Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1912-01-26 · Heft 2 (26.1.1912) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 2 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2425679-2425857-2425860--2273-2428692
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 2 „Neue National-Zeitung" Seile 7 wie es als Zehent in der heiligen Schrift erwähnt ist Ein solches Bindemittöfl, Wohltun, ist segensreicher und stärker, als da® Sichanklammern an •eine tote Sprache, die nur von ganz Wenigen verstanden wird. Die sodann entstehenden, begeisterten Freund«) des Judentums werden dann auch gerne die heute so angefeindeten Kultursteuern beizählen, wenn es gilt, mit diesen Steuergeldern in erster Linie Wohltaten zu vollbringen, statt daß dieselben, wie es heute zum Teilet der Fall ist, für orthodoxe/Zwecke verwendet werden. In Eteutschland, speziell in Berlin, bestehen bereits rein d e u t s c h »et, freireligiöse, jüdische Gemeinden. Ich habe einem derartigen Gottesdienste als Kind beigewohnt, und ging damals tief ergriffen nach Hause, da ich alles verstanden hatte, während die Jugendgottesdienste in Wien mir stets unverständlich blieben, und keinerlei Gefühle oder Wärme in mir auszulösen vermochten. (Schluß folgt.) Deutsche Forschungen inPalästina. (Ein Vortrag im Beisein des Kaisers Wilhelm II.) Berlin, Mitte Jänner. Die Deutsche Oriontgosellschaft veranstaltete Sonntag, den 14. ,länncr, im Saale der Singakademie einen Vort r a g sabend, den der deutsche Kaiser durch seine Anwesenheit auszeichnete. Professor Dr. CeltI W tot z i n g e r, Ordinarius dor klass. Archäologie an der Universität (Vlbßoü, hielt einen durch zahlreiche Lichtbilder erläuterten Vortrag über „D (Mi t s c h e Forschungen i n Pal ä- .< t i n a'\ Der Vortragende, der im Auftrage d,er Deutschen Orien.tgesellschaft 1905 mit Kog.-Baumeister Kohl die S v n a. g o g e ii r n i neu G a 1 i 1 ä a s untersucht und später mid 1909 an den ebenfalls von der D. O.-G. 'veranstalteten, von Prof. Sellin (Rostock, früher Wien) gekitteten Ausgrabungen in «7 o r i c Ii n reilg-pnomMien, gab einleitend einen kurzen Ueherblick über die bisherigen Forschungen auf dem Boden des heiligen Landes. Palästina, so führte der Vortragende aus. ist erst verhältnismäßig sehr spät zum Gegenstand eingehender und systematischer geographischer und archäologischer Forschung gemacht worden. Millionen haben das Land als Reisende oder Pilger betreten, ehe man daran gedacht ha/t, es der Wissenschaft des Spatens zu erschließen und zu versuchen, .ob sich nicht dem spröden Boden steinerne Zeugnisse abgewinnen lassen, die uns in den Sv.:nd setz:ai. die biblischen Berichte besser zu verstehen und nachzuprüfen. Seit etwa zwei J ah rzehnten aber ist in dieser Hinsicht ein entschiedener Wandel eingetreten: die systematische Erter seh uns des Landes durch Ausgrabungen hat begonnen luvt! bereits werit volle Früchte getragen. Den Engländern, die mit Hilfe des reich dotierten Baiesthw Exploration Fund Bedeutendes geleistet haben, folgten die Amerikäilejr und ihnen, mit nicht geringen Erfolgen, die Deutschen. In den Jahren 1901—1903 hat Professor Sellin im Norden des Landes in der Ebene Jesrel im Kisontale — von dem das Deborahlied zu erzählen weiß — sehr ergebnisreiche Grabungen angestellt und u. a. in dem heutigen Teil Tirannek die Stelle des alten Thaanach entdeckt: ihm schloß sich 1903/05 Bauxat Schuhmache r an, der im Auftrage des deutschen Palästina- Vereins und mit Unterstützung der D. O.