederkehrt, mag er auch nicht zu den Juden gehören, die wir als Nationale, in der heutigen Bedeutung des Wortes, bezeichnen, Es ist ein weiter Weg, den Auerbach, der ehemalige Talmudschüler von Hechingen, zurücklegte, seitdem er mit seinen Schilderungen des Amsterdamer und Breslauer Ghettos begann und mit seiner Erzählung „Brigitta", die im Jahre 1880 erschien, endete. Zum Rabbiner bestimmt, sprang der „jüdische Bauernbursche", wie ihn Wagner, possierlich genug, nennt, bald aus der Kutte und wandte sich philosophischen Studien zu. Der Talmud wanderte in seine bestaubte Ecke und an seine Stelle traten David Friedrich Strauss, Schelling, Daub. Aber dieser deutsche Jude ließ das Judentum nicht fahren. Den Rabbinatskandidaten von ehemals, der sich mit Spinoza eifrig beschäftigt hatte, zog die große Zeit des 17. Jahrhunderts mächtig an, da in der Amsterdamer Judengasse ein Manasse ben Israel, Uriel Acosta und der Größte der Großen, Baruch Spinoza, gelehrt und gewirkt hatten. Das „Ghetto" wollte er schildern und er ist in der Tat der Vater des Ghetto- Romans geworden. Im Jahre 1837 erschien sein Roman „S p i n o z a", der noch im Jahre 1880 seine neueste Auflage erlebte, als er mit dem Zusätze „Ein Denkerleben" herausgegeben wurde. Man hat dieses Werk scharf beurteilt. Es fehlt ihm natürlich die literarische Reife, die bei einem 24jährigen schwer vorauszusetzen ist. Die psychologische Vertiefung, die bei der Darstellung des spinozistischen Systems verlangt wird, ist in diesem Romane auch nicht zu finden. Was uns aber in allen diesen Schilderungen mächtig anzieht, anheimelt, das sind das jüdische Leben, die jüdischen Sitten, die der jugendliche Dichter mit einem Reize, einer Anmut und Einfachheit malt, welche die Erinnerungen an Heines unvergleichlichen „Rabbi von Bacharach" in uns wachrufen und den Wunsch erwecken, es möge dieses Werk zur Lektüre für unsere Jugend neu herausgegeben werden. Es kann nur als Folge dieses Romanes bezeichnet werden, daß Auerbach, der seit 1838 in Frankfurt lebte, hier die Uebersetzung der Werke Spinozas vollendete und sie mit einer kritischen Lebensgeschichte des großen Denkers herausgab. Der „Spinoza" ist aber nicht das erste Werk Auerbachs. Der Generalgewaltige der deutschen Literatur in der damaligen Zeit war Wolfgang Menzel, der große Juden- und Goethefresser, der gegen die Bestrebungen der jungen, deutschen Schule seine kritische Geißel schwang. In diesem literarischen Turnier, das Gutzkow, Laube, Heine in ihren Werken so lebhaft schildern und das die gesamte literarische Welt jener längst entschwundenen Tage in Aufruhr brachte, schwang der 23jährige jüdische Bauernbursche aus dem Schwarzwalde seine Waffe in der Schrift über „Das Judentum und die neueste Literatur". Der Deutsche zeigte auch hier, daß ihm ein warmes Herz für das Judentum schlug. Freilich hinderte ihn dies nicht, gelegentlich seinen jüdischen Glaubensgenossen tüchtig die Wahrheit zu sagen, w ie es im grauen Altertum auch die Propheten getan haben. Und es ist uns, als klänge aus dem Orkus der Vergangenheit eine Stimme in unsere Tage herüber, die ein mächtiges Echo in dieser unserer Zeit findet.

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