Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 4 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Der „Freihafen" von Theodor Mündt ist jetzt ganz verschollen und nicht minder Auerbachs „Tagebuch aus Weilbach", das in ihm, 1843, erschien. Aber die Worte, die er damals schrieb, verdienten auch heute beherzigt zu werden, denn, wie heißt es im „Buche der Sprüche"? „Angenehm sind die Schläge, die der Freund uns zufügt." Hören wir also, was damals Auerbach schrieb: „Widrig und ekelerregend ist mir das Benehmen einiger, wie es scheint, begüterter, jüdischer Mädchen; sie sind mit höchster Eleganz gekleidet und suchen in ihrem ganzen Benehmen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und sich als Vornehme zu dokumentieren. — Mich widerte an den hiesigen Erscheinungen besonders der Mangel an Einfachheit, an bescheidenem Selbstgenügen und innerer Ehre an; nicht nur bei ungebildeten Juden, sondern überall auf der Mittelstufe zwischen Naivität und Bildung macht sich eine Schein sucht geltend." Hier hören wir jenen Juden Auerbach, der zeitlebens ein guter Deutscher war, der es aber als Aufgabe der Gebildeten seines Stammes bezeichnete : „an der sittlichen und politischen Bildung der Juden zu arbeiten, ihre Gebrechen schonungslos zu bekämpfen." Seitdem sind nahezu 70 Jahre vergangen. Vom National-Judentum wußte man damals ndtah nichts. Auerbach, der infolge der Verfolgung der „Burschenschaft" auf den historisch gewordenen Hohenasperg sitzen mußte und so seine „treudeutsche" Gesinnung offenbarte, spricht in den angeführten Worten Gedanken aus, die ihn uns jetzt, 1912, da wir der hundertsten Wiederkehr seines Geburtstags gedenken, zu einem nationalen Juden stempeln. Diese Worte schrieb er in jenem Jahre 1843, das ihn zum berühmten Mann machte. Damals erschienen seine „Schwarzwälder Dorfgeschichten", die ihren Triumphzug durch ganz Europa machten, denn in alle Sprachen des Erdteiles wurden sie übersetzt. Die „Dorfgeschichte" ist keine Erfindung A-u e r b a c h s. Er hatte große Vorgänger: Albert Bitzius, besser bekannt unter dem Namen Jeremias Gotfhelf, Immermann. Aber zur klassischen Höhe brachte sie Auerbach. Und er fand große Nachahmer. Nennen wir nur den Namen Gottfried Keller und seine klassischen „Leute von Seldwyla". Was Auerbachs „Dorfgeschichten" auszeichnet, das führen die Literaturgeschichten an. Man spricht von naiver Empfindung und frischer Lebenswahrheit, die in ihnen zu finden sind. Manchmal stört die philosophische Reflexion, in der sich der Dichter nicht genugtun kann. Uns aber dünkt es, daß ein Zug echt jüdischer Gemütlichkeit durch diese ersten Bauernnovellen sowohl, als auch durch die späteren aus den Jahren 1848—1853, und 1856—1861 geht. Man lese nur „Barfüssele", das in alle lebende Sprachen übersetzt und von Vautier illustriert wurde, oder „Joseph im Schnee", Erzählungen, die unserer Jugend fast unbekannt sind. Sehr zu ihrem Schaden wendet sie sich neueren, modernen Machwerken zu, während ihr die kostbaren Perlen der Literatur, die für alle Zeiten erglänzen, fast unter der Hand entschlüpfen. Was ist unserer heutigen Jugend Auerbach? Dasselbe, was dem Hamletschen Schauspieler Hekuba. Doch wir wollten Auerbach als Schriftsteller und Dichter des Judentums darstellen. Hat sein erster Roman uns ins Amsterdamer Judenviertel geführt, so will der zweite die Breslauer Judengasse zeigen. 1839 erschien er, nannte sich „Dichter und Kaufmann" und hat zu seinem Helden den unglücklichen Epigrammendichter Ephraim Kuh. Ein Lebensgemälde aus der Zeit Mendelssohns sollte dieser Roman werden. Den Konflikt zwischen neuer Weltanschauung und dem alten jüdischen Gemütsleben soll er schildern. Wieder hat man dem Dichter vorgeworfen, er hätte uns nur die Auswüchse, nicht das Große, was jene Zeit hervorgebracht hat, gezeigt. Man spricht vom Mangel in der Charakteristik. Aber wie vortrefflich sind Sprache und Schilderungen in diesem Zeitgemälde! Wie innig und lebhaft die Zeichnung jüdischen Lebens! Vom ästhetischen Standpunkte mag mancher Tadel berechtigt sein, den man gegen den Dichter erhob; vom jüdischen Gesichtspunkte jedoch erhält dieser Roman, ebenso wie der „Spinoza" seinen Hauptwert durch seine Beziehungen zu den mannigfaltigen Strömungen im Judentume der damaligen Zeit. Und, woran mancher gelehrte Literarhistoriker vergessen zu haben scheint: der „Spinoza" sowohl, als auch der „Kaufmann und Dichter!" wunden Ausgangspunkte einer neuen, reichen Literatur, auf deren Boden Kompert, Franzos, Bernstein unvergängliche Werke schufen. Auerbach, dessen Romane und Dramen, z. B. der „Andree Hofer" längst vergessen sind, wirkte befruchtend auf zwei ganz verschiedene Gebiete: auf das der Ghettogeschichte und Dorfnovelle. Er war, und das muß in unserer Zeit der Charakterlosigkeit besonders hervorgehoben werden, eine tief ethische Natur, in dem der Judenschmerz zu keiner Pose ausartete, den es tief kränkte, daß der auf seinen Glaubensgenossen lastende Druck durch keine Emanzipation behoben wurde. Was Auerbach sonst noch schrieb, verzeichnen die Literaturgeschichten und Konversationslexika getreulich. Was er dem Judentum gewesen, würdigen sie mit wenigen dürren Worten oder gar nicht. Der Antisemitismus brach ihm das Herz, der Antisemitismus, in dem von ihm über alles geliebten, Deutschland. Dafür hatte er also gekämpft daß man ihm zum vSchlusse saate: Auch du bist kein Deutscher. Man wollte seinen 70. Geburtstag feiern. Aber, als hätte er diese Feier fliehen wollen, entzog er sich ihr durch allzu schleunige Wanderung in jenes Land, wo es keinen Kampf gibt, nur Wahrheit und Frieden. Am 8. Februar 1882, vor jetzt 30 Jahren, starb er in Cannes, fern von dem undankbaren Vaterlande, dem er seine ganze Kraft geopfert, dessen Literatur er durch allgemein anerkannte Werke bereichert hatte und in dem er jetzt die alte wilde Judenfeindschaft in hellen Flammen auflodern sah, Das Deutschland Stöokers und Genossen war nicht das Auerbachs. Wir aber wollen das Andenken des großen deutschen Juden hochhalten. Viel Edles ist in seinen Werken enthalten, an dem sich unsere Jugend entflammen kann. Er lehrte uns auch unser Judentum sub specie aeternitatis betrachten, vom Standpunkte seines großen Meisters Spinoza. Brün n, am Todestage Auerbachs. Interieurs |i » zeitgemfiss B 99 Möbelfabrik und und VHAHIlOM vornehm HI OVUM* Architektur« VI Bezirk, Büros m preiswert lllll Mariahilferstrasse Nr. 31.