Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 3 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 3 Lehrer und Schüler überbrückt werden. Nach Ansicht des Dr. Engel soll die neue Lehrmethode für die obersten Gymnasiasten das sein, was das Seminar an den Hochschulen. Ein Teil der Diskussion war auch der Frage gewidmet, ob für den neuen Leh/plan das Lehrer- Material vorhanden sei. Diesbezüglich meinte Doktor Gustav Kohn: „ Der Lehrplan erfordert hervorragende Lehrer und wir wissen nicht, ob wir sie haben werden. Das wird sich erst zeigen Wir haben für jede der drei Schulen solche genommen, die hervorragend sind. Wir haben gutes Material, wenn auch nicht alle auf einem gleichen Niveau stehen." Herr Dr. Kohn mag recht haben. Aber es wäre zu bedenken, ob die Auswahl der Lehrer immer die richtige ist, ob bei ihrer Berufung Fähigkeit oder Protektion entscheidend sind. Nach dieser Richtung bleibt jedoch noch viel zu wünschen übrig, und es wäre daher an der Zeit, wenn man schon den Lehrplan reformiert und für denselben tüchtige Lehrer sucht, an Stelle der Hintertreppenbewerbung eine öffentliche Konkurrenz zu setzen. Der Lehrplan, dessen Bedeutung wir übrigens an leitender Stelle besprechen, wurde sohin einstimmig angenommen. Die Klage der „Israelitischen Allianz" gegen die „Neue National-Zeitung" — abgewiesen. Wien, den 1. Feber. Wie wir bereits in der vorletzten Nummer mitgeteilt haben, wurde die uns von der „Israelitischen Allianz zu Wien" übersandte Berichtigung unserer in der Nr. 25 des v. J. veröffentlichten Artikelserie über die Mißstände in diesem Vereine abgelehnt, weil sie schikanös verfaßt, den Voraussetzungen des § 19 Pr-G. nicht entsprochen und eigentlich den Zweck verfolgt hat, d» r Allianz eine billige Reklame zu schaffen. Die Allianz hat daher gegen den verantwortlichen Redakteur unseres Blattes, Dr. S. R. L a n d a u, beim k. k Bezirksgerichte Josefstadt in Strafsachen eine Berichtigungsklage überreicht. Ueber dieselbe fand heute vor dem k. k. Oberlandesgerichtsrate Dr. von Heidt die Verhandlung statt. Nach durchgeführter Verhandlung hat der Richter die Klage der Allianz abgewiesen und sie zum Ersatz der Kosten verurteilt. Begründet wurde diese Abweisung damit, daß die Redaktion der „Neuen National-Zeitung" mit Recht die Aufnahme der ihr von der Allianz zugesandten, in fünf Punkten den Vorschriften des Preßgesetzes nicht entsprechenden Berichtigung abgelehnt hat. Wer wird nun die Kosten zahlen? Herr David von Guttmann selbst oder die für Zwecke der Philanthropie bestimmte Kassa der Allianz? Wer den Herrn von Guttmann kennt, wird kau n darüber im Zweifel sein . . . Als Milderungsumstand könnte er jedenfalls anführen, daß nicht er, sondern Vizepräses Dr. Arthur K u r a n d a die Vollmacht für den Advokaten unterschrieben hat. Hach 14jährigem Martyrium rehabilitiert*) Der Kampf eines polnischen Juden um sein Recht. Zu den bekanntesten Sti\<ßentypi n der Leopoldstadt gehörte seit mehreren Jahren ein stattlicher Greis, der trotz seiner fadenscheinigen Kleider und seiner abgehärmten Gesichtszüge sich eine gewisse Vornehmheit aus früheren Zeilen bewahrt hat, wo er als Kaufmann in Ragusa Herr eines großen geschäftlichen Unternehmens war. Zur späten Nachtstunde hausierte der Greis im Sommer und im Winter in öffentlichen Lokalen und bot Broschüren feil, die die Aufschrift trugen: „Heinrich Hofstätter, das Opferlamm eines Ragusaer Justiz Verbrechens." Dieser Hausierer w.ir Hofstädter selbst. Das Unglück seines Löbens, durch das er brotlos gemacht wurde, war für ihn seine einzige Erwerbsquelle. Stumm reichte er die Broschüre od^r eine einblätterige Flugschrift mit der Aufschrift: „Ein österreichischer Dreyfus-Fall" den) Gaste hin und erhielt dafür eine kleine Münze als Bezahlung. Denn schenken wollte sich Hofstädt. r nichts lassen. JSun verschwindet er als *) Ueber Einladung des „W i e n e r 111 u s t r. Extrablatt" hat Dr. S. R. Landau, der Rechtsanwalt •und Kurator IttMiirii h ilofsitädters, uliiireii Artikel am 4. d. M. hi diesem Blatte veröffentlicht. Die Redaktion. Straßentype, denn er hat es nicht mehr notwendig, sein Unglück und sein Verhängnis in öffentlichen Lokalen preiszugeben. Durch eine Entschädigung von 13.000 K, die ihm in den letzten Tagen durch das Justizministerium ausbezahlt wurden, ist er nicht nur endgiltig rehabilitiert, sondern auch mit dem Notwendigsten für seine alten Tage versorgt. Heinrich Hofstädter kam vor 36 Jahren als 27jähriger Mann nach Ragusa, wo er einen Bazar errichtete, dem er durch seinen Fleiß und seine Sparsamkeit bald einen großen Umfang geben konnte. Wie Hofstädter selbst erzählt, hatte er bei den Damen sehr viel Glück und das führte zu allerhand Kollisionen. Sein Geschäft ging im Jahre 1892 zu Grunde und er wurde Hausierer; in dieser Eigenschaft wurde er von dem Sohne des Gymnasialprofessors Emanuel Nikolic beschimpft. Er suchte den Vater in dessen Wohnung auf, um sich über das Verhdten des Sohnes zu beschweren- Hiebei kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Sie endeten damit, daß Hofstädter auf das Polizeikommissariat geführt und nach Aufnahme des Protokolls entlassen wurde. Seitdem waren 15 Monate verstrichen. Hofstädter hatte beinahe die ganze Monarchie als Uhrenhausierer durchstreift und befand sich gerade in Gzernowitz. Von hier aus suchte er um die Prolongation seiner Hausiererlizenz an. Als Antwort darauf kam der Haftbefehl. Hofstädter wurde gefesselt und von Czernowitz nach Ragusa eskortiert.