Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 3 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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N2U5 SttlOML-ZElGUNG XIV. JAHRGANG. WIEN, 9. FEBRUAR 1912. Nr. 3. Ist ein neuer Religions-Lehrplan notwendig?*) Ist die Frage der Umgestaltung des Religionsunterrichtes an unseren Mittelschulen wirklich so brennend, wie es nach den lebhaften Diskussionen in der Oeffentlichkeit zu sein scheintV Wir verneinen das entschieden. So brennend ist sie nicht. Dilettantismus hat an der bestehenden Unterrichtsordnung auf allen Gebieten zu modeln und zu tadeln. Bessermachen, darauf kommt es an. Die Quelle der Unzufriedenheit liegt tiefer als in Lehrplänen, Methoden und Lehrern. Es darf zugegeben werden, daß Pläne, Lehrweise, Lehrer besser sein könnten, als sie sind. Sie sind aber nicht schlechter als alle bestehenden und gehandhabten Methoden, die Lehrer sind nicht schlechter als Mittelschullehrer im Allgemeinen. Wer den Unterrichtsbetrieb unserer Mittelschulen kennt, der weiß, daß an allen Ecken und Enden experimentiert und geändert wird. In der Sache bleibt aber alles beim Alten. Das heißt: es gibt streng vorgeschriebene Wege, die begangen, feste Ziele, die erreicht werden müssen. Bei unserem Religionsunterrichte liegt die Sache allerdings schwieriger. Es handelt sich da um eine den vielen Tadlern angeblich heilige Sache. Im Grunde genommen jedoch hört man aus dem so vielstimmigen Chore immer dieselbe Melodie: Begeisterung für unsere Vergangenheit, unsere Geschichte, un- *) Am ß. d. M. wurde vom Plön um des Kultusvorstandos ein neuer ßolisions-Lehrplan für die zwei obersten Klassen <I(M' Mittelschule einstimmig angenommen. Zu dieser für die heranwachsende Generation der Wiener Judenschaft hochaktuellen Frage erhalten wir von einem hervorragenden Pädagogen obigen Artikel. Der geehrte Verfasser vertritt darin den Standpunkt, daß nicht der LohTplan, nicht die Schule, nicht <lie Lehrer an dem Niedergange der Wiener Judonschaft, resp. dem religiösen Verfalle und Abfalle der jüdischen Jugend Schuld tragen, sondern die Familie. Die geistreiche und gelehrte Begründung des Verfassers wird gewiß die weitesten Kreise überzeugen. Die Redaktion. sere Helden, unsere Ethik, un eren Glauben. Wie aber soll diese Begeisterung fundiert werden? Unsere Religion ist, wie jede es sein soll, Herzensangelegenheit, Getühlssache, sagt man. Schon in der Bezeichnung Religions-Unterricht aber liegt ein klarer Hinweis darauf, daß sie im eminenten Sinne Lehre ist. Laasen wir alle Phrasen beiseite und seien wir offen, ehrlich und aufrichtig gegen uns selbst. In halb vergangener Zeit, in der unseie Religion eine lebendige Kraft in jedem Individuum, jeder Familie, jeder Gemeinde war, hat man demjenigen, was man heute Religionsunterricht nennt, recht wenig Bedeutung beigemessen. Wir Aelteren waren oder sind noch weitaus religiöser, als unsere Kinder, obzwar wir weitaus weniger jüdische Geschichte gelernt haben als unsere Kinder. In unseren Elternhäusern, in unseren Gemeinden athmete alles Religion. Wußte man doch, daß Religion, unsere Religion sittlich-religiöse Praxis, pulsierendes Leben, nicht Theorie, Gedächtnisstoff war. Selbst die unwissenden Juden jener Zeit waren religiöse Menschen, weil sie Religion besaßen. Lernte man also nichts? Bewahre! Man lernte tüchtig T h o r a h oder gar Talmud. Den Ausdruck Religionsunterricht kannten wir nicht; Talmud-Thorah kannten wir. Charakteristisch, daß an erster Stelle der Talmud steht. Damit war aber nicht gerade gesagt, daß die Talmudpflege den größten Teil der religiösen Unterweisung in Anspruch nahm. Für die religiöse Führung und Lebenshaltung waren in allererster Reihe die Väter und Mütter besorgt. Die Schule gab uns die Kenntnis der heiligen Bücher in hebräischer Sprache und die vollkommene Sicherheit im Verständnis der synagogalen als privaten religiösen Praxis. Die Lehrer — selbst Muster tadellosen religiösen Lebenswandels — setzten die sorgsam-liebevolle Arbeit der Eltern fort. So religiös präpariert kam man in die Mittelschule. Der Lehrer hatte nun keine schwere