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Neue Nationalzeitung · 1912-02-09 · Heft 3 (9.2.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 3 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Arbeit. Wenn auch unterdes die Zeit sich geändert hatte. Schon war selbst in der ältesten und frömmsten Gemeinde der alles Religiöse zersetzende Geist heimisch geworden, aber man fand mit den alten Vorräten sein Aaslangen, so daß selbst bei nicht mustergilligem „Religionsunterrichte" — jetzt trat das neue Wort an die Stelle der Talmud-Thorah — zufriedenstellende Resultate erzielt wurden. Wje ganz verschieden liegen die Verhältnisse heute. Die überwiegende Mehrzahl der Eltern ist religiös vollkommen indifferent; ein großer Teil religionslos, religionsfeindlich, unjüdisch bis in die letzten Wurzelfasern. Und mit dieser Gesinnung, besser Gesinnungslosigkeit wird sogar vor den nichtjüdischen Lehrern und Direktoren der Mittelschulen Staat gemacht. Wie wir aus zuverlässiger Quelle wissen, haben jüdische Mütter den trauiigen Mut, vor hochangesehenen Direktoren zu sagen: „Ich bitte, ein jüdischer Religionslehrer ist für Geld zu haben; wir geben nichts auf das Judentum; wozu braucht mein Junge etwas von Pessach zu wissen; wir halten nicht einmal den „langen Tag"! Wer lacht da? Ist das nicht die Frivolität selbst? Und da faselt man von Begeisterung für jüdische Geschichte und jüdisches Heldentum? Weit entfernt sind wir davon zu behaupten, man könne nicht dafür begeistern; man knnn es und es geschieht auch, so viel wir wissen, in allen möglichen Fällen und bei allen mögliehen Gelegenheiten. Die vorhandenen Lehr plane und Lehrmethoden reichen dazu vollkommen aus und es bednrf dazu nicht erft der Ratschläge allweiser Kultusvorsteher, die in einem Sammelsurium unverdauter und falsch gedeuteter hochmoderner Lektürblüten und philosophischen Fetzen einen Wechselbalg methodischpädagogischen Unsinne unter Wehen gebären, über den ernste Fachmänner laut auflachen müssen. Und damit befaßt man sich! Nimmt eine Sache ernst, die in den Karneval gehört! Die vorhandenen Lehrpläne und Lehrmethoden sind vollkommen danach eingerichtet, daß der brave und gewissenhafte Lehret mit ihnen seinen Schülern einen vollkommen auslangenden Begriff vom Wesen der jüdischen Religion beizubringen vermag und die Geschichte des Judentums an der Mittelschule von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart überliefert werden kann. Aber auch zur Beibringung der Kenntnis der speziellen Religionslebre ist Gelegenheit, wenn auch nur wenig Zeit vorhanden. Wer aber braucht sie, wer will sie? Unsere Herren Kultusvorsteher vielleicht! Sie stehen zumeist außerhalb der Lehren unserer Religion : diese haben das Privilegium, sich über Sabbate und Feste, über alles, was die sichtbare Bekundung jüdischen Lebens ausmacht, in kühnem Geistesschwunge hinwegsetzen zu dürfen. Was nützt all das Gefasel von jüdischer Ethik. Es gibt philosophisch genommen keine speziell-jüdische Ethik. Es gibt nur eine im Geiste der jüdischen Ueberlieferung und Lehre niedergelegte allgemeine Ethik; das Jüdische daran sind die hebräischen Quellen, sind die in r e 1 ig i ö s - sit 11 i c h e Praxis umgesetzten ewigen Wahrheiten der Thorah. Oder aber man kann sagen, es gibt nur eine jüdische Ethik, weil über sie hinaus allgemeingiltige sittliche Lehren nicht entdeckt und nicht praktiziert worden sind. Wo 1 len die Herren am grünen Tische diese