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Neue Nationalzeitung · 1912-02-09 · Heft 3 (9.2.1912) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 3 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 3 gehört werden kann. Meine Aussage wäre sehr nüchtern ausgefallen, da mir alle Rassenmystik und geschichtliche oder soziologische Teleologie, gleichfalls eine Form des Mystizismus, fremd, ja verhaßt sind. Ich bin der ehernen Ueberzeugung, daß Aufgehen in den Völkern oder reinliche Scheidung der Juden von ihnen die Juden allein berührt und das eine ^yie das andere Ereignis ohne jede besondere Wirkung auf d<e Völker und den Gang der allgemeinen Entwicklung bleiben würden. Im Falle der Assimilation w ürde sich in der Welt nichts ändern, es würde nur eine Anzahl Schein- und Namenchristen mehr geben. Im Falle der zionistischen Separation würde sich in der Gesittung nichts ändern, es würde nur ein interessantes Völkchen oder Volk mehr geben. Für die Juden würde es ohne Zweifel einen sehr erheblichen Unterschifd machen, ob sie sich der sie in jedem Betracht schädigenden Feindseligkeit und Verfolgung durch nationale Sammlung und eigenes Leben in einem warmen sittlichen Klima der Selbstachtung, der gegenseitigen Liebe und des freien Spielraums, für alle Fähigkeiten oder durch Preisgabe ihrer Eigenart, durch Ducken und Untertauchen entziehen. Für die Menschheit und die Gesittung ist das eine wie das andere ohne Bedeutung. # Privat-Dozent Dr. Franz Oppenheimer. Kein Judenstaat — bloss lokale Selbstverwaltung. In tilgendem beantworte ich kurz Ihre Fragen: 1. Die Assimilation aller Juden in absehbarer Zeit halte ich für völlig ausgeschlossen, Es gibt selbst unter den Westjuden zahlreiche Elemente, die teils aus religiöser Pie+ät, teils aber aus-wob [berechtigter Auflehnung gpgen ungerechte Zumutungen den Uebertritt verweigernr Ausserdem findet ein fortwährender Zustrom von osteuropäischen Juden nach Westouropa statt, deren Assimilation frühestens in der dritten, vierten Generation, zu erwarten steht. Ich muß es daher ablehnen, mich über die voraussichtlichen Folgen einer Voraussetzung zu äussern, die ich für unn öglich halte. Im übrigen stehe ich, wie ich in einer ausführlichen Anzeige des Sombartschen Buches in der ,.Neuen Rundschau" rom Juli 1911 begründet habe, nicht auf Sombarts Standpunkt, daß der Kapitalismus der jüdischen Rasse bedurft hat, um sich zu entfalten. Ich bin davon überzeugt, dass die gesellschaftliche Entwicklung nicht im mindesten anders verlauten wäre, wenn niemals Juden in Europa gewohnt hätten; — und daß die künftige Entwicklung ganz den gleichen Gang gehen wird, mögen die Juden durch Assimilation verschwinden oder nicht. 2. Was die zionistische Idee ist, darüber bestehen unter den Zionisten selbst verschiedene Anschauungen. Einige denken an die Ansiedelung aller oder doch der meisten Juden aus allen Ländern derWelt; das halte ich persönlich für Phantasterei. Die meisten denken lediglich an die Ansiedelung der Hauptmasse der osteuropäischen Juden, vor allem derjenigen, die durch gemeinsame Religion, Sprache usw. sich noch als ein Sondertypus erholten haben. Wenn man die lionistische Idee in dieser Weise faßt, wird es also nach ihrer Verwirklichung ebensowenig judenrein« Staaten geben, wieheute, womit Ihre Frage 2a beantwortet ist. Zu 2b bemerke ich, daß kein vernünftiger Zionist heute mehr an einen Judenstaat glaubt; was