Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 3 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 ,,Neue National-Zeitung" Nr. 3 FEUILLETON. Ein Sammelbuch über ,Judentaufen". Der Antisemitismus zieht in der Publizistik nicht mehr. Aber das Judenproblem bleibt doch immer interessant. Man muß also das Publikum von anderer Seite „packen". Ein unternehmender Schriftsteller zerbricht sich nicht allzusehr den Kopf mit neuen Studien oder Erörterungen oder gar mit schwerem statistischen Zeug — er greift eine Tagesfrage heraus, läßt andere darüber schreiben und gibt dazu sein Vorwort. Das Buch ist fertig. Sein Wert ist aber auch darnach: ephemär wie eine Zeitung. Eine Sammlung von Artike'n oder Briefen, oft von unwilliger Hand geschrieben, um nicht unartig zu erscheinen. Dr. Arthur Landsberger in Berlin läßt soeben ein Sammelbuch über „JudentaufenVerlag Georg Müller in München 1912 (2 Mark), erscheinen. Schriftsteller und Professoren, Juden und Christen, äußern sich da über drei an sie gerichtete Fragen, vornehmlich darüber, ob sie die Assimilation der Juden durch Taufen und Mischehen oder die Verwirklichung der zionistischen Idee für wünschenswert halten. Wir hören da die verschiedensten Ansichten: der eine ist für die Assimilation, der andere für den Zionismus, der dritte hält beides für unmöglich. Ich glaube nicht, daß durch derartige zumeist oberflächliche Urteile die Erkenntnis des Judenproblems auf neue Bahnen geleitet, die Vorurteile gegen die Juden widerlegt, die Charakterlosigkeit der Judentaufen genügend beleuchtet werden. Es ist bloß noch ein Buch zur Judenfrage erschienen. Und das scheint mir gerade auf dem Gebiete der so aktuellen Tauffrage nebensächlich. Mit Büchern wird man da — wenn überhaupt Dr. Landsberger diesen Zweck verfolgt — sehr wenig ausrichten. Da kann nur ein Mittel helfen: eine gesellschaftliche Aktion. Die jüdische Gesellschaft hat es in der Hand, den Täuflingen das Verwerfliche ihres Handelns ad oculos zu demonstrieren; sie, die sich trotz und nach der Taufe in unsere Gesellschaft drängen, weil sie sich nur hier ausleben können, müssen aus unserer Gesellschaft ausgeschieden werden, sie haben sich des Bindemittels mit uns entäußert und sie haben daher mit uns und wir mit ihnen nichts mehr zu tun. Dazu brauchen wir keine papierenen Gutachten von Professoren und Publizisten, das muß jedem Juden seine Würde und seine Selbstachtung diktieren. L. mir aber nicht denken, daß sich die Masse der unter uns lebenden Juden in Deutsche verwandeln wird. Ich glaube das nicht, weil es eine geistige Geschmeidigkeit voraussetzt, die einzelne Juden in hohem Grade haben, nicht aber die Masse der immer noch aus dem Osten zudringenden Juden, weil es f. rner einen starken Willen, sich selbst aufzugeben und dafür ein fremdes Wesen anzunehmen, voraussetzt, der dieser Masse fehlt, und weil es endlich bei den Deutschen selbst eine Neigung, dieses fremde Element aufzunehmen, voraussetzt, die sie nicht haben, aus Angst, ihr eigenes Wesen dadurch zu beschädigen. Ich halte für die nächste Zeit eine Assimilation der Masse der Juden für unmöglich und die Versuche, die ich aus der Nähe beobachten konnte, haben meistens Zwitter ergeben, die sich iür keine der beiden Nationen entscheiden konnten und innerlich heimatlos wurden. Ich halte den Juden staat für möglich. Aber ich glaube nicht, daß wir dann so sehr viel weniger Juden haben werden als jetzt. Er wird die armen Juden anziehen und sie werden dort, was ihnen jetzt unter uns versagt ist, ein menschenwürdiges Leben finden. Die Juden aber, die bei uns seßhaft geworden sind und sich eingewöhnt, sich akklimatisiert haben, werden hier bleiben, aber in einem besserem Zustand des Gemüts, innerlich beruhigt durch das Gefühl, einer Nation anzugehören, die wieder ein Vaterland hat. Das wird sie nicht hindern, gute Bürger der Staaten zu sein, in denen sie wohnen, ganz wie die Deutschen in der Schweiz oder in Oesterreich, ihre Liebe zum großen deutschen Vaterland nicht hindert, gute Schweizer oder gute Oesterreicher zu sein. Ich glaube nicht, daß es viel Sinn hat, sich zu fragen, was man für „wünschenswert* hält, die Assimilation oder den Judenstaat oder den jetzigen Zustand. Die Assimilation erscheint mir nun einmal schon deshalb nicht möglich, weil die Deutschen keinen Grund haben, sich gegen ihn zu wehren, viele Juden wollen ihn und ja kein Jude gezwungen sein wird, sich ihm anzuschließen. Der jetzige Zustand scheint mir unhaltbar, weil in ihm viele Juden das Gefühl haben, unterdrückt und um ihr Recht betrogen zu sein, und wieder viele Deutsche das Gefühl, in ihrer Eigenart bedroht zu sein. Haben die Juden erst ihren eigenen Staat, und damit eine Zuflucht, so werden sich auch Juden und Deutsche nicht mehr so befangen gegenüber stehen wie jetzt, wo beide stets glauben, an ihrer Seele Schaden zu leiden. Aus obigem, jedenfalls eigenartigen Buche bringen wirnachstehend drei derinteressantesten Urteile und werden auch nächstens zu deren Details noch Stellung nehmen: Hermann Bahr. Für den Judenstaat! Ich kenne Juden, die völlig Deutsche geworden sind; höchstens eine gewisse Gewaltsamkeit ihres Deutschtums verrät, daß es ihnen nicht angeboren ist und was es sie gekostet haben muß. Ich leugne also nicht, daß es einzelnen Juden gelingen kann, sich in Deutsche zu verwandeln, ganz ebenso, wie es einzelnen Deutschen gelungen ist, selbst oder doch in ihren Nachkommen Franzosen, Engländer, Ungarn oder Tschechen zu werden. Es gibt sicherlich eine Kraft der geistigen Umbildung, die zuletzt auch das Blut zu verändern scheißt. Ich kann Max Nordau. Meiner Antwort auf Ihre werte Zuschrift haben sich fast so viele fata und numina entgegengesetzt, wie der Landung des Dardaners Aeneas in Italien: zuerst eine wahrhaft mörderische Ueberbürdung mit Arbeit, dann, als Folge dieser, Erkrankung und schließlich eine berufliche Abwesenheit von Paris. Jetzt, da ich endlich dazu gelange, Ihnen für Ihre freundliche Einladung zur Teilnahme an dem jüdischen Symposion zu danken und vielleicht auch mein bescheidenes Wort in das Rundgespräch einzuflechten, fürchte ich, daß es zu spät ist, da die geplante Broschüre zu dieser Stunde wohl schon die Presse verlassen hat. Sie verlieren übrigens nichts dabei, daß ich den Termin versäumt habe und in der causa nicht mehr