r e 1 i gi ö s - si 11J i c h e Praxis des Judentums? Nein. Sie wollen in ihrer Mehrheit ausschließlich Kenntnis der jüdischen Geschichte, Begeisterung für dieldeale des Judentums. Ist das schon Judentum V Das ist mit Verlaub eine Phrase, ihr Herren, und selbst wenn ihr nationale Juden wäret, was ihr nicht seid, so würdet ihr damit allein noch nichts erreichen. Natürlich sind uns nationalgesinnte Juden lieber als verwaschene, zuckerwässerige, schwammige Nochjuden und Auchjuden, die nichts vom Judentum an sich haben als die Geburt, an der sie vollkommen unschuldig, auch als Wohltätigkeitsjuden, die davon leben, daß die anderen nicht zu leben haben. Die Krankheit liegt also tiefer. Die religiös vollkommen ziellose, planlose Öffentlichkeit ist es. welche beständig über den Religionsunterricht schreit und spektakelt. Diejenigen, welche leere Taschen haben, rufen: Dieb, Dieb! Es ist aber auch gar nicht wahr, daß die Klagen über die Erfolglosigkeit des Religionsunterrichtes gar so groß sind. Der Katzenjammer kommt aus den Kreisen, wo keine Religion mehr ist. — Es liegt nicht in der Methode, es liegt in allen Gliedern. Daß manche Lehrer minder gut, manche minder pflichtbewußt, manche launisch und mürrisch sind — wer kann das leugnen § Sie wären es bei den idealsten Lehrplänen und erprobtesten Methoden. Glaubet ihr wirklich, daß man mit zwei Wochenstunden oder gar nur einer Juden erzieht? Das ist ein Selbstbetrug. Wo nicht eine Ergänzung der in den Schulen gegebenen Lehren und Kenntnisse erfolgt, ist nichts zu erwarten und nichts zu erhoffen. Noch einmal sei es gesagt: es ist nicht wahr, daß die Lehrpläne und Lehrmethoden nichts taugen. Seit Jahren wird über sie mehr geschwätzt als gesprochen, werden sie zerfasert und zerschlissen, um schließlich als ein Monstrum von Reformplan das Licht der Welt zu erblicken. Ja, es ist bequem und wohlfeil, die Lehrer und dieSchule für den Fäulnisprozeß verantwortlich zumachen, der sich vor unseren Augen vollzieht und derbei den Köpfen beginnt, wofern Köpfe da sind und nicht Füße, bereit, allem eitlen Tand und Gerede von Besserwissen und Bessermachen nachzurennen...... Ihr Lehrer aber höret! An euch ist es, unbekümmert um das Geschrei und Gejammer, ehrlich euren Weg zu gehen. Seid ihr Juden? Juden vom Scheitel bis zur Sohle? Mit allen Nerven und Fasern? Unterrichtet unsere Söhne und Töchter mit Gewissen; ihr sollt sie in den Schulen zu Juden und Jüdinnen machen!! Zuviel verlangt. Man verlangt von euch, daß ihr nachholet, was die Eltern verabsäumen und — verachten. Die Trägheit und Frivolität in der Auffassung des Erziehungswiikes, die Züchtung krassesten Egoismus sollet ihr durch „jüdische Ethik" korrigieren, wenn ihr könnet! Tuet es! Tuet es doch und trotzdem; tuet es, auch wenn man euch Unzufriedenen als Beute hinwirft, weil man verzweifelt die Listen der Gefallenen liest und Sündenböcke braucht. Nehmet euch aber in Acht. Jede Pflichtvergessenheit euererseits ist ein Verbrechen an unserer Geschichte, ein Diebstahl am Krongut der von uns geschaffenen sittlichen Kultur. Ihr Juden aber, versündigt euch nicht an den Lehrern, das hat seit jeher im Judentum als Schandtat gegolten; machet sie nicht verantwortlich für das, was die Zeit und ihr frivoler, leichtsinniger, oberflächlicher Geist und auch ihre schwere Not verschuldet und was wir selbst erst vor uns weiden verantworten müssen! S. S.

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