erstrebt wird, ist lediglich lokale Selbstverwaltung unter der Staatshoheit des Ottomanischen Staates. Zu 3. Meine soziologischen Studien haben mich zu der Ueberzeugung gebracht, daß der Antisemitismus im wesentlichen sozialer Klassenkampf, nicht aber Rassenhaß ist. Da ich an eine baldige Sozialisierung der Gesellschaft aus. wie ich hotte, guten Gründen glaube, so folgt daraus, daß ich die Lösung des Problems von der sozialen Entwicklung erwarte. Ob bis zu dem Eintritt dessen, was ich ökonomisch die „reine Wirtschaft* und politisch die „Freibürgerschaft" nenne (vgl. meine „Theorie der reinen und politischen Oekonomie", Berlin 1910; 2. Aufl. 1911, Georg Reimer und meine Abhandlung „Der Staat", Band 14/15 der Sammlung. „Die Gesellschaft." Frankfurt a. M. Rütten u. Löning o. J.), Konflikte gröberer Art eintraten werden, kann ich nicht voraussagen. Es ist auch sub specie aeternitatis ziemlich gleichgültig. Danach erehtint mir nur eins nicht wünschenswert. Ich habe von jeher meine Stellungnahme im Zionismus fast mit denselben Worten gerechtfertigt, die ich in Sombarts Aufsatz jetzt lese : ich wünsche gerade als Kosmopolit und Sozialist, daß möglichst jede Eigenart in die neue Gesellschaft hinübergerettet werde. Je reicher das Orchester besetzt ist, um so voller wird die Harmonie klingen. 3. Die Verwirklichung der zionistischen Idee in ihrem rationellen Umfang halte ich für durchaus wünschenswert, um Millionen schwer leidender Menschen aus den entsetzlichen Verhältnissen zu befreien, in denen sie schmachten. Hier handelt es sich im Wesentlichen um eine Not der Gegenw art: diese Unglücklichen können nicht warfen, bis die soziale Umwälzung sich vollzogen hat. Eine Tauftragödie. Man schreibt uns aus \V a r s <• Ii a u : In der hiesigen anglikanischen Kirche ist vorigv Woche eine Trauung vollzogen weiden. «Hc eine seintraurige, ja tragische Vorgeschichte hat. Zu Beginn des vorigen Schuljahres kam ein junger Student aus Schitomir nach Warschau, um;in der Polvteehnik die Vorlesungen zu hören. Dort forschte man peinlich nach, oh der junge Mann Jude sei. Schließlich stellte es sich heraus, dal» er wirklich von .luden abstamme. Infolge der famosen Prozentnorni wurde es ihm unmöglich gemacht, sich inskribieren zu lassen. Kr ließ sich daher faulen. Doch hielt er diesen Uoberfrift vor allen Bekannten und auch vor seinen Eltern geheim. Kr lintt* aber noch von früher eine lbaut. ein jüdisches Mädchen, detvn Vater bereite gestorben war. Sie und ihre Mutter lebten beide bisher von den Zinsen de? beträchtlichen Kapitals, das ihnen der verstorbene Vater hinterlassen hatte. Als nun der bräutigam, dank der Taufe, am Polytechnikuni angekommen war, begann das Mädchen die Mutter mit Kitten zu bestürmen, doch nach Warschau zu übersiedeln. Die Mutter tat ihrem Kinde diesen ffefallen und so zogen die zwei Frauen nach Warschau in die Panskagasse. Der Student besuchte hier täglich seine braut, aß zu Mittag und wohnte auch zeitweise. Die Mutter, eine gute jüdische Frau, drängte auf Heirat des Pärchens, dit*s umsomehr, als es der Ruf der Tochter dringend erforderte. Da erst: otYenbarte der junge Mann den beiden Frauen sein (reheimnis. Und es übte auf sie einen niederschmetternden Eindruck. Obwohl das Mädchen seinem Bräutigam begreiflicherweise sehr zugetan war, war sie doch von dem bedanken, sich zu taufen, weit entfernt. Sie

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