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Neue Nationalzeitung · 1912-02-23 · Heft 4 (23.2.1912) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 4 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3 jüdischen Nationalbewußtseins, das uns allen so sehr am Herzen liegt und dessen Pflege wir auf Kanzel und Katheder lehren. Habet ihr Zionisten Sombart wirklich gerufen? Ich kann es nicht glauben. Euere eigene Sache ist euch zu teuer, als daß ihr sie so entweihen könntet. Euere Sache ist aber auch unsere Sache. Nur dürfet ihr nicht der Meinung sein, daß, weil wir unsere Religion als höchstes Gut hinstellen, uns unsere Nation nicht ebenso hoch steht, wie euch. Ihr dürfet aber nicht vergessen, daß unser letztes Ideal trotz Zion und Nation im Geiste und Sinne der Propheten die Menschheit ist. Oder ist nur Sombart euer Prophet? Maxim Anin : Die Emanzipation von den Hofabeln. (Zur permanenten Knsis des Emfgraffonskongresscs) Alle Wege führen nach Rom. Und alle gesellschaftlichen Angelegenheiten im Judentum führen — zum Notabein. Wir brüsten uns seit jeher mit unserem ultra-demokratischen Geiste. Mit bestem Recht. Umso peinlicher aber sollte uns die kraß-oligarchische, ja nicht selten satrapische Verfassung fast unseres gesamten gesellschaftlichen Lebens stets vor Augen stehen. Waren wir nicht stets und überall die enragiertesten Demokraten? Und doch lechzten wir so oft nach dem zügellosesten Autokraten! Im Großen, wie im Kleinen. Im altisraelitischen Staat und im heutigen Parteizirkel: „Gib' uns einen König!" . . . Man unterschätzte nicht die Rolle der autokratischen Tendenz im jüdischen Leben. Von Moses bis auf — Herzl. Unserer Demokratie fehlten stets Selbstdisziplin und Selbstvertrauen, obwohl gerade die Lebensbedingungen des Judentums in mancher Beziehung den günstigsten Boden für die Entfaltung der demokratischen Selbsthilfe bieten. Doch werden diese Momente aufgewogen durch die Jahrhunderte lange Herrschaft des vielgepriesenen sozial-zersetzenden „Rachmones"-Prinzipes, das gewiß nicht wenig zur Atomisarion und Pulverisation der Volkskräfte beigetragen hat. Das hat in neuester Zeit zweifellos zur Verschärfung der Grundkollision sämtlicher unserer bedeutenderen Bewegungen und größeren Ideen, die auf oligarchisch-philantropischem Wege nicht realisierbar sind, der Kollision zwischen Wollen und Können, beigetragen. An dieser Wand zerschellt organisatorisch seit 3 Jahren auch die allgemein gepriesene Idee des Emigrationskongresses. Die zum Teil fiktive Uebermacht der Notabein einerseits, die faktische Untätigkeit und Unorganisiertheit der Demokratie andererseits. Und im fruchtlosen Wortgefecht kommen wir nicht vom Fleck. Man muß schließlich die Wahrheit nicht bloß einsehen, sondern sie auch praktisch betätigen: daß man unmöglich den Hirschen und den Krebs zu einem Gespann vereinigen kann. „Die Philantropie und Demokratie müssen vereinigt werden." Das kann und soll auch geschehen. Tatsächlich will man eo ipso die Oligarchie und Demokratie paaren, was gewiß nicht eher als die Quadratur des Kreises vollbracht werden kann. Denn „Philantropie" deckt keineswegs das Wesentlichste im System, das bisher auf dem Emigrationsgebiete vorherrschte. Passend ist die Bezeichnung insofern, als das bisher Geleistete einem Sandkorn in der Wüste gleicht Doch sind sie, die Notabein, die einzigen auf dem Gebiete, und folglich — die gottgesalbten „Repräsentanten" des Judentums. Und darauf kommt es ihnen am meisten an. Der Schein der Wohltat ermöglicht es ihnen, sich als Lenker des Volksschicksals zu gebärden. Und diese Domäne sollten sie freien Willens aufgeben?! Aufgeben werden sie sie nicht, aber über den Haufen geworfen kann und muß diese Domäne werden. Denn der bedeutenste Teil ihres Fundamentes bilden — Fiktionen mannigfaltigster Beschaffenheit. Fiktion ist ihre schreiende „Hilfsaktion". Fiktionen sind in der Regel ihre papier'nen Institute und „Organisationen", zurechtgeklebt aus Renommisterei und Chuzpe. Demagogische Fiktionen sind ihre wichtigtuenden „Unterhandlungen", geheimnisvollen Verheißungen und mysteriösen Andeutungen auf eine Erlösung, die in ihre Hände gelegt ist. Wesensgleich bleibt es dabei, ob die Fiktion den philantropisehen Edelmut eines Einzelnen exploitiert, oder die Ideenlosigkeit und Vereinsmacherei der geld- und mußereichen Oberschicht oder gar eine große Volksidee. Ebenso wesensgleich ist es, ob in allen diesen Fällen das Notabeinprinzip in einem autokratischen Satrapen, in einer unverantwortlichen Kanal-Oligarchie oder in einer polizeistaatlich-bureaukratischen Körperschaft seine Vertretung findet. Gegen diese vielköpfige Hydra gilt es nun vorzugehen, aber nicht mit überspitzten Diplomatenkünsten, sondern im systematischen Feldzuge. Allerdings darf man sich über die Geschlossenheit und Kampffähigkeit unserer demokratischen Armee keinen Illusionen hingeben. Nach den traurigen Erfahrungen der letzten Jahre gibt es aber keine Wahl. Anderseits erfordert die Entscheidung keineswegs eine offene Generalschlacht. Die Sachlage ist vielmehr eine derartige, daß durch den Zusammenschluß der vorhandenen demokratischen Kräfte und durch die Realisierung der auf der Hand liegenden finanziellen und organisatorischen Möglichkeiten allein die Notabeinherrschaft in ihren Grundfesten erschüttert wird. So lange dies aber nicht geschehen ist, muß und wird der literarisch-diplomatische Feldzug gegen sie resultatlos verlaufen. Gerade in dieser Hinsicht ist mancher Fehltritt begangen worden. Der Nährboden der — fiktiven — Notabeln-Allmacht wurde keineswegs dadurch g& schwächt, daß man stets in erster Reihe an sie appellierte und die ganze Kongreßaktion von ihrer erlauchten Genehmigung und Teilnahme abhängig machte. Die Tatsache lautete: „Schiff will nicht." Die Konsequenzen aber wurden ohne Bedenken aus der fiktiven Metamorphose: „Amerika will nicht" gezogen. Und doch: hatten wir nicht schon vor 3 Jahren eine Konferenz von keineswegs fiktiv bevollmächtigten Vertretern der breitesten Schichten des amerikanischen Judentums, die sich mit Enthusiasmus und einstimmig für den Kongreß ausgesprochen hat? Lesen wir nicht dasselbe in den einflußreichen jüdisch-amerikanischen Blättern? Aber der Notabel will nicht. Und wir, wohldisziplinierten Notabelnachläufer, wir stimmen resigniert in das Liedlein ein: „Amerika will nicht!" . . . Zwischen Schiff, Zangwill, Natan und Feinberg wurde die ganze jüdische Welt restlos aufgeteilt. Was Wunder, daß für den Kongreß selbst kein Plätzchen auf Erden übrig geblieben ist?

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