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Neue Nationalzeitung · 1912-02-09 · Heft 3 (9.2.1912) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 3 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 3 ihre Schüler mit besonderer Streng©, rühmen sich diesbezüglich gegenüber ihren christlichen Lehrkollegen und Katecheten und treibem in ihrem blinden Eifer die Kinder direkt in die Arm© der anderen Bekenntnisse, wo sie gerne aufgenommen werden. Ich konstatiere ferner, daß manchei meiner ehemaligen Schulkollegen aus dem Grunde sich bald konfessionslos erklärten, weil sie ehrlich bekannten, daß sie unwahr gegem sich und ihre Umgebung handeln würden, wenn sie ihnen unverständliche hebräische Geibete im Tempel hersagen würden. Zwang erzeugt Widerstand, und findet hiefr seinen Ausdruck in den vielen Uebertritten. Wenn nun einmal der Schritt unternommen ist, und der Betreffende sich konfessionslos erklärt hat, so ist er für das Judentum meistens vollständig verlorein. Meine Kinder haben viele Mitschüler und Mitschülerinnen, deren Eltstrn sie vor dem sechsten Lebensjahr taufen ließen, hauptsächlich auch, um die Kinder vor dier Plage des Erlernen» des Hebräischen zu bewahren. D:-ei Kinder sind, vom ersten Unterrichte an, ohnehin genug angestrengt,*) müssen meistens schon in der frühesten Jugend moderne Sprachen, Musik usw. lernen, und wissen die Eltern aus eigener Erfahrung, wie wenig ihnen das aufoktroyierte Studium der toten hebräischen Sprache seinerzeit in ihrer eigenen Jugend Nutzen oder Erbauung gebracht hat. Im Gegenteil! Daa Wissen ist verflogen, das Hebräische war für uns nur ein nutzloser Ballast, der uns be^- Schwerte. Die wenigsten jüngerein Väter und Mütter sind imstande, hebräische Gslbete zu verrichten, noch ihren Kindern beim Unterrichte hilfreich zur Selite zu stehen. Weider Vater, noch Kind finden genügendes Interesse an der althergebrachten unverständlichen Sprache, während deutsche Worte weihevoll und erbauend hier wirken würden. Um der Abfallbewegung zu steuern, wollen wir deutschen Juden daher verlange(n, daß der Religionsunterricht auf rein deutscher Grundlage* nur bis zur vierten Klasse der Mittelschule) erteilt, und daß es jedem freigeisteilt werde, den hebräischen Unterricht zu besuchen oder nicht; eir möge nur für diejenigen, die ihn anstreben, bestehen, für die übrigen jedoch unobligatorisch sein. Dann wird die nächst ei Generation mit Liebe und Lust bei der Sache sein, und sich eher untelr das Banner des Judentums scharen, statt ins andere Lagetr zu fliehen. Auch darf der Unterricht von bei der Kultusgemeinde angestellten ReligionsJehrern nicht mit drakonischer Strenge erteilt werdeln, wie es in einzelnen Fällen geschieht, sondern er muß, wie dies auch in den evangelischen Schulen der Fall ist, liebevoll und in nachgiebiger Weise erfolgen. Kein Kind soll je befürchten, daß es wegein mangelhafter Kenntnisse im Religionsunterrichte durchfallen könne, und dadurch Nachteile für Lebensdauer erleide. Freiheit der Wissenschaft; aber auch Freiheit betreffs des Studiums des Hebräischen und kein Zwang, damit die Abfallbewegung nicht größer werde! Ich rede nicht der „Freien Schule" das Wort, in welcher der Gegenstand „Religion" überhaupt * Das ist ja leider der Standpunkt der meisten Wiener Eltern. Die Redaktion. nicht gelehrt werden soll, sondern, wir wollen nur die Freiheit der W a h 1 haben, ob unsere Kinder durch di=H hebräischen Unterricht belastet werden sollen oder nicht! Die Vorschriften der Schulbehörden dürfen nicht i n s o weitgehender Weise unsere eigenen Entschließungen unterdrück ein, und uns zu etwas zwingen, was unseirer Ansicht widerstrebt. Wenn es sich anfangs auch nur um einen Versuch handellt, so ist es dieser Versuch wert, ihn zu unternehmen, wenn es gilt, der progressiv z un e! h m e n d e n A b f a 11 b ei w e g u m g zu steuern. Es ist erschreckend, wie in Wien und in der Provinz in vielen befreundeten Familien, überall, auch in der eigenen Familie, in der lettzten Zeit die Uebertritte sich häufen. Jedes Mittel soll daher versucht werden, um die Judenschaft zusammenzuhält&.n, um ein neues, modernes Bindemittel zu finden. Eine moderne Grundlage. Im Hause, in dem ich wohne-, besuchen alle Kinder der anderen Wohnparteien, wiewohl sie von jüdischen Familien stammeln, nicht mehr den jüdischen Religionsunterricht; sie sind entweder evangelisch odeir katholisch. Mein kleines Mädchen von sieben Jahrein erzählt mir, daß sie in der zvveiiten Volksschulklasse des in der Mehrheit vornehmlich von jüdischen Familien beschickten Lyzeums nur noch mit einem anderen kleinen Jungen, also zu zweit, an dieim jüdischen Religionsunterrichte teilnimmt, während der übrige Teil der Kinder ihrer Klasse, 26 an der Zahl, den christlichen Unterricht besucht. Da muß Wandel geschaffen werden! Das HefbUuiftche w e) r d e? u n o b 1 i: g a ti der Unterricht deutsch, modern, und tolerant! Es geht nicht msfar so wie früher weiter, wir leben heute in einer anderen Welt, die das Alte, Unpraktische niederreißt, und Neues aufbaut! Möge die Kultusgemeiiide das Fundament zur Erhaltung und t'etstigung des Judentums auf dieser neuen, fortschrittlichen Basis ehestens aufbauen. RSSPONDeNZCN Deutsches Reich. Der Konflikt in der Berliner Allianz.Filiale. Berlin, den 1. Februar. Am letzten Sonntag fand hier eine von der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle einberufene Delegiertenversammlung der deutschen Lokalkomitees statt, die zu dem Vorgehen der Pariser Leitung Stellung nehmen sohle. Die Versammlung war sehr stark beschickt. Abgesehen von den zahlreichen Gästen, die den Verhandlungen folgten, nahmen daran als stimmberechtigte Mitglieder 18 Berliner und etwa 50 Herren aus allen Teilen des Reiches teil. Nach längeren Verhandlungen wurde mit allen gegen eine Stimme die Gründung eines Deutschen Lande s-K o m i t e e s der Alliance Israelite Universelle, beschlossen und ein Komitee aus 5 Personen eingesetzt das bis zur Einsetzung des definitiven Vorstandes die Geschäfte des Landeskomitees führen wird. Diesem vorbereitenden Komitee gehören auch Geheimrat Landau und JusUzrat Fuchs an.

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