-G. in derselben Gegend grub und in dem Tel-el-mutesellim das biblische M e g i d d o erkannte; reiche EinZelfunde wurden dabei an beiden Stellen zutage gefördert. Sind auch alle diese Arbeiten in erster Linie in religionsgeschichtlichem Intprossp unternommen worden, so ist ihr kulturhisitiorisoheir und archäologischer Gewinn wohl mindestens ebenso hoch zu veranschlagen. In kaum geringerem Grade gilt dies von den Forschung, die der Vortragende 1905 mit Kohl und H ö 1scher in den Synagogenruüien Galiläas vorgenommen und deren Ergebnisse er seinen aufmerksam folgenden Zuhörern in wohlgelungenein Lichtbildern vorführte. Bei diesen Arbeiten handelte e«s sieh nicht um Grabungen, sondern um die Freilegungüber dem Boden stehender, schuttbedeckter Affchitek'tiirraste. Auf neun verschiedene antike Orte haben sich die Arbeiten erstreckt; ihr wichtigstes Ergebnis ist die Freilegung eines noch in seinen Trümmern großartigen und baugeschichtlich ungemein interessanten Synagogenbaues im alten Kapernaum (Kephap Nach um, heute unter dem Namen Tell-ttuin ein großes ßiiinenfeld). Schon der Grundriß des Tempels von Kapernaud» läßt uns als seine En tstnhungszek das erste oder zweite nachchristliche Jahrhundert erkennen. Wesentlich denselben Typus zeigen auch die untersuchten Synagogenreste an den anderen Orten. Eine weitere Untersuchung ergab, daß alle Synagogen jener Zeit zweistöckig, d. -h. oben mit Emporen versehen waren, auf denen die Frauen Platz nahmen. Ueberaus interessant sind du\ wenn auch spärlichen Beste eines künstlerisch durchaus nnverächtlichen Skulpturensehmucks. Auch die Pulte für den T h o r a v o r le s e r, die vielfach die Form eines muschelförmigen Baldachins zeigen. ebenso die Schränke, die der Aufbewahrung der ThoraroIIen dienten, trüge« Arabeskenschniuck und lassen die Absicht künstlerischer Gestaltung erkeainen. Wüßten wir es nicht atis anderen Quellen, sa könnten diese Synagogenhauten, in denen sich israelitische und römische Stilformen reizvoll mischen, es uns in charakteristischer Weise deutlich machen, wie die Städte Galiläas in jener verhätlnismäßig glücklichen Menschheitsepoche unter dem Antoninus-Szepter, vielleicht sogar unter der materiellen Beihilfe eines Antoninus Pius und Alexander Severus Sitze einer blühenden Kultur waren. Zum Schluß gab der Vortragende noch ein zusanwiienfass-endes Bild von den Ausgrabungen in. Jericho. Er zeigte die vierfache Schicht, die wir in den erhaltenen baulichen Resten, namentlich der grandiosen, zum Teil wahrhaft zyklopischen Mauer zu unterscheiden haben, und die Ansiedelung — in kanaanitischer, f r ü h i s r a e 1 i t ischer, i s r ö; e 1 i t i s c h e r Königs- und zuletzt in byzantinischer Zeit. Weitaus die wichtigste und umfangreichste von diesen war die der Königszeit. Die Großartigkeit der aus jener Zeit stammenden Baureste, namentlich der Mauer, die eine Doppelmauer war und als fortifikutorische Anlage noch heute unsere Bewunderung verdient, wußte der Vortragende im Bilde anscha-u-lich zu machen. „Die Trompeten von Jericho, mit denen Jostia die Alauern der Stadt umblies." bemerkte der Vortragende zum Schluß launig, „habe man zwar nicht gefunden, aber dafür die totem Stein trümm er zum Reden gebracht." Auch die bedeutenden Reste eines großen Wohnhauses, in dem der Vortragende den Palast des C h i e 1, des Neugründers von Jericho im 9. vorchristl. Jahrhundert wiederentdeckt zu haben glaubt, wurden eingehend geschildert. Mit dem Wunsche, daß die D. O.-G. das so glücklich begonnene Unternehmen der palästinensischen Ausgrabungen mit gleicher Tatkraft und gleichem Erfolge weiterführen möge, schloß Prof. Watzinger seinen gehaltreichen Vortrag. Nach Schluß desselben wurde Herr Dr. James Sim o n, der Präsident des „Hilfsvereines d>er deutschen Juden", der in überaus mnnifizeiiter Weäse die Palästinaforsehungon fördert, vom Kaiser durch eine Ansprache ausgezeichnet. Unsere P. TV Abotinenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht. Die Administration.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.