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Neue Nationalzeitung · 1912-02-23 · Heft 4 (23.2.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 4 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 ..Neue Nati Man vergißt hier eins: soll die geplante Aktion überhaupt gelingen, so kann es n u r durch eine Volksorganisation geschehen, die in erster Reihe mit jener Weltverteilung gründlieh aufräumen muß. Als neue, wenn auch verbesserte Autlage des bisherigen Bevormundungssystems, wäre die ganze Aktion sinnlose Sisyphus-Arbeit, die in keiner Weise die Aufmerksamkeit und Sympathien der Oenelitlichkeit beanspruchen kann. Man haschte nach dem unmittelbaren äugen fälligen „Nutzen" — die JCA zählt ja so und so viele Bureaus etc.! — Daß man dabei der Sache, dem Ziele selbst untreu werden müßte, das wollte man nicht berücksichtigen. Und man war schier nicht beglückt, daß der eine oder andere Notabel sich „herabließ" über die Sache zu konferieren, mit der ständigen natürlichen Hinterabsicht, die Sache zu verschleppen oder bestenfalls sie zu einer Art . . . Bruxeller Konferenz herabzuzerren. Es gilt nun. sich von der Notabehi-Hegemonie innerlich und äußerlich zu emanzipieren. Doch braucht die demokratische Parole weder „B ekämpf e n" noch ,JT eberzeugen" zu lauten — beides ist bei heutiger Sachlage aussichtlos — sondern: ..Sammlung und Konsolidierung der eigenen Kräfte". Auch wenn man dabei vom Alpha beginnen müßte. Mit dem maximalistischen Prinzipe „alles oder nichts" muß einmal gebrochen werden, wo es sich nicht um Endziele und Richtlinien, sondern um die Taktik handelt. Die nächsten Aufgaben liegen sonnenklar vor uns: Die Gründung eines Netzes von örtlichen Emigrationsgesellschaften, die Eröffnung einer Subskription auf die Emigrantenbank, die Einberufung eines Kongresses, wenn auch mit einer beschränkteren Tagesordnung. Diese Aufgaben erfordern eine Arbeit, die nur mit Anstrengung aller Volkskräfte auf diesem Gebiete durchführbar ist. Es muß daher als grenzenlose Anmaßimg unverantwortlicher Maid- und Federhelden bezeichnet werden, wenn die Leistung dieser grandiosen Arbeit von den Initiatoren der Kongreßsache allein erwartet, ja gefordert wird. Wer ist bisher den Initiatoren mit Rat, geschweige denn mit Tat beigestanden? Nörglerische Kritikasterei, günstigenfalls freundliche Neutralität und bestenfalls platonische Sympathie begegnen sie überall. Was bisher trotzdem geleistet wurde, ist auf die angestrengte Tätigkeit einer kleinen Schar aktiver Kongreßfreunde zurückzuführen. Wer hat da den Mut, den ersten Stein zu werfen? Es wurden mehrere Konferenzen organisiert, die zweifellos in mancher Beziehung eine Klärung der existenten Kräfteverhältnisse herbeigeführt haben. Und auch mancher Fehltritt mußte begangen werden, um die richtigen Lehren für die Zukunft daraus abzuleiten. Wir wissen nun, daß zu den allernächsten Aufgaben die Herstellung einer engeren — wenn möglich organisatorischen — Fühlung zwischen den Endpunkten des Wandererweges, zwischen Rußland und Amerika*) gehört. Anstatt in gründlicher Verkennung der Sachlage diplomatische Delegationen in die westeuropäischen Notabelnhotels zu entsenden, haben wir uns endlich entschlossen, über die Köpfe der Politik- Magnaten und ihrer Syndikate — unseren Brüdern *1 Von Galizien muß, wie es scheint, infdye seiner lethargischen Indifferenz Abstand genommen worden. mal-Zeitung" Nr. 4 jenseits des Ozeans die Hand zu reichen. Die in Petersburg beschlossene Deputation nach Amerika wird gewiß über die Realisierungschancen des obe;i entworfenen Arbeitsplanes eine größere Klarheit scharfen und auch die gesamte Aktion bedeutend beschleunigen können. Nichts soll uns von diesem Wege ableiten — weder die Jeremiaden jener Kleinmütigen, die bei jedem Rippenstoß den Weltuntergang verkünden und vor jedem Hindernis zurückweichen (das sind ja die Kerntruppen der Notabein), noch das Gezeter der Schadenfreude alter, mürrischer Weiber, mit der die in einem Teile unserer Tagespresse tonangebenden Skeptiker jeden wirklichen oder vermeintlichen Mißerfolg unserer Sache begegnen. „Eine gute Idee ist in schlechte Hände gefallen." . . . Nun, wo sind sie, euere guten Hände, die die gute Idee übernehmen könnten? Sehen wir sie nicht an der Arbeit, wie sie alles über den Alltag Erhabene rastlos zu bekritteln und auf ihr eigenes Niveau herabzuzerren suchen? Ein läppisches Manöver, um die Verantwortung für die eigene Untätigkeit von ihrem eigenen kranken Haupte auf ein fremdes gesundes abzuwälzen. — Nein, nicht die Tüchtigkeit der Initiatoren, sondern die Leistungsfähigkeit unserer gesamten Demokratie steht hier auf Probe. Denn die üblichen trennenden und hemmenden Parteidifferenzen sind in der praktischenWirksamkeit auf dem Emigrationsgebietc gänzlich ausgeschaltet. Oder — werden wir auch dieses Mal auf den einzigen warten müssen, der mit mächtiger Hand die Atome des Volkswille:is zu einem Strom vereinigen wird? . . . „Hilfsaktion"oder - Wohltätigkeitssporf. Zu den wichtigsten Ereignissen der letzten Zeit im jüdischen Leben Galiziens gehört zweifellos die am 28. v. M. in Lemberg erfolgte Konstituierung des Vereines: „Samopomoc" (Selbsthilfe). Unter diesem schon trivial gewordenen Titel verschiedener Vorschuß- und Darlehensvereine verbirgt sich diesmal die mit so großem Aplomb vorbereitete Hilfsaktion für die galizischen Juden: eine kaum lebensfähige Mißgeburt, deren sich die eigenen Väter schämen müßten, wenn sie etwas ehrlicher wären. Daß diese Mißgeburt ein Erzeugnis aller jüdischen Parteien, resp. ihrer Führer, und zwar der Assimilanten, Zionisten, Sozialisten und Unabhängigen ist, ändert nichts an ihrer Lebensunfähigkeit. Mit welchen großen Hoffnungen hat die jüdische Bevölkerung Galiziens den Plan einer Hilfsaktion begrüßt. War es ja doch gelungen, den Landtag und Landesausschuß zur Einberufung einer Enquete zu bewegen, bei der schöne Reden und billige Schlagworte hageldicht auf die gaffende Menge niedergingen; war es ja gelungen, die Pariser JCA für diese Idee zu gewinnen und in geheimen Konventikeln, die in Wien stattgefunden haben, eine neue Aera der geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Wiedergeburt der galizischen Juden anzukündigen. Nun beweisen die Tatsachen, daß alle die Herren, die sowohl in den Konventikeln, als auch bei der Enquete mit allerhand Ideen und Zukunftsplänen herumgeworfen haben, unfähig sind, dieselben zu verwirklichen.

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